«Nur wer innovativ ist, wird bestehen»

Joan Bosch, Geschäftsführer Fraunhofer Chile
Joan Bosch, Geschäftsführer Fraunhofer Chile

Vor sechs Jahren wurde in Chile die Stiftung Fraunhofer Chile Research (FCR) gegründet, ein Jahr später erfolgte mit dem Fraunhofer Center for Systems Biotechnology in Santiago das erste Forschungszentrum der Fraunhofer-Gesellschaft in Südamerika. Seit Mai 2015 ist zudem das Center for Solar Energy Technologies aktiv. Der Cóndor sprach mit Joan Bosch, Geschäftsführer von Fraunhofer Chile, über Tätigkeiten und Auftrag von Fraunhofer Chile. Das Gespräch führte Chefredakteur Arne Dettmann.

 

Cóndor: Herr Bosch, wie kam es eigentlich dazu, dass die Fraunhofer-Gesellschaft ausgerechnet in das so weit entfernte Chile eine Niederlassung gründete?

Joan Bosch: Unter der ersten Bachelet-Regierung gab es das Programm InnovaChile der Industriefördereinrichtung Corfo, mit dem ausländische Forschungsinstitutionen ins Land geholt werden sollten. Wir waren die ersten, die sich darum bewarben, mittlerweile existiert ein Dutzend solcher Einrichtungen. Wir mussten Auflagen erfüllen, um eine Co-Finanzierung zu erhalten und natürlich inhaltliche Themen vorschlagen. Professor Rainer Fischer, Leiter des Fraunhofer Institut für Molekularbiologie und angewandte Ökologie in Aachen, war maßgeblich an der Gründung des ersten Centers hier in Chile beteiligt. Sein Institut ist nach wie vor Partner bei allen Projekten des Zentrums für Systemische Biotechnologie. Sein Antrag überzeugte zuerst das deutsche Fraunhofer-Board und danach die hiesigen Zuwendungsgeber.

Center for Solar Energy Technologies Am 28. Mai 2015 wurde das Fraunhofer Chile Research Center for Solar Energy Technologies in Santiago eröffnet. Ziel des Centers ist es, durch den Einsatz der umfangreichen Erfahrung des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE die Entwicklung einer nachhaltigen Solarwirtschaft in Chile zu unterstützen. Das Center arbeitet an anwendungsorientierten Themen der Photovoltaik, Solarthermie, Prozesswärme, Wärmespeicherung sowie Wasseraufbereitung/Entsalzung. Es bietet Partnerfirmen Servicedienstleistungen zur Markteinführung an, darunter unter anderem Machbarkeitsstudien, Prototypinstallation, Qualitätsmonitoring und Problembehebung bei Photovoltaik und Solarthermie.
Center for Systems Biotechnology: Die erste Einrichtung unter dem Dach der Fundación Fraunhofer Chile Research, das Fraunhofer Center for Systems Biotechnology, hat Anfang Januar 2011 seine Forschungsarbeiten aufgenommen: Durch Schnelltests zur frühzeitigen Erkennung von Fischkrankheiten oder die Entwicklung von Impfstoffen für Lachse sollen die Erträge von Aquakulturen verbessert und sichere Produkte bereitgestellt werden. Zusammen mit Spezialisten der Universität in Talca arbeiten Fraunhofer-Forscher an Nanotechnologien, die helfen, Schadstoffe wie zum Beispiel Pestizidrückstände aus Getränken oder Abwässern, zu entfernen.

Sie haben den Gang nach Chile nicht bereut?

Nein, keinesfalls. An einer zweiten Ausschreibung von InnovaChile vor anderthalb Jahren haben wir uns erneut beteiligt und nun mit dem Center for Solar Energy bereits das zweite Exzellenzzentrum neben dem Center for Systems Biotechnology gegründet. Insgesamt zählen wir derzeit 105 Mitarbeiter – Chile ist damit von allen ausländischen Fraunhofer-Niederlassungen am stärksten gewachsen, wenn Sie das mit den Aktivitäten in Ländern wie Großbritannien, Portugal und Österreich vergleichen, wo zwischen 25 bis 40 Mitarbeiter tätig sind.

 

Was macht Fraunhofer konkret hier vor Ort? Wer sind die Auftraggeber, wie finanzieren Sie sich?

