Apokalypse im neuen Jahrtausend

Eine Oase des Grauens in der Wüste: Roberto Bolaños "2666" war sein letzter Roman und gilt als das Meisterwerk des chilenischen Schriftstellers.
Eine Oase des Grauens in der Wüste: Roberto Bolaños “2666” war sein letzter Roman und gilt als das Meisterwerk des chilenischen Schriftstellers.

 

Wohl selten wurde so schauderhaft-schön die menschliche Sinnlosigkeit inszeniert wie im letzten Roman des chilenischen Schriftstellers Roberto Bolaño.

Von Arne Dettmann

Vier Literaturwissenschaftler, ein Spanier, ein Italiener, ein Franzose und eine Engländerin, die nach einem verschwundenen, mysteriösen deutschen Schriftsteller suchen, der im Zweiten Weltkrieg als Soldat kämpfte. Die Spur führt von Europa nach Mexiko, in die fiktive Stadt Santa Teresa an der Grenze zur USA, wo eine Serie von Frauenmorden die Öffentlichkeit in Atem hält. – Diese Handlung verspricht einen spannenden Detektivroman.

Und tatsächlich schafft es der 1953 in Santiago de Chile geborene Autor Roberto Bolaño auch, in seinem letzten Werk kurz vor seinem Tod 2003 in Barcelona den Leser gehörig auf die Folter zu spannen. Immer wieder schweift der Chilene von der Haupthandlung ab, unternimmt teils unerklärliche Exkursionen in Geschichte, Literatur und Liebschaften, um wieder den eigentlichen Faden aufzunehmen.

Und so wie die einzelnen Fragmente oftmals nur willkürlich ineinander verschachtelt sind, so besteht auch das Gesamtwerk eigentlich aus fünf Büchern, die inhaltlich nur lose miteinander verwoben sind. Bolaño hatte die fünf Teile einzeln im jährlichen Abstand veröffentlicht sehen wollen, damit seine Familie möglichst einen größeren Gewinn aus dem Verkauf erzielen würde. Die Erben entschieden sich allerdings dagegen. Und so wurde ein Monstrum von mehr als 1.100 Seiten herausgegeben, das den Leser teilweise auf eine harte Probe stellt.

Das gilt insbesondere für das Herzstück des Romans, die Frauenmorde in Mexiko, wo alle Handlungsstränge zusammenlaufen. Mehr als 100 Leichenfunde schildert Bolaño wie in einem Polizeiprotokoll, akribisch, distanziert und unerbittlich. Aus Ermittler- und Rechtsmedizinersicht wird erzählt, wie die Mädchen und Frauen in der Einsamkeit der Wüste und auf Müllkippen gefunden werden, wie sie vergewaltigt, gefoltert und ermordet wurden. Die grausigen Porträts reihen sich endlos aneinander, einige Opfer werden nicht identifiziert, ja nicht einmal vermisst und daher anonym begraben. Wenn es die Hölle gibt, dann muss sie hier sein, in Santa Teresa.

Bolaño nahm sich die seit Anfang der 90er Jahre einsetzende Mordserie in der nordmexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez zum realen Vorbild, deren Morde nie aufgeklärt wurden und deren Motive im Dunkeln blieben. So auch in «2666». Inkompetenz der Polizei, Korruption, Frauenfeindlichkeit und letztendlich auch Desinteresse verhindern, den oder die Täter dingfest zu machen. Die Opfer stammen zudem aus dem armen Arbeitermilieu und schuften in Billiglohnfabriken für den Textilexport, sind also alle unbedeutend und leicht ersetzbar. Wer will, der kann hier eine Kritik am neoliberalen Raubtierkapitalismus sehen, wobei sich Bolaño auch dieser Deutung entzieht.

Fasziniert und erschrocken folgt der Leser dem Autor in dieses bizarre Gewimmel, in dem nichts zusammenpasst und doch alles geschieht: Drogenkrieg, Prostitution, Gewalt und daneben schöne Wochenendausflüge unter blauem Himmel. Verzweifelt sucht man nach einer Spur, einem Indiz, einem Schema der grausigen Morde und wird doch – unbegreiflich, verstörend – allein gelassen.

