Weihnachten auf hoher See

Weihnachten bedeutete in meiner Kindheit auch immer ein Ritual mit festgelegter Reihenfolge. Erst holten mein Vater und ich die Oma ab und brachten sie zu uns nach Hause. Es folgten der Gang in die Kirche, nach dem Gottesdienst die Weihnachtsgans, schließlich das Klingeln des Weihnachtsmanns, der die Geschenke vor der Haustür abgestellt und sich immer schon aus dem Staub gemacht hatte, noch ehe ich ihm hinterherlaufen konnte. Und dann, wenn es draußen schon längst dunkel war und drinnen gemütlich Weihnachten gefeiert wurde, dann kam Freddy.4069_p11_1 Mein Vater legte die Vinylplatte auf, die Nadel fuhr in die Rillen, aus den Lautsprechern drang zuerst dieses herrlich altmodisch Knacken und Rauschen, bis Wassergluckern und das sanften Summen eines Chores im Hintergrund zu hören waren. «Wieder sind wir auf hoher See», beginnt Schlagersänger Freddy Quinn zu erzählen. Es ist Weihnachten, das Meer ist ruhig, und still ist die heilige Nacht. Nur die Sterne begleiten uns. Unter Deck schmücken sie gerade den Weihnachtsbaum. Wie gut, dass wir ihn schon im Oktober mit an Bord genommen haben.» Und im gewohnt tiefen Bariton stimmte Freddy schließlich «O Tannenbaum» an, das erste von zwölf Liedern auf der Langspielplatte. Niemand konnte diese Mischung aus Festlichkeit und Abschied, Freude und Melancholie, Einsamkeit, Sehnsucht sowie Fern- und Heimweh besser aufsingen als er. Wer «Weihnachten auf hoher See» hört, dem wird warm ums Herz und bekommt gleichzeitig ganz ergriffen eine Gänsehaut. Dabei hatte Freddy Quinn mit Matrosenleben so viel am Hut wie ein Alpenjodler mit Fischernetzen. Der gebürtige Österreicher und dessen Talent wurden zwar in Hamburg-St. Pauli in der Nähe des Hafens entdeckt. Das war aber auch schon alles. Auf Großseglern hat der Barde mit der Gitarre in der Hand die Welt jedenfalls nicht umrundet, auch wenn das Titelbild uns das gerne weißmachen möchte. Doch Seemannsromantik kann eben so schön sein. Wir hörten oft schweigend der sonoren Stimme zu, sangen aber auch kräftig mit. Freddy Quinns Schallplatte – das mochte vielleicht Kitsch sein, doch es gehörte einfach zu Weihnachten dazu. Denn aus Kitsch wurde im Laufe der Jahre eine gute Tradition. Freddy befreite mich nicht nur von dem schrecklichen Vorspielen-Müssen auf der Blockflöte, diesem piepsigen Instrument, was eine echte Folter für mich darstellte. Nein, er sang auch jeden Heiligabend unbeirrt weiter, unbeeindruckt von meiner Pubertät und meinen Stimmungsschwankungen gegenüber meinen Eltern. Längst hatte ich ihn ja lieb gewonnen. Die Schallplatte hielt sich 1964 vier Wochen lang auf dem ersten Platz der Charts, doch in unserem Wohnzimmer war sie die Nummer eins über Jahrzehnte. Und wie konnte es auch anders sein? Zwischen den Liedern berichtete Freddy Quinn von Kuddel, der sein Weihnachtsgeschenk auspackt. Und ein anderer Matrose sagt resigniert: «5.000 Meilen von Zuhause, die vierte Fahrt. Und ich hab das wieder nicht geschafft, Weihnachten bei Mutter zu sein.» Dabei waren auch Grüße von Familienmitgliedern, die über den Äther und über die Weltmeere hinweg den geliebten Menschen an Bord etwas Nettes mitteilten. Und schließlich wurde «Frohe Weihnachten und ein glückliches neues Jahr» auf spanisch, dänisch, italienisch und vielen anderen Sprachen vorgetragen. Vergangenes Jahr haben meine Eltern Zuhause in Hamburg gemeinsam mit ihrem Sohn, der Schwiegertochter und den beiden Enkelsöhnen Weihnachten gefeiert. Und natürlich war auch Freddy Quinn dabei. Dieses Jahr sind wir zum Fest leider nicht zusammen. Doch ich bin sicher, dass meine Eltern nicht ganz alleine sind. Denn einer wird treu mit ihnen singen. Und auch bei uns in Santiago de Chile darf einer nicht fehlen.   Weihnachten im Hafen   Was wusste schon das Wasser Vom Abschied und vom Weh Es lief am Weihnachtsabend Wie immer in die See.   Was wusste schon der Dampfer Vom Abschied still und schwer Er suchte Weihnachtsabend Das große weite Meer.   Was wusste schon die Flagge Vom Abschied und vom Leid Sie wehte Weihnachtsabend Wie alle, alle Zeit.   Was wusste schon die Tanne Ein Schiff ging heut hinaus Und alle Lichter brannten An Bord und auch Zuhaus.   Der Seemann nur der wusste Sah er den Christbaum stehn Dass tausend Herzenswünsche Mit auf die Reise gehn Dass tausend Herzenswünsche Mit auf die Reise gehn.   Weihnacht im Schnee   Weihnacht im Schnee Weiße Tannen rings um den See Glockenklang vom Dorf in der Näh Weihnacht im Schnee.   Seh uns noch gehn Hand in Hand im Schnee Flocken wehn Steh an Bord und träume auf See Weihnacht im Schnee.   Die glücklichsten Stunden Im Herzen bewahrt Sie leuchten wie Sterne Auf einsamer Fahrt.   Ich schickte dir Ein kleines Päckchen Mit meinen Grüßen aus Dakar Als ich es packte, dacht ich lange An unser Glück im letzten Jahr.

Print Friendly, PDF & Email

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*