Auf der Suche nach Außerirdischen in der chilenischen Wüste

In Chiles Atacama-Wüste entsteht das weltgrößte Teleskop, um außerirdisches Leben im Weltraum zu finden. Doch was ist, wenn es gar keine Außerirdischen gibt?

Diese künstlerische Darstellung zeigt das Extremely Large Telescope (ELT) auf dem Cerro Armazones im Norden Chiles in Betrieb. Das Teleskop ist hier zusammen mit den eingeschalteten Lasern gezeigt, die künstliche Sterne in der Hochatmosphäre erzeugen, um die adaptive Optik zu justieren. ESO/L. Calçada
Diese künstlerische Darstellung zeigt das Extremely Large Telescope (ELT) auf dem Cerro Armazones im Norden Chiles in Betrieb. Das Teleskop ist hier zusammen mit den eingeschalteten Lasern gezeigt, die künstliche Sterne in der Hochatmosphäre erzeugen, um die adaptive Optik zu justieren. ESO/L. Calçada

 

Von Arne Dettmann

Nur Sand und Steine soweit das Auge reicht. Mal liegen riesige Felsbrocken wie hingeworfene Würfel einfach so in der Ebene, dann wieder bauen sich Hügel voll Schutt und Geröll vor dem Betrachter auf. Schier endlos geht die Fahrt von Antofagasta aus gen Süden, der Bus schlängelt sich über Anhöhen und durch Täler, links und rechts immer das gleiche Bild: eine braun-graue Einöde, kein Baum, kein Kaktus, ja nicht einmal kleine Büschel von Steppengräsern sind zu sehen. In dieser einsamen Wüste nach Leben zu suchen wäre wohl völlig verrückt.
Und doch – es gibt Leben in der Wüste! Nach fast zwei Stunden Fahrt erreicht unser Pressebus das astronomische Observatorium Paranal. Hier hat sich eine Schar an Wissenschaftlern der Europäischen Südsternwarte (ESO) niedergelassen und eine kleine Oase mitten in der Atacama-Wüste geschaffen. Halb eingegraben in einer Geländemulde bietet das ESO-Hotel 120 Zimmer, eine Kantine, Lounge, Fitnesscenter und Bibliothek. Ein Kuppeldach überspannt einen begrünten Innenhof mit einem Schwimmbecken, der jetzt allerdings mehr aussieht wie ein Gartenteich. Doch immerhin: Palmen wachsen, dort wo Wasser ist, gedeiht eben Leben. Und während draußen in mehr als 2.500 Meter Höhe der eiskalte Wind heult, ist es hier angenehm ruhig und warm.
«Es ist schon kurios, dass dieses Teleskop in einem der unbelebtesten Ecken der Welt, der Atacama-Wüste, uns dabei helfen kann, Lebenszeichen woanders zu finden», wird wenig später Tim de Zeeuw, Generaldirektor der ESO, bei der Grundsteinlegung des Extremely Large Telescope (ELT) sagen. Und es ist das Thema, das die Gespräche an diesem 26. Mai 2017 bei der Zeremonie beherrscht: Gibt es außer uns noch anderes Leben im Weltraum?

Und so soll es bei seiner Fertigstellung aussehen: Das Extremely Large Telescope (ELT) in der Atacama-Wüste im Norden von Chile wird das größte optische nahinfrarote Teleskop der Welt werden. Foto: L. Calçada/European Southern Observatory
Und so soll es bei seiner Fertigstellung aussehen: Das Extremely Large Telescope (ELT) in der Atacama-Wüste im Norden von Chile wird das größte optische nahinfrarote Teleskop der Welt werden. Foto: L. Calçada/European Southern Observatory