Im fünften und letzten Teil spannt der Autor den Bogen noch weiter und führt von der Ostsee über die Schlachtfelder des Zweiten Weltkriegs bis ins Nachkriegsdeutschland und den Fall der Berliner Mauer. Erzählt wird die Geschichte von Hans Reiter, der unter dem Künstlernamen Benno von Archimboldi literarisch zu Ruhm gelangt, aber als untergetauchter Einsiedler das einfache Leben vorzieht und rastlos umherreist. Parallelen zu Roberto Bolaño sind hier unverkennbar: Schon in seiner Heimat lebte der Chilene in unterschiedlichen Städten, zog später nach Mexiko, dann nach Spanien, pilgerte durch Europa und hielt sich mit Gelegenheitsjobs wie Hotelpage, Nachtwächter auf einem Campingplatz, Kellner und Hafenarbeiter über Wasser.

Seinen Durchbruch als Schriftsteller gelang dem Chilenen 1998 mit «Die wilden Detektive» («Los detectives salvajes»), das 2004 posthum veröffentlichte Werk «2666» wurde international als literarisches Meisterwerk gefeiert, Bolaño mit Größen wie Jorge Luis Borges und Julio Cortázar verglichen, die wiederum Vorbild für ihn selbst waren. Heute gilt Roberto Bolaño als einer der einflussreichsten lateinamerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts.

Dass die einzelnen Teile sowie das Buch als Ganzes einen offenen Ausgang aufweisen und zu nichts führen, liegt in der Natur der Sache. Die jungen Literaturkritiker finden Benno von Archimboldi nicht, die Mordreihe bleibt ungeklärt, der deutsche Schriftsteller reist nach Santa Teresa, um seinen inhaftierten Neffen zu besuchen. Eine lang erwartete Wendung? Fehlanzeige. Die Totalität dieser Welt ist nun einmal unergründlich, lautet Bolaños Botschaft, und sie steht in keinem vernünftigen Zusammenhang. Wer in dem melancholischen Textgebirge nach einem Sinn sucht, ist verloren.

Rätselhaft auch der Titel. Bolaño schaffte es nur noch einen Entwurf des Buches abzuliefern, ohne die Zahl 2666 zu erklären. In einem Nachwort schreibt Ignacio Echevarría, dass es sich bei 2666 um eine Jahreszahl handelt. So ist in Bolaños früheren Roman «Amuleto» von einem Friedhof aus diesem Jahr die Rede. Andere Interpretationen verweisen auf die biblische Zahl 666 in der Offenbarung des Johannes, die als «Zahl des Antichristen» bezeichnet wird. Manche verbinden damit auch Adolf Hitler, was nicht ganz von der Hand zu weisen ist, denn Bolaño galt als ein Kenner der Geschichte Nazi-Deutschlands. Wollte der Autor den zukünftigen Untergang der Menschheit prophezeien, die Apokalypse im neuen Jahrtausend?

Den weiteren Hinweis lieferte Bolaño selbst, indem er sein Buch mit einem Zitat des französischen Schriftstellers Charles Baudelaire einleitet: «Eine Oase des Grauens in einer Wüste der Langeweile.» Damit dürften unzweideutig die Frauenmorde in Santa Teresa gemeint seien, die sich in der mexikanischen Wüste zutragen. Um der Stumpfsinnigkeit zu entkommen, erläuterte Bolaño einst kurz vor seinem Tod, würde dem Menschen nur das Böse einfallen.

Lichtblicke in diesem düsteren Panoptikum lässt der Autor nicht zu, vielmehr verschreibt er sich einer manischen Schilderung der Trostlosigkeit und will damit Authentizität erzeugen. Gerade das wiederum ist allerdings nicht realistisch, denn Menschen sind nun einmal emotionale Wesen. Bei Bolaño darf allenfalls der deutsche Protagonist einmal weinen. Psychologische Nähe zu den Figuren wird somit nicht erzeugt.

Am Ende des Rätselspiels mit seinen leider manchmal ausufernden Binnenerzählungen stellt sich beim Leser etwas Apathie ein. Wer über den Existentialismus sinnieren möchte, hätte in Albert Camus´«Der Fremde» sicherlich eine kürzere Lektüre gefunden. Allerdings nicht so schauderhaft gut und geheimnisvoll erzählt wie bei Bolaño.

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