«Der Mensch muss lernen, welch Juwel das Wasser ist»

Wasserwirtschafts-Expertin Dora Schulte zum Tag des Wassers am 22. März

Weltwassertag
Der Weltwassertag wird seit 1993 jährlich am 22. März begangen und ist ein Ergebnis der UN-Weltkonferenz über Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro. Im Jahr 2017 werden sich Veranstaltungen rund um den Weltwassertag und der Weltwasserbericht mit den Themen Abwasser und Abwassernutzung beschäftigen.

Wasser ist die Grundlage für alles Leben auf der Erde. Auf die Notwendigkeit des vernünftigen Umgangs mit dem nassen Gut wird wieder allerorts am 22. März, dem von den Vereinten Nationen ausgerufenen Internationalen Tag des Wassers, hingewiesen.

Weltwassertag
Dora Schulze ist Abteilungsleiterin im Wasserwirtschaftsamt für den bayerischen Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Ihr Aufgabengebiet umfasst unter anderem die Trinkwasserversorgung, Abwasserentsorgung sowie der Schutz des Grundwassers und der Gewässer.

Cóndor-Redakteurin Petra Wilken führte aus diesem Anlass ein schriftliches Interview mit der Regierungsbaumeisterin Dora Schulze, die seit 27 Jahren bei der Bayerischen Wasserwirtschaftsverwaltung tätig ist. Die Deutsch-Kolumbianerin ist seit 2015 für das Bayerische Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz in spanischsprachigen Ländern unterwegs, um die internationale Zusammenarbeit beim nachhaltigen Wassermanagement zu fördern.


Wie ernst sind die Warnungen über immer knapper werdende Wasserressourcen in der Welt zu nehmen?

Ich würde diese Warnung ernst, aber differenziert betrachten. Wir haben zum einen den Klimawandel, sei es in der Form von schmelzenden Gletschern, weil wir die Klimaerwärmung nicht aufhalten können, oder in der Form von «vorher nie gesehenen» Hochwasser- und Überschwemmungsereignissen. Längere Trockenperioden machen auch uns in Bayern zu schaffen. Die jahreszeitliche Verschiebung der Niederschlagsmengen, die letztendlich dafür verantwortlich sind, dass unsere Wasserressourcen wachsen, zwingt uns, das Management zu überdenken und neue Strategien zu entwickeln.

Auf der andern Seite begegnet uns eine nicht proportionale Verteilung der weltweit vorhandenen Wasserressourcen, da immer mehr Menschen in Ballungsgebiete ziehen, wo sich nicht unbedingt die besten Wasser-Reservoirs befinden. In Südchile zum Beispiel kann man von Wassernot nicht sprechen. Weiter nach Norden wird der Durst größer, denn dort befinden sich die Obstplantagen, die Bodenschätze, die großen Städte.

Dieses Phänomen haben wir auch in Bayern. Im Süden nah der Alpen haben wir ein so großes Grundwasserangebot, dass wir nicht darüber nachdenken brauchen, dass es irgendwann knapp werden könnte. Nach Norden hin steigt die Wasserknappheit. Bereits vor 30 Jahren wurden Überleitungssysteme gebaut, um Wasser aus dem Donaueinzugsgebiet in das des Rheins überzuleiten. Dadurch werden in Trockenzeiten Mindestwassermengen in den Gewässern erreicht.

Das Problem von Angebot und Nachfrage wird sich mit dem Klimawandel verschärfen, denn das Wasser muss dorthin gebracht werden, wo es gebraucht wird. Die Wasserressourcen werden meiner Meinung nach nicht knapper. Sie liegen nur in vielen Fällen nicht dort, wo die Menschen leben.

Das ist für uns alle eine enorme Herausforderung, denn die, die viel Wasser haben, müssen sparen, damit die, die wenig Wasser haben, mehr bekommen.


Wie steht es Ihrer Meinung nach um die Wasserversorgung in Chile?

In Chile liegt meiner Meinung nach eine der größten Herausforderungen im Umgang mit den Wasserrechten. Wenige Länder in der Welt haben das chilenische System der privaten Wasserrechte. In den meisten Ländern ist das Wasser ein Allgemeingut. Chile hat sich dazu entschieden, über das System der Wasserrechte die Verteilung des Gutes Wasser von der öffentlichen Hand an die Eigentümer dieser Rechte zu übertragen.

Das führt zu einer fiktiven Wasserknappheit im Süden, wo es eigentlich genug Wasser geben sollte. In der Mitte des Landes oder nach Norden hin wird es immer schwieriger, da die Rechte nicht unbedingt den Wasserversorgern gehören, sondern anderen Nutzern. Da der Staat oder die Allgemeinheit nicht über das Wasser verfügen und eine Umverteilung wegen der langen Strecken auch schwer zu realisieren scheint, ist es umso wichtiger, das vorhandene Wasser sorgfältig zu nutzen, nicht zu verschwenden und wenn möglich nicht zu verschmutzen.


Können Sie uns bitte kurz erklären, was man unter nachhaltigem Wassermanagement versteht?

Wir haben bereits über Klimawandel, die veränderte Demografie, den Siedlungsdruck, die Übernutzung und Verunreinigungen des Wassers gesprochen. Um das Wasser nachhaltig zu managen, bedarf es eines Gesamtkonzeptes, denn Wasser lässt sich nicht vermehren.

Beginnen sollte man mit dem sparsamen Umgang des sauberen Süßwassers sowohl im Haushalt als auch in der Landwirtschaft und in der Industrie. Die Übernutzung von Grundwasservorkommen und Oberflächengewässer muss eingestellt werden, denn die Trockenlegung der Flüsse und Senkung des Grundwasserspiegels hat katastrophale Folgen für die Umwelt und damit auch für die Menschen und die Tierwelt.

Nachhaltig heißt aber auch, dass die Nutzung in Verbindung mit der Reinigung der Ressource stehen muss. Eine nachhaltige Bewirtschaftung natürlicher Wasserressourcen heißt für mich, dass die Ressource nur so genutzt wird, dass sie anschließend weiterhin zur Verfügung steht, in Qualität und Quantität, für Mensch, Tier und Pflanzenwelt.


Gibt es Best-Practice-Erfahrungen aus Deutschland, die auf Chile übertragbar wären?

Sicher gibt es viele Erfahrungen in Bayern und Deutschland, die auf Chile übertagbar wären. In erster Linie steht jedoch die Sensibilisierung der Bevölkerung, unabhängig von Alter oder Position, egal ob es sich um einen Industriekomplex, einen Vier-Personen-Haushalt oder ein Hotel handelt. Der Mensch muss lernen, welch Juwel das Wasser ist, er muss es respektieren. Nur wenn jeder einzelne versteht, wie wichtig es ist, keinen Tropfen Wasser überflüssig zu verschwenden, werden viele Projekte realisiert werden können.

Unser Know-how in der Sanierung von Oberflächenflächengewässern erfährt weltweit Anerkennung. In unseren Flüssen finden wir heute Fische, die über Jahrzehnte ihren Lebensraum verloren hatten. Die Wasserqualität hat sich in vielen Seen so verbessert, dass das Schwimmen gefahrlos möglich ist. Trockene Gewässer haben wieder Wasser, zumindest im Bereich eines ökologisch festgelegten Mindestwassers, das den Fischen das Überleben sichert. Wir verfügen über modernste Messtechnik für die Überwachung von Quantität und Qualität. Wichtig ist, dass die Ziele klar definiert werden, um das Know-how und die vorhandenen Technik anpassen zu können.


Frau Schulze, wir danken Ihnen für das Interview.

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