Apokalypse – und alle schauen hilflos zu

Buchkritik «21 Lektionen für das 21. Jahrhundert» von Yuval Noah Harari

Künstliche Intelligenz, Biotechnologie und Digitalisierung werden den Menschen bald an den Rand verdrängen, warnt Yuval Noah Harari in seinem neuen Werk. Lösungsansätze hat er kaum parat. Dafür geht der israelische Historiker lieber einer anderen Frage nach: Was ist eigentlich der Sinn des Lebens?

Von Arne Dettmann

Im Laufe von Zehntausenden von Jahren besiedelte der Homo sapiens den Globus und machte sich die Welt zum Untertan. Die wesentlichen Strukturen dieser Entwicklung fasste der israelische Historiker Yuval Noah Harari in seinem Erstlingswerk «Eine kurze Geschichte der Menschheit» zusammen, das international ein Bestseller wurde. In seinem zweiten Buch «Homo Deus» skizzierte der Autor dann eine Zukunft, die von Biotechnologie und künstlicher Intelligenz geprägt sein wird. Nun hat sich Harari der Gegenwart gewidmet.

Yuval Noah Harari: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert. Das Buch ist im Beck-Verlag auch auf Deutsch erschienen.

Terrorismus, Krieg, Zuwanderung, Nationalismus und Bildung lauten einige Kapitel, in den der Autor tiefschürfend zentrale Zukunftsfragen angeht. Wer von «21 Lektionen für das 21. Jahrhundert» allerdings konkrete Antworten erwartet, ob und wie beispielsweise die Menschheit den Klimawandel in den Griff bekommt, sieht sich meist getäuscht. Der 42-jährige Professor zeichnet lieber düstere Prophezeiungen auf: Künstliche Intelligenz wird uns bald überholen, die Biotechnologie uns besser verstehen als wir selbst, und dazu kommt dann noch Big Data, die digitale Erfassung riesiger Datenmengen, selbstverständlich ebenfalls zu unserem Nachteil. Das alles nach dem Motto von Goethes Zauberlehrling: «Die Geister, die ich rief, werde ich nicht mehr los.»

Entsprechend angsteinflößend liest sich das Buch wie die Dystopien von George Orwell («1984»), Aldous Huxley («Brave New World») und Ray Bradbury («Fahrenheit 451»), nur mit dem Unterschied, dass der Historiker Harari seine Szenarien durchaus realistisch, anschaulich und klar formuliert.

Und er wirft dabei grundlegende Fragen auf. Wenn der Mensch sich selbst abschafft beziehungsweise irrelevant für die Wirtschaft wird, sollten wir dann nicht über ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle nachdenken? Warum investieren wir so viel Zeit in die Ökonomie, unternehmen horrende Anstrengungen die Börse zu verstehen und beantworten tausende von E-Mails, während unsere Sinne verkümmern, wir uns Essen mechanisch hineinschlingen und gleichzeitig zwischenmenschlich abstumpfen? «Wir werden wie domestizierte Tiere», so der Autor. Eben wie gefügige Zuchtkühe, die zwar eine Menge Milch produzieren, aber im Vergleich zu ihren wilden Vorfahren weniger agil, weniger neugierig und weniger einfallsreich sind.

Angst vor Algorithmen

Das sind die Sternstunden dieser Lektüre. Der Leser wird zum Nachdenken angeregt. Ermüdend und frustrierend dagegen ist die Alarmsirene, die Harari angesichts der angeblich größten Herausforderungen der Menschheit permanent aufheulen lässt. Hinter jeder Ecke lauern Algorithmen, die uns die Arbeit wegnehmen und kontrollieren – schon jetzt. Doch eine Lösung hat er auch nicht parat. Es geht eben alles irgendwie den Bach runter. Der Frage, ob Politik nicht doch irgendwie sinnvoll Zukunft und Frieden gestalten kann und ob es dafür in der Geschichte Beispiele gibt, entzieht sich der Historiker, der an der Hebräischen Universität in Jerusalem lehrt.

Mit zunehmender Seitenzahl gleitet Harari dann immer weiter von seinem Fachgebiet ab und steigert sich in schöngeistige Gedankenspiele – nicht ohne Widersprüche. Heißt es noch am Anfang knallhart, der Mensch besitze keine Gefühle, keinen freien Willen oder so etwas wie einen inneren Kern, alles beruhe nur auf biochemische Prozesse, so ruft der Autor im letzten Kapitel «Meditation» dazu auf, es ihm gleich zu tun und sich auf das zu konzentrieren, was man ja wohl doch als Seele oder Verstand bezeichnen würde.

Erkenntnisse als Binsenweisheiten

«Vom scharfsinnigen Historiker zum allwissenden Pädagogen», kritisierte die Neue Zürcher Zeitung. Zu Recht. Harari gefällt sich vor allem in der Rolle des ewigen Verneiners, der alle Religionen, alle Nationen und sonstigen menschlichen Kopferfindungen als Lug und Selbstbetrug enttarnt. Das wirkt tatsächlich oberlehrhaft, und manche seiner «Erkenntnisse» sind nur Binsenweisheiten: Das Osterei ist ein vom christlichen Glauben zweckentfremdetes Lebensmittel, um es als Symbol zu missbrauchen? Wer hätte das gedacht!

Zwischen diesen Kaskaden des spitzfindigen Argumentierens und Schwadronierens auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und der Wahrheit geht aber auch Harari hin und wieder die Puste aus. «Wer hat behauptet, das Leben sei einfach? Versuchen Sie einfach, damit zurechtzukommen» oder «Wer hat behauptet, dass die Geschichte fair sei?» sind Sätze, die angesichts der so komplex gewordenen Lage ein wenig Trost spenden sollen. Vielleicht auch dem Autor selbst?

«Wenn Sie das Gefühl haben, schreiend durch die Straßen rennen und „Die Apokalypse ist nah!“ rufen zu müssen, versuchen Sie sich einzureden: „Nein, das stimmt nicht, die Wahrheit ist, dass ich einfach nicht verstehe, was auf der Welt passiert.“» – Das gilt leider auch nach der Lektüre von «21 Lektionen fürs 21. Jahrhundert».

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