Dem Herrn dienen und das Volk erheben

Am 19. März dieses Jahres fand die feierliche Inthronisation des Papstes Franziskus auf dem Petersplatz in Rom statt. Dem Wesen des neuen Pontifex Maximus entsprechend war die Zeremonie im Vergleich zu denen seiner Vorgänger auffallend schlicht. Franziskus zeigte sich in seiner bescheidenen Art jeglichem Pomp abgeneigt. Ein Papst mit einem völlig ungewohnten Stil war in den Vatikan eingezogen.

Die Inthronisation von Papst Franziskus: Beeindruckend vorgetragene Musik

Nur eines hatte sich nicht geändert: Die Musik zur Liturgie erklang traditionsgemäß. Die altbekannten Kompositionen, von der Gregorianik bis zu den zeitgenössischen Schöpfungen, wurden in beeindruckender Weise von Chor und Orgel vorgetragen.

Das wertvolle Walcker-Instrument, von der angesehenen Ludwigsburger Firma 1894 erbaut, war von 1953 bis 1962 von dem italienischen Unternehmen Tamburini vergrößert und modernisiert worden. Sein nobler Ton ist ungemein wirkungsvoll und im Zusammenklang mit dem Chor schier atemberaubend. Dazu besitzt – der seit 1989 amtierende – Organist James Edward Goettsche einen Anschlag, der sich systematisch jedwede Freiheiten verbittet und somit sorgfältig, tadellos und mit Geschmack spielt. Es ist ein Genuss, ihm zuzuhören. Niemals drängt er sein Können in den Vordergrund, Verzierungen arbeitet er lediglich aus, wenn sie auf dem Notenblatt stehen. Goettsche nimmt die Eucharistie in ihrer reinsten Form wahr.

Nach dem «Ite, missa est», während Franziskus sich vom Platz in das Innere des Doms begab, um den Gruß der geladenen Staatsmänner entgegenzunehmen, ertönte ein feierliches Blechbläserstück (Giovanni Gabrieli?).

Die Musikbegleitung war sorgfältig geplant und ausgearbeitet worden. Obwohl die Stücke aus verschiedenen Jahrhunderten stammten, spalteten sie nicht die Einheit der Handlung, sondern waren eher im Gegenteil ein grundlegender Faktor ihrer Festigung.

 

Musik fürs Volk?

Aber ach, es kommt nicht allzu oft vor, dass ein Papst inthronisiert wird und der gewöhnliche Sterbliche Gelegenheit hat, die Zeremonie am Bildschirm zu verfolgen. Der musikalische Kirchenalltag hört sich oft ganz anders an.

Die ehrwürdigen, erhebenden Choräle aus vergangenen Zeiten wichen Liedern mit anspruchslosen Texten und banalen Melodien. Es heißt, die

Claudio Monteverdi: Die Orgel begleitet den König der Unterwelt

Kirchenmusik soll dem Niveau des Volkes entsprechen, jedem verständlich und keinem zu schwer sein, damit er mitsingen kann. Wer sich so äußert, scheint nicht zu merken, dass er mit dieser Meinung das Volk beleidigt. Davon abgesehen, birgt dieses Nach-unten-nivellieren die Gefahr in sich, dass der Kirchengänger keinen Unterschied mehr zwischen Alltags- und Kirchenmusik feststellen kann. Somit ist die heilige Handlung ihrer Erhabenheit beraubt.

Ein besonderes Kapitel ist in dieser Hinsicht die Instrumentalbegleitung. Eine alte Regel besagt, dass sowohl die Liturgie als auch die Choräle und Lieder von edlen Instrumenten begleitet werden müssen. Damit sind in erster Linie Orgel und Blechbläser und gleich danach Streicher gemeint. Diesen Grundsatz wandten interessanterweise Opernkomponisten der Renaissance und des Barock an: Auftritte eines Gottes oder eines Königs ließen sie in der Regel von Trompetenstößen oder Orgel begleiten. Im «Tanz der Spröden» («Il ballo delle ingrate») von Claudio Monteverdi etwa beschert die Orgel dem Publikum ständig großzügig satte Harmonien, wenn Pluto, König der Unterwelt (!), das Wort hat.

 

Edle Instrumente wirken ansteckend

Edle Instrumente strömen eine emotionale Kraft aus, die eine Gitarre zum Beispiel nicht imstande ist zu erzeugen. Sie wirken «ansteckend», sie begeistern den Kirchgänger zum Mitsingen.

Aber warum muss in der Kirche gesungen werden? Im Brief des Paulus an die Epheser, Kapitel 5, Vers 19, findet sich ein Anhaltspunkt: «Sprecht einander in Psalmen, Hymnen und geistlichen Liedern zu; singt und jubelt dem Herrn in euren Herzen».

