Vom Hustenmittel zur Droge

Kaum zu glauben: Was einmal als ein Husten- und Schmerzmittel seinen Anfang nahm, entwickelte sich später einer der schlimmsten Drogen weltweit.

In diesem Jahr feiert der Leverkusener Pharmakonzern Bayer sein 150. Jubiläum. Das Firmenporträt auf der Internetseite spannt den Bogen von einer kleinen Farbenfabrik in Wuppertal zum pharmazeutischen Global Player der Gegenwart. «Mit seinen Erfindungen trägt das Unternehmen erheblich dazu bei, das Leben der Menschen und Tiere zu verbessern.» Besondere Beachtung genießt dabei natürlich das «Jahrhundert Pharmakon» Aspirin. Das berühmte Medikament habe den Aufstieg zum Weltkonzern maßgeblich geebnet und trage auch heute noch zu dessen Bekanntheit des auf der ganzen Welt bei.

Doch auch ein ganz anderes Medikament entstand aus den Petrischalen der Bayer-Labore. Diacetylmorphin oder Diamorphin nennen Chemiker nüchtern die Formel. Den meisten Menschen ist es eher unter einem anderen Namen bekannt: Heroin.

 

Tüftler im Labor

Es war der englische Chemiker Charles Romley Alder Wright, der 1873 ein Verfahren entwickelte, um das besagte Diacetylmorphin aus den Stoffen Morphin und Essigsäureanhydrid synthetisch herzustellen. Morphin – früher auch als Morphium bezeichnet – ist eine alkalische, stickstoffhaltige Verbindung des Rausch- und Betäubungsmittels Opium, das wiederum aus dem getrockneten Milchsaft des Schlafmohns gewonnen wird. Morphin zählt damit zu den Opiaten und wurde erstmals 1804 vom deutschen Apotheker Friedrich Wilhelm Adam Sertümer in Potsdam isoliert.

Dem Engländer Wright gelang es nun, dem Morphin-Molekül eine Acetylgruppe anzulagern. Simsalabim, fertig war das Heroin, das eine sechsfach höhere schmerzstillende Wirkung aufweist als die Stammsubstanz Morphin. Doch erst im Juni 1896, zwei Jahre nach Wrights Tod, zeigte sich die Aktiengesellschaft Farbenfabriken Friedrich Bayer – heute die Bayer AG – im Elberfelder Stammwerk daran interessiert, nahm das Verfahren auf und ließ Heroin schließlich unter der Patentnummer 31650 F 2456 schützen.

Ein Jahr später, im August 1897, hatte der jungen Chemiker Felix Hoffmann ebenfalls den Trick raus und war nun in der Lage, durch Synthese den Stoff Diacetylmorphin herzustellen. Der Bayer-Konzern startete ab 1898 mit der Produktion von Heroin.

Ironie des Schicksals: Nur elf Tage zuvor, am 10. August 1897, hatte der Chemiker und Apotheker Hoffmann erstmals die medizinisch nutzbare Acetylsalicylsäure hergestellt, die 1899 unter dem Namen Aspirin in die Warenzeichenrolle des Kaiserlichen Patentamtes eingetragen wurde. Wie sehr beide Stoffe einmal zu unterschiedlichem Weltruhm gelangen würden, hätte sich der deutsche Tüftler wohl niemals im Traum ausmalen können.

 

Vermeintliches Wundermittel

Zunächst ging Heroin in massiven Werbekampagnen als ein oral einzunehmendes Husten- und Schmerzmittel an den Markt. In zwölf Sprachen wurde für das «heldenhafte» (von griechisch heros) Wundermittel geworben, das auch gegen Bluthochdruck sowie Lungen- und Herzerkrankungen gut sein sollte. Das Ganze zudem ohne die typischen Entzugssymptome wie bei Morphin und Opium. Als Nebenwirkungen wurden lediglich Verstopfungen und leichte sexuelle Lustlosigkeit beschrieben.

Dagegen stand die Acetylsalicylsäure unter Verdacht zu viele negative Nebenwirkungen mit sich zu bringen. Der Zuständige Pharmakologe Heinrich Dresner versprach sich jedenfalls viel mehr vom Verkauf des Heroin-Mittels. Erst auf Drängen des Projektleiters Arthur Eichengrün wurde eine klinische Studie des Aspirins, die zuvor von Dresner abgelehnt worden war, durchgeführt. Wäre das fiebersenkende und entzündungshemmende Medikament Aspirin, das auch gut gegen Kopfschmerzen ist, vielleicht sonst in der Versenkung verschwunden?

Heroin ging unterdessen in schlichten Flakons über die Ladentheke. Das Mittel wurde gegen Asthma oder sogar zur Geburtseinleitung verschrieben. Im ersten Jahr setzte Bayer weltweit 45 Kilo Heroin ab, zehn Jahre später waren es 783 Kilo. In der Konzernchronik wird für das Jahr 1900 folgender Satz verzeichnet: «Die amerikanische Verkaufsabteilung erreichte einen Umsatz von 7,3 Millionen Mark.» Die USA mauserten sich Anfang des 20. Jahrhunderts zum Hauptabnehmer von Heroin. Etwa 75 Prozent des gesamten Exportgeschäfts wickelte Bayer in die Vereinigten Staaten ab.