Unsere «Mission» ist die Förderung der angewandten Forschung im Gegensatz beispielweise zur Max-Planck-Gesellschaft, die Grundlagenforschung betreibt. Unsere «Daseinsberechtigung» sind also Entwicklungsdienstleistungen für die Industrie. In Deutschland spiegelt sich dieses Forschungsmodell ganz in der Finanzierungsstruktur wider: Die Fraunhofer-Gesellschaft finanziert sich etwa zu einem Drittel aus öffentlichen Zuschüssen von Bund und Ländern, die jährlich circa 600 Millionen Euro ausmachen. Ein weiteres Drittel sind Projektmittel von Ministerien und der Europäischen Union, für die wir uns bewerben müssen. Und ein Drittel stammt direkt aus Aufträgen von der Industrie. Das ist, was wir das Fraunhofer-Modell nennen.

Hier in Chile können wir nicht wie in Deutschland auf eine Grundzuwendung setzen. Also bemühen wir uns stärker darum, öffentliche Projektmittel zu akquirieren, wie zum Beispiel über Ausschreibung von Corfo. Und ein Drittel soll möglichst – analog zu Deutschland – aus der chilenischen Industrie kommen.

Center for Solar Energy Technologies Am 28. Mai 2015 wurde das Fraunhofer Chile Research Center for Solar Energy Technologies in Santiago eröffnet. Ziel des Centers ist es, durch den Einsatz der umfangreichen Erfahrung des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE die Entwicklung einer nachhaltigen Solarwirtschaft in Chile zu unterstützen. Das Center arbeitet an anwendungsorientierten Themen der Photovoltaik, Solarthermie, Prozesswärme, Wärmespeicherung sowie Wasseraufbereitung/Entsalzung. Es bietet Partnerfirmen Servicedienstleistungen zur Markteinführung an, darunter unter anderem Machbarkeitsstudien, Prototypinstallation, Qualitätsmonitoring und Problembehebung bei Photovoltaik und Solarthermie.
Center for Solar Energy Technologies: Am 28. Mai 2015 wurde das Fraunhofer Chile Research Center for Solar Energy Technologies in Santiago eröffnet. Ziel des Centers ist es, durch den Einsatz der umfangreichen Erfahrung des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE die Entwicklung einer nachhaltigen Solarwirtschaft in Chile zu unterstützen.

In diesen ersten Jahren haben wir über 80 Projekte mit Industriekunden erfolgreich durchgeführt. Unsere Auftraggeber reichen von der Lachsindustrie, in der die Fischkrankheiten verringert werden sollen, über die Landwirtschaft, um dort beispielsweise aus Biomasse Gas herzustellen, bis zum Bergbau, wo wir durch Industrie 4.0 zur Produktivitätssteigerung beitragen wollen. Ein riesiges Innovationspotenzial steckt in der chilenischen Energiewirtschaft, wo wir die Nutzung von Erneuerbaren Energien, die Erhöhung der Energieeffizienz und die Kombination von Energiequellen zur Herstellung von Strom vorantreiben wollen. Konkret: Wie können wir Wind- mit Solarenergie miteinander verbinden?

Eine starke Nachfrage – und Bedarf! – nach Innovation ist natürlich im chilenischen Bergbau zu sehen, dieser Bereich schreit geradezu nach Innovation. Hier spielt ebenfalls die Frage nach Energie, aber auch des Wasserverbrauchs, der Logistik und Mobilität eine große Rolle. Ich bin überzeugt: Wenn die Fraunhofer-Gesellschaft dem chilenischen Bergbau helfen kann, dann hilft das auch dem gesamten Land.

 

Ist Chile im Vergleich zu Deutschland ein schwieriger Markt?

In Deutschland werden knapp zwei drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Investitionen in Forschung und Entwicklung aufgebracht. Davon ist Chile noch weit entfernt (0,38 Prozent; Anmerk. d. Red.) Außerdem entfallen in Deutschland etwa zwei Drittel dieser Aufwendungen auf die Industrie (Chile 32 Prozent; Amerk. d. Red.), während sich die Unternehmer hierzulande noch schwer damit tun, das Potenzial von Forschung und Entwicklung als Wachstumstreiber zu sehen.

