Erst nachdenken, dann tippen

Die schöne alte Schreibmaschine

Die Mercedes-Bureau-Maschinen-Werke wurden 1906 in Berlin gegründet. Zwei Jahre später siedelte sich das Unternehmen in Zella-Mehlis in Thüringen an. Das Foto zeigt eine Schreibmaschine dieser Marke, die in der Verwaltung der DS Santiago benutzt wurde. Das Exemplar ist heute im Schulmuseum ausgestellt.
Die Mercedes-Bureau-Maschinen-Werke wurden 1906 in Berlin gegründet. Zwei Jahre später siedelte sich das Unternehmen in Zella-Mehlis in Thüringen an. Das Foto zeigt eine Schreibmaschine dieser Marke, die in der Verwaltung der DS Santiago benutzt wurde. Das Exemplar ist heute im Schulmuseum ausgestellt.

 

Von Arne Dettmann

Einem Jugendlichen heutzutage dürfte die mechanische Schreibmaschine wahrscheinlich vorkommen wie ein Relikt aus der Steinzeit. Anstatt sanft über den Handybildschirm zu wischen und die Buchstaben behutsam zu tippen, muss der Finger kräftig auf die Tastatur einhämmern, damit die Typenhebel die metallenen Schriftzeichen in Bewegung setzen. Diese knallen dann auf das Farbband und den darunter liegenden Papierbogen. Tack-tack-tack, tack-tack-tack.

Ist das Zeilenende erreicht, bimmelt eine Klingel. Mit dem sogenannten Zeilenschalthebel wird die Schreibwalze per Hand zu einer neuen Zeile zurückgeschoben. Und weiter geht´s: Tack-tack-tack, tack-tack-tack.

Glaubt man der Geschichtsschreibung, dann war es der Italiener Pellegrino Turri, der 1808 die erste funktionierende Schreibmaschine entwarf. Der knifflige Erfinder Karl Freiherr von Drais aus Karlsruhe baute 1821 für seinen erblindeten Vater ein «Schreibclavier», wobei für jeden der 25 Buchstaben eine eigene Taste stand, angeordnet im Quadrat von fünfmal fünf.

Dass man mit dem Stakkato der Tasten sogar Musik erzeugen kann, inspirierte fast 130 Jahre später den US-Amerikaner Leroy Anderson das Stück «The Typewriter» zu komponieren. Das «Werk für Orchester und Schreibmaschine» wurde einem größeren Publikum in dem Film «Der Ladenhüter» von 1963 mit Jerry Lee Lewis bekannt.

Schreibmaschinenlehrgang in der Handels- und Frauenschule 1964 an der Deutschen Schule Santiago. Geübte Zehnfingerschreiber erreichen normalerweise bei einem 10-Minuten-Test zwischen 200 bis 400 Anschläge pro Minute.
Schreibmaschinenlehrgang in der Handels- und Frauenschule 1964 an der Deutschen Schule Santiago. Geübte Zehnfingerschreiber erreichen normalerweise bei einem 10-Minuten-Test zwischen 200 bis 400 Anschläge pro Minute.

Doch heute ist es still geworden um den «Schreibautomat». Dem Tack-tack-tack-Höhepunkt in den 1980er Jahren in Millionen von Büros folgte das ewige Schweigen: Computer, Drucker, Kopierer und Scanner bereiteten der Papierwalze und den Typenhebeln ein jähes Ende. Auch die elektromechanische Schreibmaschine, bei der das kraftaufwändige Tippen von einem Motor unterstützt wird, konnte den Siegeszug der elektronischen Textverarbeitung nicht mehr aufhalten.

Heute sind es nur noch wenige, die eine Schreibmaschine benutzen. In chilenischen Notariaten hört man noch das Tackern beim Verfassen von amtlichen Schriftstücken. Auch in den Straßen von Rangun in Myanmar bedienen sich Lohnschreiber alter Olympia-Geräte aus deutscher Produktion. Heiratsurkunden, Geschäftsbriefe, mitunter auch Liebesbriefe werden in der Hauptstadt gegen Bezahlung getippt.

«Meister der Schreibmaschine» werden solche Dienstleister dort genannt. Doch das Geschäft lohnt sich kaum noch, pro Seite gibt es umgerechnet nur ein paar Euro-Cent. Einziger Vorteil: Man benötigt keine Steckdose und kein Büro. Ein Tisch, ein Hocker und eine Schreibmaschine reichen völlig aus. Auch in Mexiko-Stadt hören Schreiberlinge noch gut zu, wenn Auftraggeber ihr Testament, einen Kaufvertrag oder die Geschichte ihres Lebens diktieren.

Allerdings dürfte auch dort bald Schluss sein mit dem «Rrrrring!» am Zeilenende. Die Nachfrage nach Schreibmaschinen ist nur noch gering. Die Adlerwerke mit Sitz in Frankfurt am Main stellten ihre Produktion von Büromaschinen 1998 ein. Und seit der Schließung der Olympia-Werke bei Wilhelmshaven 1991 existiert nur noch der Markenname und erinnert nostalgisch daran, dass Olympia einst die Nummer eins der deutschen Büromaschinenhersteller war und zugleich zu den drei größten Büromaschinenherstellern der Welt gehörte.

Doch vielleicht erlebt die Schreibmaschine ein Revival wie beispielsweise alte Langspielplatten, die plötzlich wieder Kult sind. Noch immer hört man von Autoren, die lieber auf einer alten Schreibmaschine ihr Manuskript tippen. Dahinter stecken weder Berührungsängste gegenüber dem Computer noch eine offene Technologiefeindlichkeit. Der US-amerikanische Schriftsteller John Irving bekannte einmal, dass das Einspannen des Papierbogens in die Schreibmaschine, das Hämmern der Tastatur sowie das Vorrücken des Papierträgerwagens sinnlich erlebbare Vorgänge seien, die das Schreiben zu einem ganz bewussten Schaffensprozess machen würden.

Der deutsche Schriftsteller Sten Nadolny verwies zudem darauf, dass die vermeintlichen Vorteile eines Computers – schnelles Kopieren, Ausschneiden und Einkleben von Textteilen – auch ein Nachteil sein könne, weil es zur Beliebigkeit verführe. Die Schreibmaschine dagegen zwinge dazu, sich vorher dreimal zu überlegen, wie der nächste Satz lauten soll. Permanentes Korrigieren von unausgereiften Passagen bestrafe die Schreibmaschine dagegen mit wunden Fingern und schmerzenden Knochen, erklärte der Autor des Bestsellers «Die Entdeckung der Langsamkeit».

Weniger Fotos per Smartphone verschicken und stattdessen mehr tiefschürfende Gedanken verfassen? – Die alte Schreibmaschine erinnert uns daran, dass hinter jedem klugen Text auch ein kluger Kopf stecken muss. Und wer nur mit zwei Fingern tippen kann, ist dabei sogar im Vorteil: Er hat einfach viel mehr Zeit und Ruhe, um über die nächsten Wörter nachzudenken.

 

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