Der Segelflug macht´s möglich

Mit den Kondoren über Santiago schweben

Aerodynamisch, schnittig und schlank: So wie dieses Segelflugzeug Ventus-2a der Firma Schempp-Hirth, das auch im Segelflugclub Vitacura geflogen wird, gehören die modernen Gleiter ohne Motor zu den effizientesten in der Luftfahrt.

In Deutschland wurde das Segelfliegen erfunden – in Chile herrschen die besten Bedingungen dafür. Beides vereint findet man im Segelflugclub in Vitacura. Ein Grund für unsere Redakteurin, einen Schnupper-Flug über Santiago zu wagen.

Von Silvia Kählert

Ein lautes Plopp – das Seil ist ab, wir schweben frei 800 Meter über Santiago! Über und vor uns der blaue Himmel, unten links die Andenkette, rechts unten die Häuser von Las Condes und Vitacura im Dunst des Herbstnachmittags – so klein wie bei der Spielzeugeisenbahn. Tatsächlich – jetzt da das Motorflugzeug nicht mehr zieht – gleitet der Segelflieger lautlos wie ein Vogel dahin. Es ist zwar etwas diesig, aber dennoch ist der Ausblick unglaublich. Ein Traum! Wenn nicht zwischendurch mal schnell für eine Sekunde sowohl der Flieger als auch der Magen einige Meter hoch und dann wieder runter gedrückt werden würden. «Das ist die Thermik», erklärt Pilot Eduardo Böhm auf dem hinteren Platz des Doppelsitzers.

Segelflugclub Vitacura

Er muss es wissen: Seit fast 45 Jahren gleitet der Ingenieur in den Lüften und hat dort 3.000 Flugstunden verbracht – so viel Erfahrung haben nur die wenigsten. Eduardo Böhm und 29 weitere passionierte Flieger des Segelflugclubs Vitacura sind Lehrer und bilden ehrenamtlich den Nachwuchs aus. Mit 16 Jahren kann man in Chile, mit 14 Jahren in Deutschland seinen Flugschein machen. «Zurzeit haben wir 25 Schüler zwischen 17 und 45 Jahren», stellt Arturo Diez Voigt fest, Geschäftsführer des größten Segelflugclubs Chiles. Vier Monate dauere die Ausbildung mindestens. Für die Anfänger stehen auf dem Aeródromo Municipal de Vitacura vier Cessnas bereit. Insgesamt gibt es 28 Segelflugzeuge des Clubs, zehn private und fünf Schleppflugzeuge mit Motor. Die Lande- und Startbahn liegen relativ eng zwischen der Costanera Norte und den Häusern an der Santa Maria. Der Flugplatz gehört der Gemeinde Vitacura. Einen eigenen Flughafen von 32 Hektar mit einer Bahn hat der Club in Chicureo. Arturo Diez : «1946 wurde der Club gegründet. Wir haben 300 Mitglieder und jedes Jahr kommen zehn hinzu. Über 30 Prozent der Mitglieder sind übrigens deutschstämmig.»

Iris Francisca Oyarzún ist eine von sechs Pilotinnen im Club de Planeadores de Vitacura

Erster Segelflug in Deutschland

Dagegen sinkt in Deutschland und auch weltweit die Zahl der Segelflugpiloten kontinuierlich. Allerdings von einem hohen Niveau aus: Rund 35.000 gibt es in Deutschland. Hier sind die meisten Piloten, Flieger und Flugplätze auf der Welt. Denn der Sport hat hier seine Wurzeln: Der Maschinenbauingenieur Otto Lilienthal aus Pommern nutzte erstmals Hangwind aus. Dieser Wind wird durch einen Berg nach oben oder unten abgelenkt. So gelang dem Pionier 1891 mit seinem Flugapparat der erste sichere Segelflug. Dann erfanden die Brüder Wright 1903 den Motorflieger und die neue Erfindung geriet in Vergessenheit. Richtig Auftrieb im wahrsten Sinne des Wortes bekam dieser Sport dann auch wieder in Deutschland: Als nämlich vor 100 Jahren der Vertrag von Versailles die Motorfliegerei verbot, begannen vor allem Studenten auf der 950 Meter hohen Wasserkuppe in der Rhön voll Enthusiasmus diese Sportart weiterzuentwickeln. Nach vielen Vorarbeiten und einem Gummiseilstart konnten die jungen Männer einige Minuten ins Tal gleiten. Der legendäre Holzflieger Vampyr nutzte im Jahr 1922 mit einer größeren Spannweite der Flügel die Aufwinde zum ersten Mal richtig aus. Ab dann begann die Sache richtig Spaß zu machen: Der Flieger segelte über eine Stunde eine Flugstrecke von fast neun Kilometern. Das war der Übergang vom Gleit- zum Segelflug. Heutzutage werden circa 90 Prozent aller Segelflugzeuge in Deutschland hergestellt.