In Deutschland könnten es sich die Firmen übrigens überhaupt nicht leisten, nicht innovativ zu sein, denn nur mit Innovationen bleiben Produkte wettbewerbsfähig. Einfach nur «billig» zu produzieren stellt keine Alternative dar, denn das gelingt den Chinesen viel besser. Nicht mit Masse, sondern mit hochwertigen Produkten punkten deutsche Unternehmen. Dieser Trend kommt auch auf Chile zu. Ich bin sicher: Wenn das Land nicht qualitativ besser wird, kann es auf lange Sicht nicht auf dem internationalen Markt bestehen.

 

Sie müssen also auch auf chilenische Unternehmen zugehen und um einen Auftrag für Fraunhofer werben?

Eigentlich müssten wir immer Forschungsaufträge von den Firmen bekommen: Wenn es einem Unternehmen gut geht, dann hat es auch Geld über, um in Forschung und Entwicklung zu investieren. Geht es der Firma schlecht, dann muss sie erst recht innovativer werden und sich bei Fraunhofer melden. Unsere Führungskräfte wissen, wo in der chilenischen Wirtschaft Anknüpfungspunkte sind und wo sich was tut. Geht es um eine Auftragsvergabe, dann werfen wir natürlich immer in die Waagschale, dass hinter uns eine Forschungsgemeinschaft mit mehr als 24.000 Mitarbeitern mit 67 Instituten steht.

 

Wer arbeitet bei Fraunhofer?

Unsere Forscher sind überwiegend Universitätsabgänger mit natur- oder ingenieurwissenschaftlicher Ausbildung, die ihre Doktorarbeit schreiben oder eine praktische Projekttätigkeit aufnehmen wollen. Zum Beispiel jemand, der neue Silizium-Zellen in angewandter Form entwickeln oder der ein neues Impfverfahren bei Lachsen effektiver gestalten möchte. Solche Wissenschaftler suchen bei Fraunhofer ein Projekt, mit dem sie eine weitere Qualifikation erwerben und Praxis sammeln können. Im Schnitt arbeiten sie vier, fünf Jahre bei uns; dann kommen neue Leute mit neuen Ideen. Unsere ehemaligen Mitarbeiter sind in der Industrie ein gefragtes Personal, denn ein Forscher mit solcher Erfahrung ist für Firmen attraktiver als ein Student, der gerade von der Universität kommt. Dies nennen wir Know-how-Transfer durch Köpfe. Dieses Modell, das in Deutschland sehr erfolgreich praktiziert wird, wollen wir auch hier leben.

 

Was sind Ihre nächsten Ziele für Fraunhofer Chile?

Das Center for Systems Biotechnology hat seine angepeilte Wachstumsrate erreicht, wir wollen es daher zukünftig als Exzellenzzentrum stabilisieren. Das Zentrum für Solartechnologie wird dagegen noch wachsen. Da wir in Chile nur über eine begrenzte Kapazität an eigenen Labors und Anlagen verfügen, wollen wir noch mehr unsere Standorte in Deutschland ins Spiel bringen, um unsere Forschungskapazitäten zu erhöhen. Wir sind flexibel und offen für projektbezogene Kooperationen.

 

Herr Bosch, wir bedanken uns für das Gespräch.

Fraunhofer-Gesellschaft

Fraunhofer ist die größte Forschungsorganisation für anwendungsorientierte Forschung in Europa. Sie wurde 1949 mit Hauptsitz in München gegründet und ist nach dem Forscher, Erfinder und Unternehmer Joseph von Fraunhofer (1787-1826) benannt. Unter ihrem Dach der Fraunhofer-Gesellschaft arbeiten 67 Institute und Forschungseinrichtungen an Standorten in ganz Deutschland. Zudem besteht eine internationale Zusammenarbeit über weltweite Niederlassungen. 24.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erzielen das jährliche Forschungsvolumen von mehr als 2,1 Milliarden Euro. Über 70 Prozent dieses Leistungsbereichs erwirtschaftet die Fraunhofer-Gesellschaft mit Aufträgen aus der Industrie und mit öffentlich finanzierten Forschungsprojekten. Zu den Forschungsfeldern zählen Gesundheit, Sicherheit, Kommunikation, Mobilität, Energie und Umwelt.

 

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