Die Elbphilharmonie – Hamburgs neues Wahrzeichen

Eine Geschichte mit Happy End

Es ist tatsächlich geschafft: Nach zehn Jahren Bauzeit und Skandalen um Kostenexplosionen und Bauverzögerungen wird am 11. Januar 2017 die Hamburger Elbphilharmonie eröffnet.

Hamburg Elbphilharmonie
Einzigartig ist die schillernde Glasfassade der Elbphilharmonie mit ihren 1.100 Fensterelementen. Das 7.000 Quadratmeter große Konzerthaus-Dach setzt sich aus acht sphärisch, konkav gekrümmten Flächen zusammen.

 

Hamburg (dpa) – Am besten nähert man sich der Elbphilharmonie mit dem Schiff. Von einer Barkasse oder einer Elbfähre aus erscheint die Fassade der «Gläsernen Welle» immer wieder anders, je nachdem, wie sich das Licht und der Himmel in den markant gebogenen Fensterflächen spiegeln: mal dunkel und bedrohlich, wenn graue Wolken über dem Hamburger Hafen aufziehen, mal glitzernd und golden, wenn sich die Sonnenstrahlen in den 1.096 Glaselementen des 110 Meter hohen Gebäudes spiegeln.

Hamburg Elbphilharmonie
Das Zusammenspiel des ehemaligen Kaispeicher A mit dem kühnen Schwung des schillernden Glaskörpers ist die architektonische Visitenkarte der Elbphilharmonie. Noch bis in die 90er Jahre hinein wurden hier Kakao, Tee und Tabak gelagert. Mit dem Anstieg des Containertransports verlor der Kaispeicher A jedoch an Bedeutung und stand schließlich leer.

Die einzigartige Lage des Konzerthauses auf einer Landzunge am Eingang der Hafencity – unten historischer Backstein, oben der moderne Glaswürfel – , von drei Seiten von Wasser umgeben, soll die Architekten an die Inselkirche San Giorgio in Venedig erinnert haben. Auch am Eingang der Lagunenstadt werden die Besucher mit einem spektakulären Blick auf die Stadtsilhouette begrüßt.

Am 11. Januar 2017 ist es endlich so weit – was manch einer angesichts der Querelen um Kostenexplosionen und Bauverzögerungen schon nicht mehr zu hoffen wagte: die Elbphilharmonie, schon jetzt das neue Wahrzeichen der Hansestadt, wird mit einem Konzert des NDR Elbphilharmonie Orchesters unter Leitung von Chefdirigent Thomas Hengelbrock eröffnet.

Das spektakuläre Gebäude aus Glas der Schweizer Architekten Herzog & de Meuron soll Hamburg in die Liga der zehn besten Konzerthäuser der Welt katapultieren. Nach fast zehn Jahren Bauzeit – der erste Eröffnungstermin war für 2010 geplant – und einer Kostenexplosion von 77 Millionen auf 789 Millionen Euro hatte sich die «Elphi» im Laufe der Zeit für alle Beteiligten von einem Vorzeigeprojekt in einen Alptraum verwandelt.

Doch spätestens seit 2013 die Neuordnung die Elbphilharmonie aus den Negativschlagzeilen herausgeholt hat, steigt die Vorfreude auf das neue Konzerthaus. Zum dreiwöchigen Eröffnungsfestival hat sich das «Who is Who» der Klassikszene angekündigt: von den Wiener Philharmonikern über das Chicago Symphony Orchestra bis zu den Einstürzenden Neubauten – fast alle Konzerte sind bereits ausverkauft.

Hamburg Elbphilharmonie
Mit seinen 2.100 Plätzen ist der Große Saal in 50 Metern Höhe das Herz der Elbphilharmonie. Dem Konzept der Weinberg-Architektur folgend, befindet sich das Orchester in der Mitte des Saales, während die Ränge zu einem steilen Zuschauerkessel hinaufragen.

Bei den beiden Eröffnungskonzerten werden Stars wie Anja Harteros, Wiebke Lehmkuhl, Philippe Jaroussky, Jonas Kaufmann und Bryn Terfel zum ersten Mal im neuen Musentempel singen. Für die Konzerte haben sich mehr als 200.000 Menschen um 1000 Freikarten beworben. Sogar aus der Antarktis wollten Klassikfans dabei sein.

Für Christoph Lieben-Seutter, seit 2007 Generalintendant von Elbphilharmonie und Laeiszhalle, hat sich das Blatt zugunsten der Elbphilharmonie gewendet: «Jahrelang war die Elbphilharmonie das Problemkind der Stadt und wir konnten uns vor schlechten Schlagzeilen gar nicht schützen. Jetzt, wo wir kurz vor der Vollendung sind, ist in der Stadt die Begeisterung wieder absolut zu spüren. Und die Kosten sind erstaunlicherweise schon jetzt kaum noch ein Thema», meint der Österreicher, der zuvor das Konzerthaus in Wien geleitet hat. Schon dreimal, 2010, 2012 und jetzt 2017, hat der 52-Jährige die Eröffnung des Konzerthauses geplant.

Spätestens seit am 4. November die Bilder vom Konzertsaal und der Eröffnung der öffentlichen Plaza in 37 Metern Höhe um die Welt gingen, ist die Elbphilharmonie in aller Munde. «Glänzend!», «Sensationell!», «Grandios!» – lautete das Urteil der nationalen und internationalen Presse. In Hamburg sei das ehemalige Problemkind der Stadtplanung im Lauf der Wartejahre «zum nationalen Architekturwunder» («Süddeutsche Zeitung») aufgestiegen.

