Verstädterungsboom ohne Ende

Immer mehr Menschen zieht es in die Städte. Bereits heute lebt jeder zweite Erdenbürger in einer Metropole. Im Jahr 2050 werden es laut der Stiftung Weltbevölkerung sogar mehr als zwei Drittel sein. Dabei ist das Phänomen Urbanisierung relativ jung.

 

Derzeit leben 280 Millionen Menschen in den 20 größten Metropolen der Welt. Der größte städtische Ballungsraum stellt dabei Tokio mit 38 Millionen Menschen dar. Es folgt Neu-Delhi mit mehr als 23 Millionen und Mexiko-Stadt mit mehr als 20 Millionen Einwohnern. Und was für die Größten gilt, trifft auch insgesamt auf die Menschheit zu: Heute lebt mit 51 Prozent etwas mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten.

Und die Zahl der Stadtbewohner wird weiter steigen. Denn für das Jahr 2050 werden nach Schätzung der Vereinten Nationen 69 Prozent der Menschen in urbanen Zentren leben. Besonders für die ökonomisch sich entwickelnden Staaten wird ein großer Bevölkerungszuwachs erwartet. Für 2050 werden in China 1,04 Milliarden und in Indien 875 Millionen Stadtbewohner prognostiziert.

 

Der Mensch wird sesshaft

Dabei ist das Phänomen der Urbanisierung noch gar nicht so alt. Denn bis ins 19. Jahrhundert hinein lebten die meisten Menschen auf dem Land. Ein Blick zurück in die Geschichte: Der Mensch wurde während der Jungsteinzeit vor etwa 12.000 bis 10.000 Jahren sesshaft, gab also sein Nomadenleben auf und betrieb vor Ort und Stelle Ackerbau und Viehzucht. Im Zuge dieser Entwicklung bildeten sich Siedlungen heraus, deren Vorteile die Menschen schnell zu schätzen lernten.

Sie mussten nicht mehr auf die Jagd gehen, sondern erhielten alles Notwendige zum Leben innerhalb der Siedlung. Nicht zuletzt der Besitz eines festen Wohnsitzes sorgte dafür, dass die Gemeinschaften immer größer wurden und aus dem Zusammenschluss von Haushalten und Großfamilien feste Dörfer und vereinzelt erste Städte entstanden. Die Basis für den viele Jahrhunderte später einsetzenden Prozess der Urbanisierung war damit geschaffen.

Der Lebensalltag innerhalb der Siedlungen vereinfachte sich in vielerlei Hinsicht. Die Nahrungsvorsorge sorgte unter anderem dafür, dass die Bevölkerungszahl sprunghaft anwuchs. Die Vorratshaltung machte es unseren Vorfahren auch in schweren Zeiten möglich zu überleben. Infolge der Arbeitsteilung entwickelten sich zunehmend Handel und der Einsatz von spezialisierten Werkzeugen.

So kam es, dass sich im Laufe des Mittelalters ein Netz von Handelsstädten und Stadtstaaten herausbildete. Ein urbaner Schub war die Folge. Bereits zu dieser Zeit zählten die Städte teilweise mehr als 20.000 Einwohner. Dennoch war die Anzahl der Stadtbewohner gemessen an der Gesamtbevölkerung bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts sehr begrenzt. Nur neun bis 14 Prozent der Menschen lebten nach Schätzungen des Wirtschaftshistorikers Paul Bairoch in der Stadt. Von einem Urbanisierungsprozess kann also auch hier noch nicht die Rede sein.

 

Industrialisierung

In Europa war es hauptsächlich die Industrialisierung, die während des 19. Jahrhunderts eine entscheidende Veränderung mit sich brachte. Wegen des hohen Bevölkerungswachstums und der niedrigen Sterberate kam es auf dem Land zunehmend zu Verknappungserscheinungen. Das Land bot nicht mehr ausreichend Fläche, um allen Menschen Nahrung und Arbeit zu geben. Die Lösung für dieses Problem boten die Städte.

Immer mehr Industriebetriebe siedelten sich in den urbanen Zentren an und konzentrierten Arbeit und Kapital. Deshalb wanderten viele Menschen vom Land ab, besonders diejenigen, die keinen eigenen Grundbesitz hatten und die auf ein besseres Leben in den Städten setzten.

Viele urbane Zentren in Europa verwandelten sich innerhalb kürzester Zeit zu Großstädten. Durchschnittlich verzehnfachte sich die Bevölkerung zwischen 1800 und 1914 in den neu industrialisierten Regionen auf 212 Millionen Menschen. Die Urbanisierungsrate stieg von zehn auf 35 Prozent im Jahr 1914.

 

Wachstum in Entwicklungsländern

Mittlerweile hat der Urbanisierungsprozess besonders in Lateinamerika, im Mittleren Osten, Afrika und Asien gewaltig an Fahrt aufgenommen. Das dürfte sich in den kommenden 25 Jahren weiter verstärken, denn im Gegensatz zu vielen europäischen Ländern ist das Leben auf dem Land noch stärker verbreitet.

Hohe Zuwanderungsraten und das natürliche Bevölkerungswachstum werfen dort viele Probleme auf: knapper Wohnraum, überlastete Infrastruktur zum Beispiel Straßen und Stadtautobahnen, hoher Energieverbruch, Lärm und Luftverschmutzung.

Ein besonders heikler Punkt stellt die Wasserversorgung dar. Laut der Vereinten Nationen haben heutzutage 2,6 Milliarden Menschen keinen Zugang zu gesundheitlich unbedenklich sanitären Einrichtungen wie Toiletten und weltweit leben 1,1 Milliarden Menschen, also ein Drittel der Stadtbewohner, ohne sauberes Trinkwasser. Ein hohes Gesundheitsrisiko und die Ausbreitung von Epidemien sind unweigerlich damit verbunden.

Das Leben in der Stadt birgt aber nicht nur lokale, sondern auch globale Herausforderungen. Mehr als 75 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen werden in Städten verursacht. Kein Wunder, denn vor allem Megastädte sind die unbestrittenen Zentren von Wachstum und Wohlstand. Bestes Beispiel dafür sind Mexiko Stadt und São Paulo, die beide 50 Prozent des landesweiten Einkommens erwirtschaften. Weltweit gesehen werden schätzungsweise 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Städten generiert.

 

Von Sabrina Greifzu

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