«Wir bieten Kooperationen»

Interview mit Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber

Brandenburgs Wirtschaftsminister Alfred Gerber
Der brandenburgische Wirtschaftsminister Alfred Gerber (SPD)

Der brandenburgische Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) befindet sich derzeit mit einer Unternehmerdelegation noch bis zum 3. Dezember in Chile. Zuvor war er in Peru. Cóndor-Chefredakteur Arne Dettmann führte mit ihm ein Interview.

 

Herr Wirtschaftsminister, was führt Sie in so weit entfernte Länder wie Peru und Chile? Wen werden Sie vor Ort besuchen, was ist Zweck der Reise?

Chile und Peru haben sich zu den ökonomischen Wachstumsmotoren Südamerikas entwickelt und bieten verlässliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Das sind gute Voraussetzungen für Kooperationen mit brandenburgischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen. Mit Blick auf den Klimawandel können brandenburgische Unternehmen ihre Expertise im Bereich der Umwelttechnologien anbieten. Wir wollen Kontakte ermöglichen und für den Wirtschaftsstandort Brandenburg werben. Unter anderem ist ein Gespräch im chilenischen Wirtschaftsministerium geplant.

Uns verbindet mit Chile und Peru bereits eine jahrhundertelange Tradition. Alexander von Humboldt, der in Brandenburg seine Universalstudien betrieb, hat Südamerika als erster Forscher bereist und systematisch erkundet. An diese Tradition können brandenburgische Forschungseinrichtungen heute anknüpfen. Ihre Forschungsgebiete reichen von der Untersuchung von Erdbeben- und Tsunami-Phänomenen bis hin zur Erforschung von Klima- und Umweltgeschehen und ihren Folgen für die Region.

Die hohe Präsenz brandenburgischer Forschungsinstitute in Chile und Peru kommt nicht von ungefähr. Die Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg weist mit 21 Hoch- und Fachhochschulen sowie mehr als 200 außeruniversitären Forschungseinrichtungen die höchste Dichte an wissenschaftlichen Einrichtungen in ganz Deutschland auf.

 

Erzählen Sie unseren Lesern doch bitte etwas über Ihr Bundesland: Wo steht Brandenburg heute, 25 Jahre nach seiner Gründung?

Brandenburg hat sich zu einem erfolgreichen, modernen und dynamischen Wirtschaftsstandort entwickelt. Doch der Umbau von der Plan- zur Marktwirtschaft war schwer: alte Märkte brachen weg, neue mussten erst erschlossen werden. Betriebe mussten schließen. Die Arbeitslosigkeit schnellte dramatisch in die Höhe – zeitweilig 20 Prozent. Doch im Oktober dieses Jahres verzeichnete Brandenburg mit einer Arbeitslosigkeit von 7,3 Prozent den niedrigsten Wert seit 1990. Das ist ein großer Erfolg, den Politik, Wirtschaft und Sozialpartner gemeinsam erreicht haben.

Das bestätigt unseren Kurs, die Wirtschaftsförderung auf unsere Stärken zu konzentrieren. Brandenburg hat einen starken Mittelstand. Wir verfügen auch wieder über ein hohes und solides industrielles Niveau quer durch alle Regionen.

Ein gutes Vierteljahrhundert nach dem Ende der DDR-Planwirtschaft gibt es mehr als 1.200 Industrieunternehmen mit rund 100.000 Beschäftigten und einem Umsatz von 25,5 Milliarden Euro im Land. Kurzum: Brandenburg bietet heute beste Perspektiven – hier lässt es sich gut arbeiten und gut leben.

 

Gibt es bereits Kooperationen und Wirtschaftsbeziehungen zwischen Chile und Brandenburg?

Am stärksten ausgeprägt sind die brandenburgischen Wirtschaftsbeziehungen mit Chile im Bereich Bergbau. Hebezeuge und Fördermittel für den Bergbau aus Brandenburg sind in vielen chilenischen Minen zu finden. Darüber hinaus gibt es sehr intensive Beziehungen in der Holzwirtschaft. Neben dem klassischen Handelsgeschäft zwischen den beiden Ländern ist ein chilenisches Unternehmen aus der Branche auch in Brandenburg als Investor aktiv.

