Die majestätische Ruhe der Anden

 

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Nicht nur Bücher, auch Gemälde haben ihre Schicksale. Das abgebildete Sujet beeindruckte den deutschen Maler Kurt Schiering (Condor berichtete im März) als künstlerischen Interpret chilenischer Landschaften vor 100 Jahren.

Schiering betitelte das Bild schlicht «Santiago». Der Cerro El Plomo, von der oberen Bildmitte leicht nach rechts versetzt, krönt mit seiner 5.424 Meter hohen Gipfelspitze die gesamte Bergkette.

Es ist nicht überliefert, ob Schiering wusste, dass 20 Jahre vor ihm – im März des Jahres 1896 –die Deutsch-Chilenen G. Brandt und R. Luck, beide Pioniere des chilenischen Andinismus, die erste öffentlich bekannt gewordene Besteigung des Berges El Plomo geschafft hatten.

Die malerische Szenerie aus Künstlerhand fing die mit ewigem Schnee bedeckten Massive in Weiß und rotorangen Farben ein. Schierings damaliger Sichtpunkt wäre in der grünen Ebene des Mapochotales irgendwo auf der gut 50 Kilometer langen Strecke bis zum Fuß des Massivs zu verorten. Eine solche Szenerie wird sich an so vielen unglaublich imposanten Orten Chiles am Fuße der Kordilleren wiederholen. Im Mapochotal Santiagos schuf Schiering eines seiner schönsten Gemälde.

Der Anblick dieser beeindruckenden Natur, wie ihn die Einwohner von Santiago «vor ihren Toren» seit eh und je sehen, ist erhaben. Die Inkas bezeichneten den Berg als «apu», einen Gott mit einem besonderen Geist, nämlich «Wächter».

Nachdem Kurt Schiering im Korrespondentenauftrag der weltbekannten Zeitung «Leipziger Illustrierte» in Brasilien eintraf und jenes Land wie auch Argentinien mit dem sehenden Auge eines Reisemalers erkundet hatte, reiste er seit 1914 durch Chile. Er wählte als einen Lebensfokus die Stadt Santiago als Ausgangspunkt zahlreicher Malreisen kreuz und quer durch Chile.

Kurt Schiering wird wahrscheinlich nicht gewusst haben, dass dieser Berg – wie zahlreiche andere auch – Mythen und Legenden der Inkas bewahrt, wie es Jahrzehnte nach Schiering (1954) durch einen sensationellen Fund der Hochgebirgs-Archäologie bestätigt wurde: die Kindermumie des Cerro El Plomo.

Über die akribische wissenschaftliche Untersuchung der Permafrost-Mumie informiert das Nationalarchiv. Darunter befinden sich auch Nachrichten berühmter Wissenschaftler wie G. Mostny und Francisco Leopoldo Cornely Bachmann, der spätere Direktor der Archäologischen Gesellschaft von La Serena. Cornely, der durch die Auswanderung seiner Eltern aus Deutschland in Chile Fuß fasste, mag vielleicht mit Schiering zusammengetroffen sein. Immerhin realisierte Cornely Ausstellungen zwischen 1915-1917, genau während Schierings Aufenthalt, in Santiago. Ein Déjà-vue-Erlebnis? Jahre zuvor mochten sich beide jungen Künstler in Leipzig getroffen haben, als sie gleichzeitig die dortige Kunstakademie frequentierten.

130 Jahre nach Schierings Geburt sind wenige Spuren geblieben. Das faszinierende Bild «Santiago» gehört dazu; es strahlt in majestätischer Ruhe. Wie ergriffen und begeistert Kurt Schiering gewesen sein wird, um den beeindruckenden Cerro El Plomo im Abendlicht auf den Malkarton zu bringen, kann mancher heutige Betrachter nachvollziehen.

Andreas Schaaf und Arne Dettmann

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