Angefangen hat alles mit einer spektakulären Idee des Hamburger Architekten Alexander Gérard. Dieser forderte in den 1990er Jahren, an der exponierten Stelle in der neu entstehenden Hafencity einen kulturellen Anziehungspunkt zu schaffen. Zunächst stößt er auf Unverständnis, aber als er seine Studienkollegen Jacques Herzog und Pierre de Meuron mit ins Boot holt, wendet sich das Blatt. Bei der Grundsteinlegung am 2. April 2007 gibt es nur strahlende Gesichter.

Doch schon bald stellt sich heraus: Nichts war bei der Elbphilharmonie fertig durchdacht: Pläne, Termine und bauliche Umsetzung passten nicht zusammen. Das größte Problem war das komplizierte Dreiecksverhältnis zwischen der städtischen Realisierungsgesellschaft (Rege), den Architekten und dem Bauunternehmen Hochtief. Die Architekten Herzog & de Meuron und Hochtief redeten nicht direkt miteinander – wie sonst üblich auf Baustellen – sondern verhandelten ausschließlich mit der Stadt, die damit hoffnungslos überfordert war. Das Ergebnis: Explodierende Kosten und Bauverzögerungen, die immer dramatischere Ausmaße annahmen.

Beim Richtfest am 28. Mai 2010 ist Ernüchterung der Euphorie vom Anfang gewichen: Die öffentlichen Ausgaben für die Elbphilharmonie sind mittlerweile um das Dreifache auf 323 Millionen Euro gestiegen, Fertigstellungstermin ist nun 2013. Das Wort vom «Millionengrab» macht die Runde.

Hamburg Elbphilharmonie
Die Konzertsaalorgel befindet sich in, neben und hinter den terrassenförmig angeordneten Zuschauerrängen. Einige der 4.765 Pfeifen sind sichtbar und berührbar im Raum angebracht. Gebaut wurde die Orgel von der renommierten Werkstatt Johannes Klais Orgelbau in Bonn. Titularorganistin der Elbphilharmonie ist die international gefragte Konzertorganistin Iveta Apkalna.

Doch wer ist Schuld an dem Desaster? Das sollen zwei Parlamentarische Untersuchungsausschüsse klären, die zu dem Ergebnis kommen: Ursache sind eine viel zu frühe Ausschreibung trotz unfertiger Planung, zu wenig Kontrolle und Überforderung vonseiten der Politik, sowie ein chaotisches Nebeneinander von Baukonzern und Architekten. Die Verantwortlichen weisen alle Schuld von sich.

Bald geht nichts mehr auf Deutschlands berühmtester Kulturbaustelle: Ende 2011 weigert sich Hochtief, das Dach des Großen Konzertsaals abzusenken, und stellt die Bauarbeiten komplett ein. Am Ende kommt es zu einer teuren Lösung, die die Steuerzahler insgesamt 789 Millionen Euro kosten wird, doch für Bürgermeister Olaf Scholz gab es keine Alternative: «Wer will ernsthaft ein so teures Mahnmal als Ruine?» Neuer Eröffnungstermin: 11. Januar 2017.

Neben den vertrackten Verhältnissen auf der Baustelle spielte auch die architektonische Einzigartigkeit des Gebäudes eine entscheidende Rolle bei den Kosten. Schließlich wollte man kein Gebäude von der Stange, sondern Architektur von Weltrang. Vieles an der Elbphilharmonie ist einzigartig und wurde so noch nie gebaut.

Der große Konzertsaal mit Platz für 2.100 Besucher ist ähnlich wie die Berliner Philharmonie nach dem Weinberg-Prinzip gebaut, mit einer Bühne in der Mitte, die von terrassenförmigen Publikumsrängen umgeben ist – nur viel höher und viel steiler. Aus Schallschutzgründen wurde der 12.500 Tonnen schwere Saal komplett vom restlichen Gebäude entkoppelt und ruht auf 362 Stahlfederpaketen – schließlich soll man während des Konzerts nicht das Tuten der «Queen Mary» hören.

Auch die spektakuläre Glasfassade mit ihren 1096 Fensterelementen ist einzigartig, jedes einzelne Element wurde zum Schutz gegen die Sonne mit einem Raster aus Chrompunkten individuell bedruckt. Ebenfalls noch nie gebaut wurde die «Tube», die 82 Meter lange Rolltreppe, die die Besucher auf die öffentliche Plaza in 37 Metern Höhe führt.

Hamburg Konzerthaus Elbphilharmonie
Die »Weiße Haut« im Großen Saal besteht aus insgesamt 10.000 Gipsfaserplatten. Die Platten sind aus Altpapier und Naturgips gefertigt. Die Oberflächenstruktur besteht aus circa einer Million Zellen und ist entscheidend, um den Schall gezielt zu streuen. Die »Weiße Haut« wurde von den Architekten in enger Abstimmung mit dem Akustiker Yasuhisa Toyota entwickelt.

Für die Akustik ist der Japaner Yasuhisa Toyota verantwortlich, der zu den besten Akustikern der Welt zählt. Für die Elbphilharmonie hat er die «Weiße Haut» entworfen: 10.000 individuell zugeschnittene Gipsplatten, unterschiedlich in Form und Größe, Gewicht und Oberflächenstruktur, die die Innenverkleidung des großen Saals bilden. Sie sollen den Schall optimal reflektieren. An der Decke hängt ein riesiger Reflektor, der ebenfalls zur perfekten Raumakustik beitragen soll. «Ich hoffe, dass es gelingt, Hamburg zu einem der besten Konzerthäuser der Welt zu machen», ist der Japaner zuversichtlich.

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