Von Erfolgen, Exzessen und Erlösern

Die sogenannten Chicago Boys waren chilenische Wirtschaftswissenschaftler, ausgebildet an der University of Chicago, die ab Mitte der 70er Jahre radikal-liberale Reformen in Chile durchführten.
Die sogenannten Chicago Boys waren chilenische Wirtschaftswissenschaftler, ausgebildet an der University of Chicago, die ab Mitte der 70er Jahre radikal-liberale Reformen in Chile durchführten.

Wie eine Achterbahnfahrt liest sich Chiles jüngste Wirtschaftsgeschichte: Der Journalist Carlos Tromben beschreibt Rezessionen, Skandale und erfolgreiche Reformen von 1974 bis 1994.

Von Arne Dettmann

Wie war das noch einmal? Der sozialistische Präsident Allende scheiterte, es kam 1973 zum Putsch. Was dann folgte, war eine radikale neoliberale Rosskur, die aus Chile das machte, was es heute ist: einer der wirtschaftlich erfolgreichsten Staaten Südamerikas. – Vorsicht, halt! So einfach liegen die Dinge dann doch nicht.

Der aus Valparaíso stammende Journalist Carlos Tromben wollte es genauer wissen und forschte nach, was zwischen 1974 und 1994 im Detail passierte. Über ein Jahr lang durchwühlte er Aktenberge der Aufsichtsbehörde für Wertpapierhandel, Dokumente des Liegenschaftskatasters, offizielle Bekanntmachungen von Firmen, Sitzungsprotolle und Pressenachrichten. Hinzu kamen Interviews mit ehemaligen Beamten und Firmenangestellten aus der damaligen Zeit.

Die langwierige Recherche ganz im Sinne eines investigativen Journalismus hat sich gelohnt, denn Carlos Tromben hat mit «Crónica secreta» nun ein Buch vorgelegt, in dem anschaulich erklärt wird, wie es zu ökonomischen Fortschritten und Rezessionen kam und welche Rolle die Unternehmer und Politiker in den Jahren der Umwälzungen spielten.

Klar ist: Ganz so reibungslos lief dieser gewaltige Wandel nicht ab, auch wenn einige das vielleicht vergessen haben sollten – Carlos Tromben spricht im Buch stets vom «País que Olvidamos».

Cronica secreta de la economia chilena, Carlos Tromben, Editorial B, 2016, ISBN 956304214X
Cronica secreta de la economia chilena, Carlos Tromben, Editorial B, 2016, ISBN 956304214X

Die ab 1974 durchgeführte Schocktherapie mit drastischer Kürzung der öffentlichen Ausgaben und Marktderegulierung bedeutete eine Abkehr von der Jahrzehntelang zuvor praktizierten nationalistischen Wirtschaftspolitik. Die als Chicago Boys bezeichneten chilenischen Ökonomen, ausgebildet an der University of Chicago und von General Pinochet nun für das technisch-rigide monetaristische Programm eingesetzt, erreichten, was ihre Vorbilder – der US-Wirtschaftswissenschaftler Milton Friedmann und der österreichische Ökonom Friedrich August von Hayek – prophezeit hatten: Die horrende Inflationsrate von mehr als 500 Prozent ging deutlich zurück. Im Zeichen der weltweiten Ölkrise nahm allerdings auch die Arbeitslosigkeit zu, während das Bruttoinlandsprodukt einbrach.

Der Konjunktureinbruch 1981/82 traf das Land noch härter. Auslöser waren die Hochzinspolitik der USA sowie die zweite Ölkrise. Doch nicht ausschließlich externe Faktoren können für das Desaster verantwortlich gemacht werden. Im Zuge der Deregulierung der Finanzmärkte und Abschaffung der Kapitalverkehrskontrollen hatten sich die chilenischen Banken massiv im Ausland verschuldet und im Inland das Geld weiter verliehen. Der Autor beschreibt eindrücklich – und gut belegt – wie hier Finanzjongleure den großen Reibach machen wollten.

Das Prinzip dabei lief nach dem sogenannten Ponzi-Schema ab, benannt nach einem italienischen Einwanderer in den USA, wobei immer mehr Neuanleger angelockt werden, um Altanlegern die versprochenen Renditen zu zahlen. Waghalsige Querfinanzierungen, Verschleierung von Schulden, Scheinfirmen, Haftbefehle – das Kapitel weist alle Zutaten für einen packenden Wirtschaftsthriller auf. Großunternehmer bedienten sich bei den privaten AFP-Pensionsfonds und waren gleichzeitig deren Eigentümer.

Die chilenische Bankenkrise verschärfte noch die Wirtschaftskrise. Hatten die Chicago Boys 1979 zur Bekämpfung der Inflation den Peso an den Dollar gebunden, was Exporte verteuerte und Importe verbilligte und zu einem Handelsbilanzdefizit führte, sahen sie sich nun gezwungen, den Peso abzuwerten, um das Defizit zu verringern. In der Folge stiegen die Zinsen der Fremdwährungskredite enorm an, Chiles Wirtschaftsleistung brach im zweistelligen Bereich ein, die Arbeitslosigkeit kletterte auf mehr als 20 Prozent.

