Namen sind einfach alles: Aus ’11 de septiembre‘ mach ‚Nueva Providencia‘

Seien wir doch einmal ganz offen und ehrlich: Wir Menschen sind oberflächlich und lassen uns von Äußerlichkeiten leiten. Das fängt damit an, dass wir im Supermarkt eine bestimmte Packung Spagetti kaufen, weil uns das Etikett so gut gefällt. Und es endet damit, dass manche Zeitgenossen sogar ihren Lebenspartner nach dessen äußeren Erscheinungsbild auswählen.

Markante Erkennungszeichen bestimmen aber auch unser Weltbild, denn sie sind sichtbarer Ausdruck von Überzeugungen. Stellen Sie sich nur einmal die Osterinsel ohne die riesigen Moais vor. Oder denken Sie an den ehemaligen Ostenblock, wo damals monumentale Lenin-, Marx- und Stalin-Statuen symbolhaft Macht und Ideologie widerspiegelten. Und es waren gerade diese aus Stein und Bronze geformten Herren, die ebenfalls wie die Berliner Mauer ziemlich schnell einstürzten, weil sie nicht mehr den neuen, modernen Ansichten ihrer Bürger entsprachen.

Noch radikaler waren die Taliban 2001 in Afghanistan. Sie machten sich nicht einmal mehr die Mühe, die Buddha-Statuen von Bamyian mit Kranwagen abzutransportieren. Etwa 1.500 Jahre standen die Kolosse einer anderen, verhassten Religion in dem Tal – die islamistische Miliz brauchte nur vier Tage, um sie zu sprengen.

Vielleicht hat der Gott im Alten Testament geahnt, dass solche Wahrzeichen eben doch der Vergänglichkeit unterliegen und Namen nur Schall und Rauch sind. Als Moses den brennenden Dornbusch nach dem Namen Gottes fragt, erhält er nur die Antwort: «Ich bin, der ich bin.» Obendrein verbot der Angesprochene sogar, sich ein Bildnis von ihm zu machen. Genützt hat das allerdings nicht viel. Die Israeliten tanzten dennoch um das goldene Kalb. Gegen den menschlichen Drang nach greifbaren Äußerlichkeiten und bedeutungsschweren Namen ist offenbar kein Gott gewachsen.

Die Sache mit den Namen ist ja auch verzwickt. Denn mitunter helfen unterschiedliche Bezeichnungen von ein und derselben Sache, sie irgendwie schöner erscheinen zu lassen. So heißt es bei der Bundeswehr nicht mehr Gasmaske, sondern ABC-Schutzmaske. Hierbei wird gleich auf dreifache Weise verschleiert: Das hässliche Wort «Gas» tritt nicht mehr auf, die Waffengattungen atomar, biologisch und chemisch werden mit ABC abgekürzt und damit beschönigt. Und «Schutz» klingt ja sowieso immer gut. Auch das Wort «Front» existiert nicht mehr. Politisch korrekt heißt es nun «Vorderer Rand der Verteidigung» – so als ob dort kein Krieg stattfindet und es keine Toten gibt.

Fazit: Nomen est omen – der Name ist Programm. Das war so und das wird wahrscheinlich immer so bleiben. Auch in Chile, wo künftig eine Hauptachse in Santiago nicht mehr «11 de septiembre» heißt, sondern laut Gemeinderatsbeschluss in «Nueva Providencia» umgetauft wird. An dem geschichtlich aufgeladenem Datum des Staatsputsches entzweien sich die Geister, das Überpinseln der betreffenden Straßenschilder hat Befürworter und Gegner heftig gegeneinander aufgebracht.

Wie? Das verstehen Sie jetzt nicht? Oder halten das alles für übertrieben? Doch eine Alternative hätte es wohl kaum gegeben.

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One Comment

  1. werner

    Man soll die Geschichte nicht vergessen oder ummodelieren,(tersificar). So etwas hift nicht der Vereinigung der Chilene. Wenn am 11º September nicht das geschehen waere , wo stunden wir heute ?

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