Wenn das Eis der Antarktis schmilzt…

Antarctic Circumnavigation Expedition (ACE)

Antarktis
Das Forschungsschiff der ACE-Expedition legte am 20. Dezember 2016 in Kapstadt ab und ist nun dort nach drei Monaten der Antarktis-Umrundung wieder zurückgekehrt. Unterwegs machte das Schiff auf mehreren Inseln und dem antarktischen Festland Station. Den Großteil der Reise hat der schwedisch-schweizerische Unternehmer Frederik Paulsen finanziert.

Am Sonntag vergangener Woche endete in Kapstadt – nach einem Aufenthalt im chilenischen Punta Arenas – die schweizerische ACE-Forschungsexpedition und deren dreimonatige Antarktis-Umrundung. An Bord des russischen Schiffes «Akademik Tryoshnikov» arbeiteten in drei Etappen mehr als 150 Wissenschaftler, um neue Erkenntnisse über Klimawandel und bedrohte Tierarten zu gewinnen. Organisiert wurde das Unternehmen vom Swiss Polar Institute, zu dessen Mitgründern Professor Dr. Konrad Steffen zählt. Der Cóndor-Chefredakteur Arne Dettmann führte mit dem Schweizer in Santiago de Chile ein Interview über steigende Meeresspiegel und knapper werdendes Trinkwasser.

 

Konrad Steffen
Professor Dr. Konrad Steffen ist derzeit Direktor der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft. Seine Forschungsschwerpunkte sind die klimatische Interaktion von Polar- und Alpengebieten unter Anwendung von Boden-, Flug- sowie Satellitenbasierten Messmethoden und von Klimamodellen sowie die dynamische Reaktion der Eismassen auf die Klimaerwärmung und deren Einfluss auf den globalen Meeresspiegel. Steffen ist zudem Professor an der ETH-Zürich und der EPF-Lausanne und war zuvor an Universitäten in den USA tätig.

Cóndor: Eine kuriose Frage vorweg: Wie kommt das Bergland Schweiz dazu, im Südpolarmeer zu forschen?

Prof. Dr. Konrad Steffen: Die steigenden Temperaturen führen zur Eisschmelze an den drei Polen: dem Nord- und Südpol sowie bei den Gletschern in der Gebirgswelt, also zum Beispiel den Alpen und Anden. Wir in der Schweiz sind daher vom Klimawandel ähnlich betroffen wie die Arktis und Antarktis. Das Swiss Polar Institute ist ein Zusammenschluss Schweizer Forschungseinrichtungen, die sich mit diesen Herausforderungen beschäftigen will. Ich selbst habe übrigens ab 1990 das Swiss Camp in Grönland aufgebaut, ein Messnetz mit heute 25 Stationen, um mit Hilfe moderner Technologie die Eisschmelze zu untersuchen. Ich fahre jährlich für einen Monat dorthin.

 

Wie hoch wird der Meeresspiegelanstieg sein?

Derzeit steigen die Meere im Schnitt um 3,3 Millimeter jährlich. Für das Jahr 2100 ist zu erwarten, dass der globale Meeresspiegel um einen bis anderthalb Meter höher lieg als heute.

 

Welche Folgen hat das?

Schätzungsweise 250 Millionen Menschen vor allem in Asien und dem Mittleren Osten werden davon betroffen sein und von den Küsten weg ins Landesinnere ziehen müssen. Wir werden also eine riesige Völkerwanderung haben mit den entsprechenden Problemen. Wir Europäer verkraften den steigenden Meeresspiegel besser: Die Holländer bauen höhere Dämme, die Briten stärkere Schleusen vor London. Ärmere Länder können sich einen solchen Schutz leider nicht leisten.

 

Ist der Klimawandel wirklich nur auf den Menschen zurückzuführen?

In der Wissenschaft ist unbestritten, dass die Zunahme von Kohlendioxid durch das Holzen der Wälder und die Nutzung fossiler Brennstoffe herrührt. Man streitet sich nur noch darüber, welchen Anteil der menschliche Faktor an der Erderwärmung hat. Sind es 90 oder 85 Prozent?

Die eigentliche Frage ist nun, wie es weitergeht. Die Ozeane bilden natürliche Senken, die Kohlendioxid speichern. Die oberste Wasserschicht ist allerdings schon gesättigt. Bei steigenden Temperaturen kann diese Wasserschicht noch weniger Kohlendioxid aufnehmen, womit der Klimawandel noch schneller ablaufen wird. Schmilzt beispielsweise das gesamte Grönlandeis, denn würde der globale Meeresspiegel um sechs Meter steigen. Allerdings müssen wir uns keine Sorgen machen, die Eiskappe hätte bei gleichbleibendem Volumenverlust noch für 7.000 Jahre Eis. Ein komplettes Abschmelzen der Antarktis würde zu einem 60 Meter höheren Meeresspiegel führen, was allerdings langsam über Zehntausende von Jahren abliefe.

Das alles sind Szenarien. Letztendlich muss die Wissenschaft klären, welche weiteren Faktoren bei unseren Annahmen eine Rolle spielen – zum Beispiel Meeresströmungen – und wo es Varianten eines natürlichen Zyklus sowie Rückkopplungseffekte gibt. Klima kann recht variabel sein. Wir brauchen Langzeitmessungen mit einer Laufzeit von über 30 Jahren, um Daten richtig zu interpretieren und Modelle zu entwickeln.

 

Kann der Mensch das Steuer noch herumreißen?

Natürlich kann man nicht die Industrie von heute auf morgen ändern. Aber ich glaube, dass die westliche Welt ihren Kohlendioxid-Ausstoß reduzieren wird. Die Schweiz will schon bis 2030 diese Emissionen um 50 Prozent drosseln. Das ist machbar. Decarbonizing («Entkohlung»; Anmerk. d. Red.) genügt aber nicht. Eine weitere Herausforderung stellt die wachsende Weltbevölkerung dar, für die mehr Energie gebraucht werden wird. Der Reisanbau und die Rinderhaltung verursachen ebenfalls einen hohen Ausstoß von Klimagasen. Doch auch hier können wir nicht einfach Kühe und Reis von heute auf morgen abschaffen. Es gibt also noch viele Probleme, die wir diskutieren müssen.

 

Herr Professor Steffen, wir bedanken uns für das Gespräch.

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