Ausgerechnet der von den marktradikalen Reformern verhasste Staat musste nun als Retter einspringen und die Banken vor ihrem Untergang bewahren. Die Tage der ersten Generation der Chicago Boys waren gezählt. Nun kam die «Version 2.0» zum Zuge. Der Pragmatiker Hernán Büchi machte ab 1985 als Finanzminister nicht den gleichen Fehler, sondern setzte auf eine moderate Regulierung und Aufsicht der Kapitalmärkte. Das liberale Grundrezept führte er allerdings fort: Verschlankung des Staatsapparates und Reduzierung der Ausgaben, Außenhandelsöffnung sowie Steuersenkungen, um Wachstum zu generieren.

Carlos Tromben gibt denkwürdige Einblicke, wie Politik in jenen Tagen ablief und wahrscheinlich auch heute noch in anderen Erdteilen dieser Welt praktiziert wird. So reiste Büchi im April 1986 nach Washington, um die USA dazu zu bringen, bei der Weltbank einen Kredit für das finanzklamme Chile herauszuschlagen. Sein amerikanischer Gesprächspartner zeigte sich zwar nicht abgeneigt, wies aber darauf hin, dass die Menschenrechtsverletzungen unter der Militärregierung kein gutes Echo in der liberalen US-Presse gefunden hätten und Nachrichten darüber sogar im US-Kongress diskutiert würden. Was diplomatisch fein ausgedrückt war, bedeutete im Klartext: Geld gibt´s erst, wenn die politische Verfolgung aufhört. Büchi wiederum dürfte klar gewesen sein, dass er in dieser Angelegenheit machtlos war.

Es gehört wahrscheinlich zu den vielen Mythen, dass die Militärregierung und die Chicago Boys immer unisono im Einklang vorgingen. Doch das war keineswegs so. Bei der Privatisierung ab 1985 entließ Chile Unternehmen wie CAP, Iansa, Lan, Entel, Soquimich und Chilectra aus der staatlichen Obhut von Corfo – ein Vorgehen, das einem Junta-Mitglied überhaupt nicht ins strategische Konzept passte. Dass es trotzdem dazu kam, war laut Aussagen der ehemaligen Justizministerin Mónica Madariaga auf die Überredungskunst zurückzuführen. Wer wie Finanzminister Sergio de Castro mit einer unglaublichen Hartnäckigkeit und technokratischen Überlegenheit bis hin zur Arroganz auftrat, hatte gute Chancen sich durchzusetzen. Stimmte Pinochet zu, nickte auch der restliche Militärstab die Entscheidung ab. Im Fall von Hernán Büchi kam offenbar noch glänzende Überzeugungskraft und viel Einfühlungsvermögen hinzu.

Am Ende des Transformationsprozesses entstand ein Land, das kaum noch etwas mit der Vergangenheit gemein hatte, so Carlos Tromben. Die beiden Rezessionen von 1975 und 1982 waren überwunden; Chile, in dem es zu Beginn der 80er Jahre noch an Kapital und Investitionen fehlte, exportierte nun kräftig Fisch, Zellulose und landwirtschaftliche Produkte.

Es entstand eine neue Mittelschicht, viele Frauen wurden in den Arbeitsmarkt integriert – mit den typischen Folgen eines sich entwickelnden Landes: Armut, Unternährung und Krankheiten gingen zurück, allerdings auch die Geburtenrate. Der Immobilienboom veränderte die Städte, der Verbraucher hatte Zugang zu Malls und Krediten. Das Trauma der Vergangenheit schien überwunden und vergessen.

«Crónica secreta» liest sich leicht verständlich und ausgeglichen, was bei diesem wirtschaftlichen und politisch nach wie vor brisanten Stoff keine Selbstverständlichkeit ist. Den Fokus setzt der Autor auf die sogenannten «grupos económicos», den Konglomeraten und mächtigen Konzernen mit politischem Einfluss. Mit legalem, halblegalem und teilweise nicht mehr ganz so legalem Vorgehen vergrößerten sie aggressiv ihr Vermögen.

Allerdings verbeißt sich Carlos Tromben dabei zu häufig in Details, wie zum Beispiel um die Unternehmer Manuel Cruzat Infante und Fernando Larraín, die einst in den 70er und 80ern mit ihrer Firmengruppe – von Kritikern als die «Pirañas» bezeichnet – eine bedeutende Rolle spielten. Auch die immer wiederkehrenden Abhandlungen über Sebastián Piñera wirken irgendwann ermüdend. Dass kein Mensch auf dieser Welt einen Heiligenschein mit sich herumträgt, dürfte jedem klar sein. Mehr Kürze hätte dem Buch gut getan.

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