Arturo Diez Voigt ist Geschäftsführer des Segelflugclubs Vitacura

Warum dennoch gerade dieser Sport in Deutschland abnimmt, überlegt auch Eduardo Böhm: «Einer der Gründe könnte das große Freizeitangebot für Jugendliche sein.» Als einen weiteren möglichen Grund nennt er die vielen Beschränkungen und Vorschriften. «Auch der Luftraum wird immer enger über Europa», berichtet der Pilot. Am Himmel über Santiago und ganz Chile herrschen dagegen paradiesische Verhältnisse. Es gibt aber noch weitere Vorteile: «Hier kann man das ganze Jahr über Segelfliegen», betont Arturo Diez. Chile bietet das ideale Wetter: sonnig und stabil. Neben den Bergen ist es auch die Sonne, die Hangwinde entstehen lässt. Sie erwärmt die Erde und damit auch die Luft in Bodennähe, die Wärme steigt auf, die sogenannten Aufwinde. Die nötige Thermik entsteht, in der das Flugzeug kreisend Höhe gewinnt. Regen ist Gift. Darum ist in Deutschland nur im Sommer Saison. «Das wiederum ist jedes Jahr ein Argument für mindestens zehn deutsche Piloten mit ihren Flugzeugen in Vitacura zu starten. Manche fliegen auch bis Argentinien, aber in Chile ist es anscheinend weniger bürokratisch, den eigenen Flieger per Container herzubringen», berichtet Eduardo Böhm.

Neben der Armatur im Cockpit geht der Blick bis zum Berg Alvarado mit der Avenida Santa Teresa de Los Andes

Es gibt nur einen Wehrmutstropfen über Santiago: die thermische Inversion. «Sie ist den ganzen Winter da und dadurch können wir nicht höher fliegen», erklärt Eduardo Böhm. Es entsteht eine Art Sperrschicht, da die obere Luft wärmer ist als die untere. Die kältere Luft hat eine größere Dichte, die Schichten können sich nicht vermischen. Darum kann auch der Smog nicht abziehen. 

Mit High-Tech 23.200 Meter hoch

Warum so ein immerhin etwa 300 Kilogramm schwerer Einsitzer stundenlang ohne eigenen Antrieb in der Luft bleiben kann, erklärt der Ingenieur mit der Gleiteigenschaft. «Ganz moderne Segelflugzeuge haben eine Gleitzahl bis 1:60. Mit einer Höhe von einem Kilometer kann man eine Strecke von 60 Kilometern zurücklegen.» Inzwischen sind aus den ersten stoffbespannten Holzgestellen High-Tech-Apparate aus Kohlenstoff-Fasern geworden. «Über den Anden kann ich über 4.000 Meter fliegen. Ab 3.000 Meter muss ich mir eine Sauerstoffkanüle in die Nase setzen.» Den Höhenweltrekord flog das Forschungsflugzeug Perlan II nicht ohne Grund über den Anden bei El Calafate in Argentinien: Im September 2018 erreichte es eine Höhe von 23.200 Metern – mehr als jeder Linienjet. Der Flieger surft quasi auf Höhenwellen. Das sind starke Aufwinde, die sich über den Anden bis zu 30 Kilometer aufschwingen. Airbus ist Sponsor. Werkstoffe und Flügelprofile, aber auch Antriebstechniken hat sich die Luftfahrtindustrie schon bei den innovativen Seglern abgeschaut. Wenn es gelänge auch die Aufwinde zu nutzen, könnte zumindest etwas Treibstoff gespart werden.

