Tonschöpfer von König Ludwigs Gnaden

Am 4. Mai 1864 empfing König Ludwig II. Richard Wagner in München. Der 18-jährige Monarch hatte vor wenigen Wochen den bayerischen Thron bestiegen. Er kannte die Werke seines Besuchers nicht nur gut, sondern war von seiner Kunst begeistert. Wagner war Ludwigs Lieblingskomponist.

Richard Wagner – der Narkotiseur

1861 hatte er Aufführungen der Opern «Tannhäuser» und «Lohengrin» miterlebt, die ihn tief und nachhaltig beeindruckten.

Die Besprechung mit dem König kam für Wagner wie gerufen. Er befand sich in einer extrem schwierigen Lage. Kurz davor hatte er vor Steuerfahndung und seinen Gläubigern aus Wien flüchten und in der Schweiz untertauchen müssen. Wagner liebte den Luxus, gab mehr Geld aus als er besaß und stürzte sich mit Leichtigkeit in unbezahlbare Schulden. Dies war ihm bereits mehrere Male passiert und seine Fluchtwege hatten ihn in verschiedene Länder geführt.

Ludwig ließ Wagner 170.000 Gulden überweisen, womit er seine Schulden bezahlen und sein neues Projekt, den «Ring des Nibelungen», inszenieren konnte. Dazu stellte er ihm ein geräumiges Haus an der Brienner Straße zur Verfügung.

Der Komponist, der damals etwas über 50 war, wurde Ludwigs väterlicher Freund und Berater. Er versuchte, den König in politischen Dingen zu beeinflussen, verfasste Schriften und genoss es sichtlich, dass in seinem Leben anscheinend eine endgültige Wendung zum Guten eingetreten war.

Aber der Schein trügte. Wagner hatte ein Verhältnis mit Cosima von Bülow, der Tochter Franz Liszts und Ehefrau seines «Tristan-und-Isolde»-Dirigenten Hans von Bülow. Im Juni 1864 fuhren Wagner und Cosima an den Starnberger See zu einem zweimonatigen Urlaub und am 10. April 1865 kam Isolde, das erste gemeinsame Kind, zur Welt. Unterdessen kam es in München zu heftigen Protesten der Regierung und einiger Bürger, die dem König und dem Komponisten «Verschwendungssucht» vorwarfen. Außerdem entsprach Wagners Beziehung zu Cosima durchaus nicht der damaligen Vorstellung von Moral und Sitte. Er reiste in die Schweiz, mietete ein Landhaus bei Genf, in der Hoffnung, der Münchener Sturm möge sich legen, und begann mit der Arbeit an den «Meistersingern von Nürnberg».

 

Oper im Grünen

König Ludwig II. – der Mäzen

Trotz aller Widrigkeiten hielt Ludwig seinem Freund die Treue. Er half ihm später zum Beispiel das Bayreuther Festspielhaus zu finanzieren. Wagners künstlerisches Konzept war überzeugend: Ein Operntheater im Grünen, in der Nähe einer oberfränkischen Ortschaft, abseits vom Großstadtrummel, zu dem die Kunstliebhaber wie die Pilger zu einen Wallfahrtsort anreisen müssen. Der Komponist schätzte die Baukosten auf 300.000 Taler und gründete daher einen Patronatsverein, der Anteilsscheine für jeweils 300 Taler ausgab. Wer sich beteiligte, erhielt einen Sitzplatz pro Vorstellung. Der Verkauf war mäßig. Als im Oktober 1873 das Richtfest gefeiert wurde, war die Finanzierung nicht abgesichert. König Ludwig griff nun in seine Privatschatulle und stellte dem Freund ein Darlehen von 100.000 Talern zur Verfügung.