Dort setzte man das als ungefährlich geltende Heroin auch bei der Entwöhnung von Morphin-Süchtigen ein. «Dass man auf diese Weise den Teufel mit dem Beelzebub austreiben wollte, wurde allerdings sehr schnell erkannt», heißt es in der Aspirin-Festschrift zum 100. Jubiläum.

Im Jahr 1904 wurden kritische Stimmen laut, die vor der schnellen Gewöhnung und damit vor der Abhängigkeit von Heroin warnten. Ab 1910 wurde die Gefahr zwar erkannt, nicht aber gebannt. Morphin- und Opiumsucht kam in den USA damals in viel bereiteren Schichten vor als in Europa. Viele Abhängige stiegen auf Heroin um, das leichter zu erhalten war und das geraucht, geschnupft und vor allem intravenös gespritzt eine viel stärkere Wirkung entfaltete. Zudem waren die Nebenwirkungen geringer als beim Morphin.

 

Der Weg in die Abhängigkeit

Im Jahr 1912 wurde Heroin apothekenpflichtig, acht Jahre später rezeptpflichtig. Der Hauptgrund für die Illegalisierung von Heroin ist jedoch in der Stigmatisierung der chinesischen Einwanderer in den USA zu suchen. Viele von ihnen kannten Opium aus der Heimat und pflegten das Rauschgift zu rauchen. Jetzt, da Heroin erschwinglich und leicht zugänglich war, stiegen sie auf das neue Mittel um. Heroin wurde fortan mit den unliebsamen Chinesen assoziiert und die Abhängigkeit von dem Medikament sukzessive als gesellschaftlich inakzeptabel abgestempelt. Noch heute wird in der Sprache der Abhängigen mit «chineesen» das Inhalieren von Heroin bezeichnet.

Noch im Ersten Weltkrieg erhielten schwer verwundete Soldaten Heroin als Schmerzmittel oder als Vorstufe zur Narkose. Nach dem Krieg stieg deswegen die Zahl der Abhängigen beträchtlich an – ebenso wie nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Vietnamkrieg.

Auf der zweiten internationalen Opiumkonferenz 1925 in Genf beschlossen die Delegationen auf Drängen der USA, Heroin zu verbieten, ebenso wie Kokain und Cannabis. Als Konsequenz verschwand Heroin nach 1931 als Medikament in fast allen Ländern aus den Listen der Heilmittel. Bayer stellte im gleichen Jahr die Heroin-Herstellung ein und entfernte das Medikament aus der Produktliste.

In Deutschland wurde Heroin noch bis 1958 verkauft. Das Verbot erfolgte am 6. April 1971. Doch weil der medizinische Einsatz heutzutage in mehreren Staaten unter strengen Auflagen wieder erlaubt ist, gibt es auch wieder eine legale Heroinproduktion. In Deutschland ist Diamorphin seit Juli 2009 ein verschreibungsfähiges Betäubungsmittel, das an Schwerstabhängige abgegeben werden kann.

 

Die Mafia und der Rauschgifthandel

Streng genommen handelt es sich bei Heroin um ein geschütztes Warenzeichen, das im Laufe seiner Geschichte aber zur einer allgemein bekannten Bezeichnung einer Droge mutierte. «Bayer hat sich bereits vor mehr als einem halben Jahrhundert immer wieder bemüht, gegen diesen Missbrauch des Warenzeichens anzugehen, um nicht mit dem Rauschgifthandel in Verbindung gebracht zu werden», erklärt Michael Polenz, Werksarchivar bei Bayer, gegenüber einer Anfrage vom «Cóndor».

Auf staatlich-gesellschaftlicher Ebene wurde Heroin zum großen Problem innerhalb der Drogenkriminalität. Nach der Illegalisierung gründeten sich zunächst Banden, die den Handel mit Heroin monopolisierten. Ende der 30er Jahre übernahm die Mafia einen Großteil des Geschäfts. Dabei war es vor allem die sizilianische Cosa Nostra, die Heroin nach Nordamerika schmuggelte. Sie eroberte den Markt in Absprache mit fünf New-Yorker «Familien», US-amerikanischen Ablegern der Mafia.

«In diesem weißen Pulver steckt ´ne Menge Geld», prophezeit Santino Corleone, der widerspenstige Sohn des Don Corleone in Mario Puzos Bestseller «Der Pate». Auch dessen Berater und «Consigliori» Tom Hagen vermutet: «Ich bin der Ansicht, dass Rauschgift ganz groß im Kommen ist.»

Wie in dem Filmklassiker, der im Amerika der 40er und 50er Jahre spielt, geschah es auch in der Realität. Die sizilianische Cosa Nostra baute systematisch die sogenannte «Pizza Connection» auf US-amerikanischem Terrain auf. Gegen eine prozentuale Abgabe des Gewinns an die New-Yorker Familien verkaufte sie Heroin. Über die Pizza-Läden konnten alle wichtigen Aufgaben des Drogengeschäfts unauffällig abgewickelt werden: Der Bedarf an italienischen Zutaten wie Tomaten und Oliven diente als Tarnung für den Import des Heroins. Die kleinen Restaurants eigneten sich außerdem bestens als Vertriebsstelle an den Endverbraucher und boten, anhand von gefälschten Bilanzen, die perfekte Möglichkeit, das Drogengeld zu waschen.

 

Von Helena Haack und Arne Dettmann

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