Redakteurin Silvia Kählert und Pilot Eduardo Böhm vor dem Start

Unten Teamarbeit – oben allein mit den Kondoren

Vor dem Abheben sind einige helfende Hände nötig. So auch bei unserem Schnupperflug. Der Bodenhelfer klinkt das Kunststoffseil, das aus der Winde des Schleppflugzeugs kommt, in der Nase des Seglers ein. Er hält die Tragfläche auf einer Seite hoch, damit sie über dem Boden steht. Nun kann im vorderen badewannengroßen Sitz Platz genommen werden. Becken- und Schultergurt rasten mit einem Klick ein. Eduardo Böhm setzt sich auf den hinteren Sitz der Janus C der deutschen Firma Schempp-Hirth. Die durchsichtige Plexiglashaube schließt sich über den Köpfen. Mit Funkkontakt tauschen sich die zwei Piloten aus. Links neben dem Flieger bewegt der Bodenhelfer den Arm im Kreis. Startzeichen für den Piloten im Schlepper. Dann geht es so schnell, dass kaum Zeit bleibt, den Fotoapparat zu zücken. Der Schlepper vorne gibt Gas, das Seil wird gespannt und schon hebt das Segelflugzeug als erstes von den zweien ab.

Beim Start über die Costanera Norte zieht vorneweg das Schlepperflugzeug.

Eduardo Böhm fliegt gerne Richtung Anden: «Die Natur über dem Gebirge ist einfach am schönsten. Während der Hochsaison fliege ich oft viele Stunden und bis zu etwa 500 Kilometer weit.»

Ganz allein ist der Pilot dann; nur ab und zu taucht neben ihm ein Kondor auf. Denn auch dieser Vogel nutzt die gleiche Thermik zum Fliegen. Was genau begeistert die Segelflieger an diesem Sport? «Für mich ist das Segelfliegen eine technische Herausforderung. Da es einen immer wieder nach unten zieht, muss man immer konzentriert sein. Es gilt die Kräfte der Natur intelligent zu nutzen», erklärt Arturo Diez. Für Eduardo Böhm ist es auch eine Art Entspannung: «Denn da oben komme ich nicht dazu, an Probleme zu denken.» Auch der Cóndor-Probeflug über den Cerro Manquehhue, das Costanera Center und an der Kordillere vorbei war ein intensives Erlebnis, das auch der deutsche Liedermacher und Pilot Reinhard Mey machte. Über den Wolken scheint die Freiheit nicht nur grenzenlos zu sein, sondern selbst mit einigen Magenproblemen gilt da oben: Alle Ängste, alle Sorgen bleiben darunter verborgen und dann wird was uns groß und wichtig erscheint plötzlich nichtig und klein.

Nach dem Vorbeifliegen am Cerro Manquehue lässt Pilot Eduardo Böhm das Seil zum Schleppflugzeug ausklinken.

Segelflugclub Vitacura

Wer nun Interesse bekommen hat, findet auf der Website des Segelflugclubs in Vitacura alle Kontaktinformationen: www.planeadores.cl

Segelflug-Modelle aus Holz

Beim Museo Nacional Aeronáutico y del Espacio in der Avenida Pedro Aguirre Cerda 5000 kann man sich die ersten Segelflug-Modelle aus Holz ansehen. Der Eintritt ist frei. Weitere Informationen auf der Website: www.museoaeronautico.gob.cl
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2 Comments

  1. maka frederic

    c’est dans le tyrol autrichien en 1951 que j’ai vu pour la premiere fois un planeur. des lors je suis devenu un passionne du vol a voile. c’est vous dire combien votre article m’a interesse. merci pour toutes les precieuses et enrichissantes informations que vous apportez a la connaisance de vos lecteurs.

  2. maka frederic

    ce vol de septembre 2018 a 23200m a-t-il ete homologue? il me parait exceptionnel. y-a-t-il references dans des revues de velivol? merci de repondre a mes questions.

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