Ein einmaliges musikalisches Erlebnis

In dieser Osterzeit waren wir Zeuge der überwältigenden Begegnung, den so berühmten Bachdirigenten Helmuth Rilling hier wieder in unserem Land zu erleben. Er brachte uns dieses Bachwerk, das wohl als das tiefgründigste, genialste und schönste der ganzen Musikgeschichte gilt.

Über 700 Besucher füllten den Salón Fresno in der Pontificia Universidad Católica, und Hunderte standen vorher voll freudiger Erwartung stundenlang Schlange nach Karten. Die «Matthäus-Passion» von Johann Sebastian Bach (1685-1750) sollte unter dem berühmten Bachspezialisten Helmuth Rilling geboten werden. Rilling hat sich seit Jahren die Aufgabe gestellt, die Liebe zur Musik von Bach weltweit zu verbreiten. Kurz von seinem 80.Geburtstag unternahm er mit seinen Musikern die lange Reise nach Chile.

Er kam mit seinem im Jahre 1963 gegründeten Collegium Bach – Stuttgart. Er ist für sein höchst vielfältiges Wirken mit den verschiedensten Preisen ausgezeichnet worden, darunter im Jahr 2000 mit dem Grammy – und bisher bewerkstelligte er die beachtenswerte Anzahl von 172 CD-Aufnahmen von Bach -Werken.

Dank einer Vereinbarung zwischen dem Teatro del Lago- Frutillar und der Universidad Católica genossen wird das Privileg, dieses monumentale Werk in Frutillar in seiner ganzen Ausdehnung zu hören. In Santiago dagegen brachte Rilling nur den ersten Teil des Werkes, da er im ersten Teil des Konzertes  äußerst lehrreiche Erläuterungen über Bachs Analogie der Bedeutung der Hoffnung, der Vergebung und der Auferstehung darlegte. Helmuth Rilling meinte dazu: «Es ist nicht nur wichtig die Musik von Bach zu hören, sondern sie auch zu verstehen.»

Die Matthäus-Passion schrieb Bach 1727 und den Text nahm er aus de aus dem 26. und 27. Kapitel des Matthäus Evangeliums, in der Luther-Übersetzung. Hinzu kommen Dichtungen von Christian Friedrich Henrici sowie traditionelle lutherische Choräle, die die Gemeinde mitsingen konnte.

Zu ihrer Aufführung bedingt die «Passion» zwei Chöre, zwei Orchester und zwei Orgeln. Der biblische Text, der die Geschehnisse schildert, ist beim Evangelisten musikalisch einfacher, während die «ariosi» und die Arien ausgedehnt und kontemplativ gestaltet sind. Sie geben die verschiedenen Begebenheiten des biblischen Geschehens wieder und verleihen somit dem Leben Christi einen intimeren Charakter. Außerdem nimmt ein Chor von Kindern teil, zusätzlich zu den Sopranen der beiden Chöre. Diese befinden sich mit dem Orchester und den Solisten in ständigem Dialog. Die Solisten singen auch vierstimmig im «concertato».

Helmuth Rilling reiste nach Chile mit seinem Bach-Ensemble und mit einem aus 22 verschiedenen Ländern bestehendem Orchester. Jedes des beiden Orchester hatte ihre Flöten, Oboen, Streicher, Viola da Gamba .und den Generalbass. Es kamen über 100 Chorsänger. Den Kinderchor sang der Kinderchor der «Casa Richter» aus Frutillar.

Die Gesangsolisten waren alle, ohne Ausnahme, ersten Ranges. Absolut überzeugend gestaltete der Evangelist, Patrick Vogel, Tenor, sowohl stimmlich als auch ausdrucksmäßig seine Rolle. Seine Ausstrahlung war so beeindruckend, dass es einem wahrhaft ans Herz ging. Der Sopran Martina Nawrath besitzt ein schönes Timbre, sie trug ihre Arien voller Feingefühl und tiefer Einfühlsamkeit vor. Auch der Alt, Lidia Vines Curtis, ergriff mit ihrem Vortrag und samtenen Klang voller Zärtlichkeit und Empfindungsfähigkeit. Johannes Mooser, Bass, mit seinem zu Herzen gehenden tiefen Klang und ergreifender Gefühlsregung, rührte uns zutiefst. Die übrigen Solisten, der Tenor Gene Stenger, der Bass Simon Robinson und der Bass Modestus Sedlevicius boten auch eine hervorragende Leistung.

Beide Chöre waren von einer fehlerlosen rhythmischen Exaktheit und Ausdrucksfähigkeit, mit energischen«fortissimi» und berauschenden «pianissimi», wie es die Partitur jeweils erfordert. Die Leistung der instrumentalen Solisten in beiden Chören war auch makellos und muss besonders hervorgehoben werden: die erste Violine, die Oboen, Flöten und die Viola da Gamba.

Am Ende hatte dieses Meisterstück von Bach das Publikum in solchem Maße getroffen, dass es unfähig war, sofort mit dem Applaus zu beginnen – es war eine Atmosphäre tiefer seelischer Sammlung und des Schweigens entstanden. Dieses ist insgesamt Helmuth Rilling zu verdanken, dass er uns mit diesem Bachwerk zu ergreifendster Andacht und bleibender Anerkennung führte.

 

Von Sylvia Wilckens, Círculo de Críticos de Arte de Chile

Print Friendly, PDF & Email

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*