Seit Jahren gibt es Kooperationen zwischen chilenischen und brandenburgischen Institutionen aus den Bereichen Wissenschaft und Wirtschaft. Hervorheben möchte ich zum Beispiel die universitäre Ausbildung von sogenannten Transformationsagenten als Berater für Fragen der Energiewende oder regionaler Klimaschutzprojekte in Santiago de Chile. Dabei arbeiten die Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde und das Kolleg für Management und Gestaltung nachhaltiger Entwicklung eng mit der Universidad Academia de Humanismo Cristiano zusammen. Auf dieser Basis ist mit Unternehmen aus beiden Ländern ein praxisorientierter Studiengang entwickelt worden.

Ein ähnliches Ziel hat die Solarschule der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie Berlin-Brandenburg. Sie bietet mit einem chilenischen Partner in Santiago de Chile eine Weiterbildung für Techniker und Installateure im Bereich Solarthermie, Photovoltaik und Energieeffizienz an.

 

Landeshauptstadt von Brandenburg ist Potsdam, wo auch Chiles Präsidentin Michelle Bachelet Mitte der 70er Jahre lebte. Was charakterisiert diese so geschichtsträchtige Stadt?

Potsdam ist als Landeshauptstadt einerseits das politische Zentrum des Landes Brandenburg Die Stadt ist aufgrund ihrer geschichtlichen Bedeutung aber auch ein Touristenmagnet. Seit 1990 zählt die  Potsdamer Kulturlandschaft mit ihren Schlössern und Gärten zum Unesco-Welterbe. Hier gibt es das Holländische Viertel, die russische Kolonie Alexandrowka oder auch den Filmpark Babelsberg. Jedes Jahr kommen 16,5 Millionen Tagestouristen nach Potsdam, außerdem verzeichnet die Stadt jährlich über eine Million Übernachtungen.

International bekannt ist Potsdam auch durch die Medienstadt Babelsberg, die auf dem historischen Filmgelände – der Wiege des deutschen Films – entstanden ist. Hier gibt es mittlerweile mehr als 100 Unternehmen der Medienbranche. Und die Babelsberger Filmstudios können in den vergangenen 15 Jahren 46 Oscar-Nominierungen und 14 Oscar-Gewinne vorweisen. Diese Erfolgsbilanz belegt, dass sich unsere Traditions-Studios als verlässlicher Partner in Hollywood etabliert haben. Sie leisten damit einen wichtigen Beitrag zum Standortmarketing für Brandenburg.

 

Wie steht es mit dem sogenannten Aufbau Ost? Haben die neuen Bundesländer wirtschaftlich das West-Niveau erreicht? Wo liegen die Herausforderungen?

Wir haben heute in den meisten Bereichen eine Infrastruktur auf Westniveau. Das Problem ist aber, dass im Osten oftmals lediglich produziert wird, was im Westen erforscht und entwickelt wurde. Nach dem jüngsten Bericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit lag die Wirtschaftskraft je Einwohner im Osten 2015 noch immer 27,5 Prozent unter dem Niveau in den westdeutschen Ländern. Da ist manchmal auch etwas Langmut erforderlich.

Wichtig ist, dass unsere Unternehmen Kreativität und Innovationsstärke beweisen. Nur so können sie sich im Wettbewerb behaupten. Gemeinsam mit der Hauptstadt Berlin in unserer Mitte haben wir deswegen eine Innovationsstrategie entwickelt. Damit unterstützen wir unsere Betriebe dabei, dass aus guten Ideen schnell marktfähige Produkte werden.

 

Wie beurteilen Sie die Flüchtlingssituation in Deutschland? Warum reagieren inbesondere die Bürger in ostdeutschen Bundesländern mit einer ablehnenden Haltung?

Das beste Mittel gegen Fremdenfeindlichkeit sind immer persönliche Kontakte. Dafür gibt es auch in Brandenburg zahlreiche Beispiele. Viele unserer Unternehmen suchen händeringend Nachwuchs. Und viele der Menschen, die zu uns kommen, sind hoch motiviert. Sie wollen etwas lernen, sie wollen arbeiten. Das passt eigentlich gut zusammen.

Die hohen Flüchtlingszahlen haben uns vor große Herausforderungen gestellt. Sprachkenntnisse sind eine Grundvoraussetzung, damit sich Flüchtlinge integrieren und in der Arbeitswelt orientieren können. Und am Ende, da bin ich sicher, wird das auch gelingen.

 

Herr Minister, ich bedanke mich für das Gespräch.

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