Chilenische Parallelwelten

Bericht über soziale Ungleichheit in Chile vorgestellt

«Desiguales: orígenes, cambios y desafíos de la brecha social en Chile», PNUD, 2017. Erhältlich in der Biblioteca Nacional für 15.000 Pesos.
«Desiguales: orígenes, cambios y desafíos de la brecha social en Chile», PNUD, 2017. Erhältlich in der Biblioteca Nacional für 15.000 Pesos.

Zwei Welten in einem Land: Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen in Chile hat eine Studie zur sozialen Ungleichheit in Chile vorgestellt. Es handelt von erfolgreicher Armutsbekämpfung, aber gleichzeitig von Klassendenken und Machismus.

 

Von Arne Dettmann

Die gute Nachricht zuerst: In den vergangenen drei Jahrzehnten sank die Armut in Chile um 30 Prozent, vier Millionen Menschen wurden aus ihrer Not befreit. Von 1990 bis 2015 konnte zudem die Anzahl an Studierenden verfünffacht werden. Beim Index der menschlichen Entwicklung (Human Development Index, HDI) der Vereinten Nationen – ein Wohlstandsindikator – belegt Chile aktuell den ersten Platz innerhalb Lateinamerikas.

Doch nun die schlechte Nachricht: Dieser Fortschritt habe längst nicht alle Bevölkerungsteile erreicht, erklärte Silvia Rucks vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (United Nations Development Programme, UNDP) am Mittwoch bei der Vorstellung der Studie «Desiguales» in der Nationalbibliothek. «Desiguales» bedeutet auf Deutsch soziale Ungleichheit, und genau diese sei ein zentrales Problem Chiles, das eine weitere Entwicklung des Landes und der Demokratie behindere sowie den Zusammenhalt der Gesellschaft gefährde.

Zwar sei der Gini-Koeffizient, der die Einkommens- und Vermögensteilung misst und von 0 (gleichmäßige Verteilung) bis 1 (maximale Ungleichverteilung) reicht, im Gini-Index von 54,9 im Jahr 2000 auf 47,6 im Jahr 2015 gesunken. Dennoch ist Chile damit innerhalb der Oecd-Staaten das Land mit den größten Unterschieden zwischen Arm und Reich und zählt auch in Lateinamerika zu den Ländern mit der stärksten Ungleichheit.

Was das konkret bedeutet, haben die Autoren der Studie innerhalb von zwei Jahren an Hand von Statistiken, 2.600 befragten Personen und 30 ausführlicheren Interviews in Santiago, Valparaíso und Concepción erforscht. Demnach fließen 33 Prozent der gesamten Einnahmen aus der chilenischen Wirtschaft in die Haushalte von dem reichsten ein Prozent der Bevölkerung. Und die Top 5 Prozent der Gesellschaft vereinen mehr als die Hälfte der Einnahmen auf sich. Am unteren Ende der Skala findet sich eine andere chilenische «Parallelwelt», so die Studie: Die Hälfte der knapp 18 Millionen Chilenen muss sehen, wie sie sich mit niedrigen Löhnen über Wasser beziehungsweise der Armutsgrenze hält.

Menschen werden geboren, Menschen sterben; Regierungen kommen, Regierungen gehen; doch diese soziale Ungleichheit hält sich hartnäckig. Für die Studie wurde der Gini-Koeffizient von 1850 bis 2009 unter die Lupe genommen. Der Wert ging zwar in Wellenbewegungen mal hoch und mal runter, blieb aber in den vergangenen 150 Jahren praktisch gleich hoch bestehen: 0,512 im Jahr 1850 und 0,543 im Jahr 2009.

Die soziale Ungleichverteilung sei aber längst nicht nur ein koloniales Erbe der Spanier, sondern auch ein strukturelles Problem der chilenischen Ökonomie. Die Produktivität und Wertschöpfung sei bei großen Firmen generell höher, die wiederum längerfristige Arbeitsverträge und bessere Gehälter bieten könnten. Dagegen seien kleinere Firmen in Chile tendenziell unproduktiver und böten hauptsächlich für Erwerbstätige mit geringeren Qualifikationen meist nur kurzfristige Jobs mit kärglichen Löhnen.

Doch Geld ist bekanntlich nicht alles im Leben. In einer Umfrage innerhalb der Studie gaben die Befragten an, sie störe an erster Stelle der ungleiche Zugang zum Gesundheits- und Bildungswesen – erst an sechster Stelle wurden die tiefen Einkommensgräben genannt. Und soziale Ungleichheit äußert sich zudem in Diskriminierung: Eine schlechte, abschätzige Behandlung von Mitmenschen führten die Befragten in erster Linie auf ihre soziale Zugehörigkeit und das weibliche Geschlecht zurück; es folgen Wohnort und Kleidung. Silvia Rucks: «Chile ist geprägt von Machismus und Klassendenken.»

Soziale Ungleichheit reproduziere sich zudem in politischer Machtkonzentration. Für die Studie wurden die Nachnamen von acht Millionen Chilenen erfasst, die zwischen 1960 und 1990 die Schule abschlossen. Dann wurde untersucht, welchen Beruf sie ergriffen und ausübten. In der Liste mit den bestbezahlten und einflussreichsten Berufen beziehungsweise Ämtern finden sich hauptsächlich die Nachnamen der «alten kastilischen und baskischen Aristokratie» und Einwandererfamilien wieder, so die Studie, während in der Liste mit nur wenig Prestige-Berufen vor allem Mapuche-Nachnamen überwiegen.

Wie aber diese verkrusteten Strukturen aufbrechen? Die 400 Seiten umfassende Studie biete keine Lösungen, sondern lade zur Diskussion ein, unterstrich Silvia Rucks. Dass solche Gespräche durchaus mit ideologischen Vorurteilen behaftet sind, verdeutlichte Benito Baranda von der Stiftung América Solidaria: «Wer von der Reduzierung sozialer Ungleichheit spricht, wird häufig als Sozialist oder Marxist abgestempelt. Soziale Ungleichheit zu beseitigen empfinden manche als Bedrohung, dass der Staat ihnen ihr Geld raubt.» Silvia Rucks betonte, dass sich mehr Chancengleichheit nicht gegen die individuelle Freiheit stelle. «Im Gegenteil: soziale Ungleichheit behindert die Freiheit.»

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