Weit mehr als 1.000 sogenannter Exoplaneten haben Wissenschaftler beim Durchforsten des Weltalls per Teleskop in den vergangenen Jahren entdeckt. Diese Himmelskörper befinden sich außerhalb unseres Sonnensystems, einige haben eine feste Oberfläche, andere nicht; einige sind Gasriesen, andere so groß wie unser Mond. Doch das Entscheidende: Einige umkreisen ihren Zentralstern in einer geeigneten Entfernung und weisen auch sonst erdähnliche Bedingungen auf, dass auf ihnen Leben möglich sein müsste – theoretisch.
«Mit der Entdeckung der Exoplaneten hat sich ziemlich schnell die Diskussion entfacht, ob es auf diesen Himmelskörpern eine bewohnbare Zone gibt und Wasser in flüssiger Form vorliegt», erklärt Andreas Kaufer, Leiter der ESO-Observatorien Paranal und La Silla. «Diese Diskussion hat jetzt ein wissenschaftliches Fundament erhalten. Es gibt keinen mehr, der das als Blödsinn abtut.»
Mit dem ELT – dem «leistungsfähigsten und ehrgeizigsten Teleskop seiner Art», ein «Meilenstein in der Geschichte der ESO», wie Patrick Roche, Präsident des ESO-Rats betont – soll zukünftig das möglich werden, was eigentlich alle irgendwie erwarten: außerirdisches Leben ausfündig machen. Was die Astronomen allerdings konkret finden werden, darüber ist man sich noch nicht im Klaren. Tim de Zeeuw: «Keine Alien, aber vielleicht Bäume?»
Für den ESO-Generaldirektor bedeutet der Bau des ELTs nicht nur technisch einen gewaltigen Sprung nach vorn. Er vergleicht das «Riesenauge» mit den bahnbrechenden Erkenntnissen Galileo Galileis vor 400 Jahren, der als einer der ersten Menschen ein Fernrohr zur Himmelsbeobachtung einsetzte – damals eine Revolution in der Astronomie. «Das ELT wird Entdeckungen machen, die wir heute noch gar nicht vorhersehen können. Und es wird mit Sicherheit unzählige Menschen auf der ganzen Welt dazu inspirieren, über Wissenschaft, Technologie und unseren Platz im Universum nachzudenken.»

Michael Sterzik
Michael Sterzik
Steffen Mieske
Steffen Mieske

So ähnlich sehen das auch die beiden deutschen Astronomen Steffen Mieske und Michael Sterzik. Der Mensch habe sich selbst immer als Mittelpunkt der Welt betrachtet, bis dann klar wurde, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt. Und unser Sonnensystem wiederum sei nur Teil einer Galaxie unter vielen Galaxien. Sterzik: «Das Weltbild verändert sich, der Mensch wird immer weiter an den Rand gedrängt.»
Man könnte hier als Erdbewohner noch die Frage anfügen, was passiert, wenn wir tatsächlich feststellen, dass wir nicht die einzigen im Universum sind. Wenn also, wie Tim de Zeeuw es andeutet, aus dieser beinahe schon philosophischen Frage, die in Science-Fiction abdriftete, schließlich Science wird, also wissenschaftliche Gewissheit: Wir sind nicht allein! Wäre das nun eigentlich beruhigend und beunruhigend für uns?

Darstellung des Extremely Large Telescope, das bei Antofagasta in Chile gebaut werden soll.
Darstellung des Extremely Large Telescope, das bei Antofagasta in Chile gebaut werden soll.

Manche Kritiker halten dem entgegen, dass es durchaus Außerirdische geben mag, wir allerdings niemals mit ihnen in Kontakt treten werden. Entweder sind es die unendlichen Weiten des Kosmos, die eine Besucherreise unmöglich machen. Oder aber sie starben schon längst vor 500, 800 oder gar 1.000 Millionen Jahren aus. Man denke nur: Außerirdische bauten vor Millionen von Jahren ein ähnliches ELT-Teleskop auf ihrem Exoplaneten und blickten damit auf die Erde, genauer gesagt in die Atacama-Wüste. Und was sahen sie? Eben nichts außer Steine und Sand. Enttäuscht drehten sie ihr Beobachtungsinstrument weg und hin in andere Winkel des Weltalls.
Aber dann ist da noch diese andere Alternative, die vielleicht auch in Erwägung gezogen werden sollte, obwohl eigentlich kaum jemand auf dieser Grundsteinlegungsfeier damit rechnet. Denn was ist, wenn das ELT nichts finden sollte? Kein außerirdisches Leben, keinen Baum, keine Bakterien und erst Recht kein Alien? Wir sind allein! Und außer uns nur die unendlich gähnende, schwarze Leere des Universums.
Sollten die ESO-Forscher anstatt Marsmenschen und Co. nur Steine und Sand finden, könnten sie ihre Enttäuschung zumindest damit mindern, dass sie keine Kosten und Mühen scheuten. Und das wäre so, wie der Titel des 007-James-Bond-Filmes lautet, von dem einige Szenen 2008 im ESO-Hotel gedreht wurden: «Ein Quantum Trost».

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