Seit die christlichen Gemeinden vor 2.000 Jahren entstanden sind, ist in den Kirchen gesungen worden. Eine Ausnahme bildet der Zürcher Reformator Ulrich Zwingli, der die Musik aus seiner Kirche verbannte, aus Furcht, der ästhetische Genuss könnte von der inhaltlichen Botschaft ablenken.

In der katholischen Kirche entwickelte sich im Mittelalter der Gregorianische Choral, der sich nachhaltig durchsetzte. Er ist nach Papst Gregor (6. Jahrhundert) benannt und erfreut sich in gewissen Kreisen so großer Beliebtheit, dass heute noch gregorianische Messen gesungen werden.

In der Renaissance- und der Barockzeit kam ein außerordentlicher Aufschwung zustande. Herausragende Meister, wie der bereits erwähnte Claudio Monteverdi, Antonio Vivaldi, Tomaso Albinoni und Arcangelo Corelli schufen für die katholische Kirche Werke von einzigartiger Größe, die die Jahrhunderte überdauert haben.

Die reformierte Kirche blieb nicht zurück. Martin Luther selbst war ein tüchtiger Komponist. Überhaupt maß er der Tonkunst als Teil des Gottesdienstes größte Wichtigkeit bei: «Ich gebe nach der Theologia der Musica den höchsten Platz und höchste Ehre. Und man siehet, wie David und alle Heiligen ihre gottseligen Gedanken in Vers, Reimen und Gesänge gebracht haben.»

Neben den zahleichenen Choralschöpfern arbeiteten hochbegabte Musiker für die evangelische Kirche, vom großen Orgelmeister Dieterich Buxtehude bis zu Johann Sebastian Bach, der mit seinen Passionen, Kantaten und Orgelwerken den Höhepunkt der abendländischen Kirchenmusik schlechthin darstellt.

In England konnte sich die anglikanische Kirche mit den Leistungen ihrer Tonschöpfer im Vergleich zu denen der beiden großen Konfessionen durchaus messen. Georg Friedrich Händel errichtete mit seinen Oratorien einen Meilenstein.

 

Johann Sebastian Bach: der Everest unter den Kirchenkomponisten

Religiöse Werke, auch im Konzertsaal

Im 18. und 19. Jahrhundert entstanden ebenfalls Werke von indiskutablem Wert. Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven, Giuseppe Verdi und Anton Bruckner schrieben inspirierte religiöse Stücke, die heute nicht nur in den Gotteshäusern, sondern vor allem in Konzertsälen aufgeführt werden.

Im 20. Jahrhundert, nach dem Aufkommen der atonalen Musik und den darauffolgenden zahlreichen Tendenzen, versuchten etliche Musikschöpfer, die Kirchmauern zu durchbrechen, um sich in den heiligen Hallen einen Platz abzusichern. So richtig etablieren konnte sich keiner. Die ungewohnten Harmonien und die kargen melodischen Abläufe konnten meist nicht überzeugen.

In den 1960er Jahren machte sich eine Wende zur populären Musik bemerkbar. Man setzte auf die Einfachheit der Form, auf das leicht Verständliche. Ein Paradebeispiel jener Zeit ist das Lied «Danke», welches aufgrund seiner Volkstümlichkeit über einen langen Zeitraum ungemein beliebt war.

Heute findet der Kirchgänger in den Gesangsbüchern Weisen von der Gregorianik bis zu den letzten Trends. Der amtierende Pfarrer muss daher bei der musikalischen Gestaltung des Gottesdienstes entscheiden, ob er die alten, bewährten Choräle oder ob er zeitgemäß, das heißt «modern» singen lässt. Eine dritte Möglichkeit ist salomonisch vorzugehen und Werke von verschiedenen Epochen zu verwenden, um eventuelle Beanstandungen der Gemeindemitglieder, sowohl der konservativen als auch der neumodisch orientierten, vorzubeugen.

Wie sich der Einsatz von Kirchenmusik in Zukunft entwickeln wird, steht in den Sternen. Geistliche, Kirchenvorstände und überhaupt Instanzen, die auf diesem Gebiet das Sagen haben, sollten sich jedoch die Warnung des Papstes Benedikt XVI., vergegenwärtigen, der schon vor etlichen Jahren, als Joseph Kardinal Ratzinger, schrieb: «Eine Kirche, die nur noch Gebrauchsmusik macht, verfällt dem Unbrauchbaren und wird selbst unbrauchbar.»

 

Von Walter Krumbach

 

Lesen Sie auf den nächsten Seiten ein Interview mit Kirchenmusiker Dr. Dietmar Gräf, diskographische Empfehlungen zur Kirchenmusik und ein Interview mit Alejandro Reyes, Leiter des Ensembles Syntagma Musicum der Universidad de Santiago.

 

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