Lieblingsfilme der Cóndor-Redaktion

Walter Krumbach: «Doktor Schiwago» – Eine tragische Figur inmitten der Revolutionswirren 

Die Geschichte eines Arztes, der ungewollt in die Wirren der Oktoberrevolution geriet, war ein Stoff wie geschaffen für eine große Hollywood-Produktion. Allerdings war es Mitte der 1960-er Jahre ausgeschlossen, an den russischen Originalschauplätzen zu drehen. Der Stoff lässt nämlich kein gutes Haar an den Bolschewiken und zudem besaß das Projekt eine Vorgeschichte, die der russischen Obrigkeit die Zornröte ins Gesicht getrieben hatte. Cóndor-Redakteur Walter Krumbach berichtet an dieser Stelle über seinen Lieblingsfilm.

 

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Boris Pasternak hatte den Roman geschrieben, aber nicht veröffentlichen dürfen. So wurde das Manuskript von einem italienischen Journalisten ins Ausland geschmuggelt. Er brachte es nach Italien, wo sich ein Verleger fand, der es übersetzen und das Buch drucken ließ.

Pasternak wurde 1958 dafür mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt, erhielt aber umgehend von offizieller Seite die Verwarnung, dass er nicht in die Sowjetunion zurückkehren dürfe, wenn er diese Auszeichnung annähme. Der Schriftsteller, der seine Heimat und seine Landsleute über alles liebte, resignierte und verzichtete zeitlebens auf den begehrten Preis.

Der Produzent Carlo Ponti, damals weltweit eine führende Persönlichkeit im internationalen Filmgeschäft, witterte einen Riesenkinoerfolg und setzte alles daran, das russische Epos zu verfilmen.

Als Regisseur engagierte er den bewährten David Lean, der mit «Die Brücke am Kwai» und «Lawrence von Arabien» zwei Leinwandepen geschaffen hatte, die damals schon als Klassiker gehandelt wurden. Der geschäftstüchtige Ponti wünschte außerdem, mit seiner Frau Sophia Loren die weibliche Hauptrolle der Lara zu besetzen. Die 30-jährige Filmdiva war damals auf dem Höhepunkt ihres Ruhmes.

Als er Lean sein Anliegen vortrug, meinte dieser lachend: «Du glaubst doch nicht im Ernst, dass deine Frau eine 17-jährige Jungfrau spielen kann?» Damit war die Sache erledigt und der Part wurde mit der bildschönen und hochtalentierten Julie Christie besetzt.

 

Geniale Rollenbesetzung

David Lean engagierte Charakterdarsteller ersten Ranges
David Lean engagierte Charakterdarsteller ersten Ranges

Überhaupt engagierte Lean Charakterdarsteller ersten Ranges für sämtliche Hauptrollen. Schiwago wurde von dem Ägypter Omar Sharif dargestellt, der sich in Leans «Lawrence von Arabien» bewährt hatte. Rod Steiger zog meisterhaft alle seine darstellerischen Register als widerwärtiger Opportunist Viktor Komarovsky, der sich chamäleonhaft an die neuen politischen Verhältnisse anpasst und Lara und ihre Mutter wie Freiwild ausnutzt. Eine überwältigende Darstellung, unheimlich in ihrer immensen Bösartigkeit.

Die kaum 20-jährige Geraldine Chaplin leistete als Schiwagos Ehefrau Tonja beachtliches, und der große Alec Guinnes zeichnete, überzeugend wie immer, den komplexen Charakter von Schiwagos Halbbruder Jewgraf, der in der Partei Karriere macht und es vom armen Revoluzzer zum General bringt. Hervorragend auch Tom Courtenay als Pascha Antipow, der idealistische Politiker, Laras junger Ehemann, der sich im Wirbel der Ereignisse in den kaltblütigen Parteifunktionär Strelnikow verwandelt und dabei zugrunde geht.

Gedreht wurde in Spanien, Kanada und Finnland. Um Moskaus Straßen und Häuserfassaden zu bauen, mussten 780 Arbeiter herangezogen werden. Ganze sechs Monate waren sie damit beschäftigt. Die Straßenschilder, Firmennamen und Transparente der Demonstranten wurden selbstverständlich in russischer Sprache mit kyrillischen Schriftzeichen verfasst. Hierbei waren Fachleute besonders darum bemüht, dass dabei keine Unstimmigkeiten entstanden.

