Österreichische Künstlergruppe entwirft Dokumentation über Flüchtlinge

Grenzerfahrungen zwischen Spiel und Wirklichkeit

Bewusstsein für die Situation von Flüchtlingen schaffen: Die österreichische Gruppe «gold extra» recherchierte für die interaktive Dokumentation «From Darkness» in den Slums von Nairobi (Kenia).
Bewusstsein für die Situation von Flüchtlingen schaffen: Die österreichische Gruppe «gold extra» recherchierte für die interaktive Dokumentation «From Darkness» in den Slums von Nairobi (Kenia).

 

Jährlich ertrinken Tausende von Flüchtlingen im Mittelmeer, Millionen Migranten fliehen vor Krieg, Verfolgung und Not. Darf man solche Schicksale in einem Computerspiel verarbeiten? – Eine österreichische Künstlergruppe geht einen ungewöhnlichen Weg.

 

Von Arne Dettmann

Bei «Horizon: Zero Dawn» schießt der Spieler gegen Dinosaurier-Maschinen; bei «Resident Evil 7: Biohazard» erleben erprobte Horror-Freaks den Zombie-Grusel aus der Ego-Perspektive; bei «Fifa 18» sind Fußballpokale zu erdrippeln und bei «Nioh» zückt man das Samurei-Schwert gegen menschliche sowie dämonische Feinde.

Diese und weitere Spiele bilden die Highlights 2017 bei allen jugendlichen Zockern und solchen Spielnarren, die zwar älter, nicht aber erwachsen geworden sind. Laut Statista tauchen 34,1 Millionen Personen in Deutschland häufig oder gelegentlich in die Welt aus Action und Fantasie am Bildschirm ab – 25 Millionen von ihnen sind über 20 Jahre alt.

Bei übertriebenem Konsum ist Schlafentzug noch eine vergleichsweise harmlose negative Folge. Auf der Spielemesse Gamescom 2016 warnte der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen vor dem Einfluss gewaltverherrlichender «Killerspiele». Manche Forscher sehen sogar einen Zusammenhang zwischen Amokläufen und blutrünstigen Baller-Orgien am PC.

Vor diesem Hintergrund dürfte es daher als recht außergewöhnlich gelten, was eine österreichische Künstlergruppe namens «gold extra» mit Sitz in Salzburg entwickelt hat. Bei «Frontiers» wird der Spieler an die Grenzen Europas geführt, unter anderem zur spanischen Exklave Ceuta in Nordafrika, wo Flüchtlinge immer wieder versuchen, den Grenzzaun zu überwinden, um sich nach Europa zu retten. Reale Orte, Schicksale, Hintergründe – so wie in den Nachrichten erscheinen – flossen in das Computerspiel mit ein. Stehen gewöhnliche Videospiele unter dem Generalverdacht der Realitätsflucht, so schlüpft bei «Frontiers» der Spieler in die Rolle von Flüchtlingen oder Grenzpolizisten.
 

Auf Spurensuche von Flüchtlingen, Alltagsgeschichten von Migranten

Beim jüngsten Projekt «From Darkness» begibt sich der Spieler in der ostafrikanischen Metropole Nairobi auf eine Spurensuche von Flüchtlingen und erfährt dabei Alltagsgeschichten von Migranten. In der fiktiven Gestalt einer Mutter, die nach ihrer verschwundenen Tochter sucht, erlebt man die Geschichte von Kriegen, Fluchtbewegungen und Lebenschancen unmittelbar an Hand von interaktiven Simulationen, Videos und inneren Monologen.

Für die Entwicklung dieses Spiels reiste die Gruppe nach Uganda und Kenia, recherchierte vor Ort, sprach mit Betroffenen sowie Mitgliedern des Roten Kreuzes. In «From Darkness» wurden 60 Stunden Interview- und Filmmaterial in Form von Zitaten und Erinnerungen in einer multiperspektivischen 3D-Umgebung zusammengefasst.

Tobias Hammerle von «gold extra»
Tobias Hammerle von «gold extra»

Aber handelt es sich bei dieser künstlerischen Form überhaupt noch um ein Spiel? «Das ist schwer zu definieren», erklärt Tobias Hammerle von «gold extra», der vor Kurzem beim Goethe-Institut in Santiago de Chile einen Vortrag hielt. «Ich meine, es ist eine Kombination aus Dokumentation mit Interaktivität». Sinn und Zweck von «Frontiers» und «From Darkness» sei es, vergessenen Konflikten und menschlichen Schicksalen eine Stimme zu geben, ohne dabei in Klischees zu verfallen, geschweige denn eine Lösung anzubieten. «Wir haben die Spiele getestet und festgestellt, dass wir viele andere Leute erreichen konnten, die sonst von dem Migrationsthema kaum etwas erfahren hätten.» Das Problem von Migration und Flucht sei stärker ins Bewusstsein gedrungen.
 

Spiele und Moral

Der Faktor des Spielerischen durfte dabei allerdings nicht verloren gehen. Im Gegensatz zum Kino, so Tobias Hammerle, treffe man Entscheidungen. Bei «Frontiers» wurde ganz bewusst nicht darauf verzichtet, dass man in der Rolle des Grenzpolizisten auch auf einen Flüchtling schießen darf. «Denn eine Moral ist nur echt und wirksam, wenn sie aufgrund einer eigenen Entscheidung bestätigt wird.» Der Spieler müsse sich über die Konsequenzen seines Handelns klar werden. Und: «Wir haben als Kinder die Welt spielend erlernt und simuliert. Warum sollten wir damit aufhören, wenn wir erwachsen sind?»

Kritische Nachfragen während des Vortrags im Goethe-Institut gab es dennoch. Wie vermarktet sich nun so eine Innovation innerhalb einer Branche, die immer wieder in der Kritik steht, sich hauptsächlich über Gewalt zu verkaufen? «Wir sind nicht kommerziell ausgerichtet, sondern im künstlerischen Bereich tätig», erklärte Tobis Hammerle. Die Arbeit von «gold extra» würde unter anderem von der staatlichen Austrian Development Agency, der Agentur der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit mitfinanziert. Sponsoren unterstützten zudem die Projekte. Die Spiele selbst sind kostenlos im Internet verfügbar. Für das Konzept von «From Darkness» hat «gold extra» 2012 den Medienkunstpreis des Landes Salzburg erhalten.

Link zum Spiel Frontier hier klicken Link zum Spiel From Darkness hier klicken

 

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One Comment

  1. Also ich finde das einen sehr interessanen Ansatz!

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