Der Komponist und seine Mitstreiter stellten ein Festival auf die Beine, das gleich zum Eröffnungsjahr 1876 Prominenz aus halb Europa anzog, die den gesamten «Ring des Nibelungen» – vier abendfüllende Opern – besuchen konnte. Namhafte Gäste fanden sich ein, darunter Kaiser Wilhelm I., Camille Saint-Saëns, Piotr Tchaikowsky, Edvard Grieg, Franz Liszt, Anton Bruckner, Lew Tolstoi, Friedrich Nietzsche und Gottfried Semper.

Diese erste Saison hinterließ ein Defizit von 148.000 Mark, weshalb Wagner das Festspielhaus vorerst schließen ließ und erst 1882 die Premiere des «Parsifal» über die Bühne gehen lassen konnte. Es war die letzte, die Wagner erlebte. Er starb am 13. Februar 1883. Vor der Uraufführung in Bayreuth organisierte er ein Privatkonzert für Ludwig. Bei der Gelegenheit ließ er das «Parsifal»-Vorspiel interpretieren. Es war das letzte Mal, dass sich König und Komponist trafen.

Trotz der anfänglichen finanziellen Misere erlangten die Bayreuther Festspiele relativ schnell Weltberühmtheit. Heute gehören sie zu den bedeutendsten Opernfestivals der Welt. Dies ist nicht zuletzt auf das Interesse zurückzuführen, das Wagners Opern bei den Musikliebhabern weckt. Ihre Wirkung ist einzigartig, sie übertrifft bei weitem den bloßen Musikgenuss. Die Kunst des Bayreuther Meisters besitzt eine einzigartige Kraft und ein bis dahin nie dagewesenes Ausdrucksvermögen.

 

Revolutionäre Musiksprache

Richard Wagner, dessen Geburtstag sich am 22. Mai zum 200. Male jährt, schuf eine Musiksprache, die damals als revolutionär galt. Ein Hörer schrieb, das sei eigentlich keine Musik, sondern ein Narkotikum. Natürlich meinte er dies ironisch, aber etwas wahres ist sicher daran. Wagner-Genießer lassen sich von den gewaltigen Klangballungen und den kühnen Harmonien wie auf Flügeln tragen. Ein rational-analytisches Überlegen ist den meisten beim Anhören dieser einzigartigen Tonsprache nicht mehr möglich.

Hierin ist sicher ein Großteil des Erfolgs des Komponisten begründet. Er baut überwältigende Gefühle auf, wo die meisten seiner Kollegen es lediglich zu Schönklang bringen.

Wagner-Festspielhaus in Bayreuth – die Wallfahrtstätte

Wagners Größe als Tonschöpfer ist indiskutabel. Allerdings drängt sich die Frage auf: Was wäre aus ihm geworden, wäre da nicht König Ludwig mit seinem Wohlwollen gewesen, der ihm trotz aller Sorgen und Enttäuschungen, die ihm Wagner bereitete, bis zuletzt die Treue hielt?

Sicher hätte er unbeirrt an seinen Musikdramen weiterkomponiert, sein Schuldenberg hätte sich vergrößert und seine Gläubiger hätten ihn vielleicht durch die halbe Welt getrieben. Natürlich sind dies nur Spekulationen, die mit gewisser Regelmäßigkeit von Musikliebhabern und Kritikern zum Ausdruck gebracht werden. Sicher ist auf jeden Fall, dass Wagners Werk sich letztendlich behauptet hätte. In Expertenkreisen waren seine Arbeiten bereits bekannt, als er noch nicht einmal seinen unverkennbaren Stil gefunden hatte. Qualität setzt sich nun einmal durch und früh oder spät hätte sein einmaliges Werk zu dem musikliebenden Publikum gefunden.

Erfreulicherweise erkannte ein 18-jähriger sensibler und kunstbesessener Monarch des Komponisten Größe, griff ihm unter die Arme, verhalf ihm bei Lebzeiten zu Ruhm und ermöglichte seinen Zeitgenossen, Wagners Schöpfungen – damals freilich noch umstritten – kennen- und lieben zu lernen.

 

Von Walter Krumbach

 

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