 

Verbotene Musik, lauthals gesungen

Schiwagos Eisenbahnfahrt ins Uralgebiet, eine der beeindruckendsten Szenenfolgen
Schiwagos Eisenbahnfahrt ins Uralgebiet, eine der beeindruckendsten Szenenfolgen

Während einer nächtlichen politischen Kundgebung in Moskau singt die Menschenmenge das Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung «Die Internationale». Der spanischen Polizei war die Melodie aus der Bürgerkriegszeit noch bekannt. Natürlich hatte das Franco-Regime die Weise verboten. Als beim Dreh der Szene einige Beamte den Gesang hörten, wurden sie nervös und begaben sich sofort zum Schauplatz, um die vermeintlichen subversiven Elemente festzunehmen. Als die Produktionsleitung ihnen erklärte, dass es sich um einen historischen Film über die russische Revolution handelte, waren die Ordnungshüter beruhigt und verließen alsbald zur Erleichterung aller Beteiligten den Ort des Geschehens.

An Massenszenen wurde nicht gespart. Die Kostümbildnerin Phyllis Dalton entwarf über 5.000 Kleidungsstücke mit Stil und Geschmack. Sie erhielt für ihre Leistung einen Oscar. Als der Film Premiere hatte, kündigten die Modezeitschriften mit großem Tamtam den «Schiwago-Look» an. Die langen Jacketts und Mäntel, eng anliegend und militäruniformmäßig geschnitten, vermittelten in der Tat den Eindruck, in dem Film Verwendung gefunden zu haben. Nicht nur in den großen Metropolen, wo der Streifen Premiere hatte, sondern auch fernab der wichtigen Kulturzentren, wurden Modenschauen zelebriert, in denen diese Schöpfungen auf die Laufstege kamen. So geschehen, zum Beispiel, in Santiago de Chile!

David Leans Vorliebe für Eisenbahnen kam wieder einmal voll zur Geltung. Schon in «Die Brücke am Kwai» und «Lawrence von Arabien» hatte er Züge als dramaturgisches Mittel verwendet. Auch später, in der «Reise nach Indien» setzte er Eisenbahnen wirkungsvoll in Szene. «Doktor Schiwago» enthält sicherlich Leans eindrucksvollste Zugfahrt. Die Flucht des Arztes und seiner Familie aus Moskau in das Uralgebiet, wo seine Schwiegereltern ein Gut besitzen, ist ebenso beschwerlich für die Betroffenen wie faszinierend für die Zuschauer.

In einem überfüllten Güterwagen reisen sie wie Vieh zusammengepfercht ihrer ungewissen Zukunft entgegen. Lean zeigt gewaltige Naturschauplätze, bei Tag und bei Nacht, bei Sonne und Schnee. Im schaukelnden Wagen sitzen beziehungsweise liegen die resignierten Reisenden auf Strohsäcken und hoffen besorgt, bald ihr Ziel zu erreichen. Grandios in einer kurzen Nebenrolle: der junge Klaus Kinski als verrückter gefangener Anarchist, der Narrenfreiheit genießt und seinen Bewachern die politische Wahrheit ins Gesicht sagt.

 

Die Dreiecksbeziehung Schiwagos stellt den Mittelpunkt der Handlung dar
Die Dreiecksbeziehung Schiwagos stellt den Mittelpunkt der Handlung dar

Die menschlichen Konflikte im Mittelpunkt

Freddie Youngs Kamera fing beeindruckende Bilder ein. Das gilt nicht nur für die berückend schön gefilmten Landschaften, sondern auch für die menschlichen Konflikte, die in ihrer Dramatik den Kern des Films ausmachen. Die Dreiecksbeziehung Schiwagos mit seiner Ehefrau Tonja und Lara ist dabei von grundlegender Bedeutung. Boris Pasternak hatte einen Großteil seines Lebens eine ebensolche Beziehung, die er in seinem Roman literarisch verarbeitete, sie sich also gewissermaßen von der Seele schrieb.

Lean rückte diesen Konflikt in den Mittelpunkt der Handlung. Mit außerordentlicher Sensibilität und keiner Spur von Vulgarität packte der Regisseur das heiße Eisen an. So kommt es, dass man trotz moralischer Vorbehalte als Zuschauer Verständnis für Schiwagos Handeln findet und ihn im Aufbegehren gegen die Tragik seiner Existenz bemitleidet.

«Doktor Schiwago» ist heute, knapp 50 Jahre nach seiner Entstehung, noch ebenso frisch und unüberholt wie am Tag seiner Erstaufführung. Er gehört zu jenen Filmen, die man beliebig oft sehen kann, weil die schauspielerischen Leistungen bewundernswert sind, die Spannung trotz 200 Minuten Spieldauer nie nachlässt und die Geschichte derart überzeugend erzählt ist, dass man meint, eine wahre Begebenheit mitzuerleben.

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