Schauergeschichten um die chilenische Demokratie

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«Historias desconocidas de Chile», Felipe Portales, 2016, Verlag Catalonia, ISBN 978-956-324-439-7

Von Arne Dettmann

Jorge Baradit hat es vorgemacht: Sein Werk «Historia secreta de Chile» (Editorial Sudamericana) legte im vergangenen Jahr einen fulminanten Start hin und katapultierte sich auf Platz 1 der nicht-fiktionalen Bestseller. Ganze 80.000 Exemplare wurden verkauft. Der Erfolg verlangte nach mehr, mittlerweile ist Band 2 auf dem Buchmarkt. Und erneut geht es um Verschwörungen sowie Skandale: War Bernardo O´Higgins wirklich der große Befreier Chiles? Kreuzte ein deutsches U-Boot während des Ersten Weltkriegs vor der chilenischen Küste? Und was hat es mit den Magiern und Hexen auf der Insel Chiloé wirklich auf sich?

Der chilenische Autor Felipe Portales schlägt nun in die gleiche Bresche und präsentiert in «Historias desconocidas de Chile» kuriose Anekdoten und Anekdötchen aus dem reichen Fundus der chilenischen Geschichte. Geschichtswissenschaftler, die Jorge Baradit eine unseriöse Darstellung vorgeworfen haben, dürften bei Portales jedoch aufatmen. Der Soziologe kommt ohne Fantasy-Elemente und Effekthascherei der Unterhaltungsliteratur aus. Spannend bleibt es trotzdem.

Wie kam es 1937 unter der zweiten Alessandri-Regierung zum korrupten Kauf von Militärflugzeugen aus Nazi-Deutschland? Wieso fiel das Redaktionsgebäude der Zeitschrift «Topaze» 1938 einem Brandanschlag zum Opfer? Und warum war Bolivien nach dem Salpeterkrieg mit dem Friedensvertrag von 1904 nicht zufrieden?

Insgesamt 30 Kurzgeschichten auf gerade einmal 250 Seiten liefert der Autor, die Begebenheiten erstrecken sich zeitlich auf das 19. Jahrhundert bis Ende der 1930er Jahre.

Einige Schlaglichter sind nicht sonderlich spektakulär. Dass Chiles rechtskonservative Parteien mit Hitler und Mussolini liebäugelten, ist im Grunde keine Sensation. Umgekehrt fanden viele Linke und Intellektuelle in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg Gefallen an dem neuen Gesellschaftsmodell von Sozialismus und Kommunismus im Osten. Einige änderten später ihre Meinung, hinterher ist man halt immer schlauer.

Skurril dagegen, welche Stilblüten die chilenische Politik so hervorbrachte. Lange vor Salvador Allende putschte sich eine Sozialistische Republik an die Macht, ausgerufen unter Marmaduke Grove, schon für sich genommen schon eine schillernde Gestalt, nämlich Militärangehöriger und Revolutionär in einem. Die neue Regierung hielt nur zwölf Tage. Es folgte eine Diktatur unter Carlos Dávila, die von Juni bis September 1932 dauerte und aus panischer Angst vor Aufständen einen Ausnahmezustand verhängte, wobei Versammlungen von mehr als drei Personen in der Öffentlichkeit verboten wurden.

Insgesamt lässt es Felipe Portales bei solchen Merkwürdigkeiten nicht bleiben. Der Autor des Buches «Los mitos de la democracia chilena» zeigt vielmehr auf, wie Korruption, Autoritarismus und Rassismus die chilenische Demokratie unterwanderten. Insbesondere Präsident Alessandri, die konservative Zeitung «El Mercurio», die katholische Kirche und die sogenannte chilenische Oligarchie samt den rechten Parteien kommen dabei nicht gut weg. Massaker an Arbeitern, Unterdrückung der Mapuche und antidemokratische Manipulationen prägen das Bild.

Allerdings nimmt Portales auch die Sozialistische Partei Chiles aufs Korn und wirft ihr innerparteilichen Militarismus und diktatorische Züge vor. So lautete damals in den 1930er Jahren der Artikel 3 der Parteisatzung, dass man freiwillig Mitglied werde. Der Austritt könne jedoch nur durch Ausweisung oder Tod erfolgen.

«Historias desconocidas de Chile», Felipe Portales, 2016, Verlag Catalonia, ISBN 978-956-324-439-7

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