Die uralte Angst vor dem Hai

Praktisch kein anderer Fisch flößt den Menschen so viel Angst ein wie der Hai. Denn nicht nur in Horrorfilmen attackiert der Räuber der Meere auf mörderische Art. Wahr ist aber auch, dass die Gattung Hai wegen Überfischung als bedrohte Tierart gilt.

 

Fünf Millionen Jahre sind sie alt, die fossilen Andenken an ein längst vergessenes Erdzeitalter: Haifischzähne aus der Atacama-Wüste. Im Tertiär und dem sogenannten Obermiozän bevölkerten diese Giganten die damaligen Meere, deren Wasserspiegel zeitweise wesentlich höher lag als heute. Etwa 4,5 bis 5 Zentimeter lang ist ein solcher Zahn. Die Haie aus der Wüste tragen den wissenschaftlichen Namen «Isurus hastalis». Seit damals haben sich die heute existierenden schnellen Jäger des Meeres kaum verändert – ein Erfolgsmodell der Evolution.

Erste Vorgänger der archaischen Spezies lassen sich schon im Erdzeitalter des Devon nachweisen, also vor rund 400 Millionen Jahren. Der längste dieser Urhaie war der «Megalodon», der vor 15 Millionen Jahren auftauchte und die stattliche Länge von 16 Metern erreichte.

Durch viele Seefahrerlegenden spuken Erzählungen von Riesenhaien, die Menschen als lohnende Beute betrachten. Die Storys jagen uns auch heute – aufgeheizt durch Filme wie «Der weiße Hai» von Steven Spielberg und Meldungen über den Tod von Surfern und Schwimmern – einen Schauer über den Rücken. Das Auftauchen der berühmten, dreieckigen Rückenflosse neben dem Schiff oder am Badestrand ist ein Schrecken verbreitendes Alarmsignal.

Gleichwohl gehört der Hai inzwischen zu den gefährdeten Spezies. Fünf von rund 400 Arten wurden bei der jüngsten Artenschutzkonferenz in Bangkok Mitte März unter Schutz gestellt und dürfen nicht mehr gejagt werden – nach Meinung von Tierschützern ein kaum durchzusetzendes Verbot. Denn vor allem in Asien sind die Haifischflossen gefragt, um sie im Kochtopf zur einer Suppe zu verarbeiten. Nach Schätzungen fallen diesem Verzehrtrend rund 60 Millionen der Tiere jedes Jahr zum Opfer.

Dennoch steht der Räuber der Meere nach wie vor in dem Ruf, der Schrecken aller Taucher und sorgloser Badegäste zu sein. Fest steht, dass Haie Blut über viele Kilometer Distanz riechen können und dann schnell die Witterung aufnehmen.

Dabei sind es allerdings nur wenige Arten, von denen Attacken auf den homo sapiens bekannt wurden. In der Regel erfolgen solche Angriffe, die sich in jüngster Zeit vor allem in Australien und Südafrika wieder häuften, in den tropischen Meeren. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts wurde angenommen, dass in kälteren Gewässern keine Attacken zu erwarten sind. Im Jahr 1916 wurden die Biologen allerdings eines anderen belehrt. An der Küste von New Jersey kam es in nur zwei Wochen zu fünf Angriffen auf Schwimmer, vier der Opfer starben. Und erst jetzt wurden Attacken beim sibirischen Wladiwostok gemeldet. Der Klimawandel lockt sie mit ihren Beutefischen nach Norden.

Gegenwärtig werden weltweit jährlich rund 100 Angriffe registriert, die meisten davon im Pazifik vor allem an der australischen Küste. Fünf bis zehn enden tödlich. Die Unfälle werden meist dem imposanten Weißen Hai angelastet, doch oft sind es auch Bullenhaie. Sie schwimmen bei der Nahrungssuche auch die Flüsse aufwärts und können dort, wie am Amazonas, wochenlang verweilen. Weißspitzenhaie und Tigerhaie wurden ebenfalls als Angreifer geortet. Harmlosere Attacken erfolgen von Makohaien, Zitronenhaien, Grauen Riffhaien und Seidenhaien. Zitronenhaie sind wie der Bullenhai  in flachem Wasser und sogar in Hafenbecken unterwegs.

Der Hai beißt in der Regel einmal zu, dann schwimmt er wieder weg und lauert darauf, dass sein Opfer so viel Blut verliert, bis es so stark geschwächt ist, dass es keine Gefahr für ihn darstellt. Das rettete schon vielen Menschen das Leben, die in dieser Zwischenphase von anderen Zeitgenossen aus dem Wasser gezogen wurden. Dieses Verhalten der Haie erklärt sich aus der Vorsicht der schlauen Tiere, die um die Verletzbarkeit ihrer Augen fürchten. Gebissene Seelöwen oder Robben beispielsweise könnten mit ihren scharfen Krallen für sie noch gefährlich werden.

Die gefährlichsten Strände der Welt befinden sich in den USA, wobei zum Beispiel vor Miami Beach fast parallel zum Strand ein kühler und fischreicher Strom fließt. Auch Recife in Südamerika, Afrika und Australien und neuerdings Sharm El Sheik in Ägypten sind gefürchtet.

Berüchtigt sind in Florida die New Smyrna Beach und in Australien die Byron Bay. In der Smyrna Bay gab es bislang 425 bestätigte Haiattacken, in der Byron Bay 122. Mit tödlichem Ausgang endeten davon 19. Zur Vorsicht wird auch in Florida an der Dayton Beach und der Landkreis Volusia County gemahnt. Gerade Volusia genießt unter Surfern den Ruf «Welthauptstadt der Haiattacken» zu sein. Wissenschaftliche Mitarbeiter der University of Florida stellten fest, jeder fünfte Vorfall auf dem Globus ereignet sich in diesem Abschnitt.

In Südafrika wurden von Kapstadt bis Durban 78 solcher Angriffe bekannt. Beispielsweise wurde Anfang 2010 bei Kapstadt in Strandnähe und in nur zwei Meter tiefem Wasser ein badender Tourist buchstäblich zerfleischt. Davor wurde ein Rettungsschwimmer auf seinem Surfbrett am selben Strand getötet. Surfbretter sehen für Haie von unten wie die Leiber großer Fische aus.

Auch in Asien wird immer wieder von haiverseuchten Gewässern gewarnt, so für die Tanon Bay zwischen den philippinischen Inseln Negros und Cebu. In diesen Gewässern mit ihren über 7000 Inseln kommt es bei schwerem Wetter durch hoffnungslos überladene Auslegerboote oft zum Schiffsuntergang. Und dann sind die dort, in ohnehin überfischten Gewässern lebenden Haie am Zug. Strampelnde und um sich schlagende Menschen locken den Räuber der Meere sofort an. Zugenommen haben Hai-Attacken inzwischen auch an den neuseeländischen Küsten, berichtet das «International Shark Attack File» (ISAF) in Gainesville.

Ursprünglich wurden von dieser Datenbank nur die Angriffe auf amerikanische Matrosen im Zweiten Weltkrieg erfasst. Heute jedoch sind mehr als 4.000 nicht provozierte Attacken auch auf Zivilisten registriert. Die zunehmende Häufigkeit hängt, so Haiforscher, natürlich auch mit den wachsenden Wassersportaktivitäten des Menschen und den Massen von Badenden an bestimmten Stränden zusammen. Der Hai fühlt sich in seinem Lebensraum belästigt. Und greift dann an.

 

Von Joachim Feyerabend

 

Lesen Sie auf den nächsten Seiten über Hai-Attacken, Daten und Fakten zum Hai und über den vom Aussterben bedrohten Weißen Hai.

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