Herrschaft der Fantasie und Fiktionen

Buchtipp «Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen» von Volker Weidermann

Eine Demonstration für die Räterepublik am 16. Februar 1919 in München, wenige Tage vor Kurt Eisners Ermordung. Foto: Stadtmuseum
Eine Demonstration für die Räterepublik am 16. Februar 1919 in München, wenige Tage vor Kurt Eisners Ermordung. Foto: Stadtmuseum

 

Schriftsteller, die nicht nur über bessere Zeiten schreiben, sondern sie auch umsetzen wollen: In der Bayerischen Räterepublik 1919 dauerte dieser Versuch etwa vier Wochen.

 

Von Arne Dettmann

Deutschland im November 1918: Seit mehr als vier Jahren belastet der Weltkrieg die Bevölkerung, der Schock über die sichere Niederlage ist groß. Es kommt zum Kieler Matrosenaufstand und schließlich zur Revolution. In Berlin übernehmen die Mehrheitssozialisten unter Friedrich Ebert die Macht und rufen die Republik aus. Kaiser Wilhelm II. dankt ab.

Und in München? Dort geht einigen die Umwandlung Deutschlands von einer Monarchie hin zu einer parlamentarischen Demokratie nicht weit genug. Gerade haben revolutionäre Kräfte unter Kurt Eisner von der USPD – eine Abspaltung der SPD – den König von Bayern, Ludwig III., gestürzt und damit die 738 Jahre lange Herrschaft der Wittelsbacher Dynastie abgeschüttelt. Jetzt soll im eben entstandenen Freistaat Bayern eine ganz neue Geschichte geschrieben werden: Über mehrere tausend Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte übt von nun an das Volk die Herrschaft direkt aus.

 

Ein magischer Moment: Schriftsteller übernehmen die Macht

Ab dem 7. April 1919 beginnt in Bayern der «magische Moment, in dem alles möglich erscheint: radikaler Pazifismus, direkte Demokratie, soziale Gerechtigkeit, die Herrschaft der Fantasie», fasst Volker Weidermann in seinem Buch «Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen» diese außergewöhnliche Episode in der deutschen Geschichte zusammen. «An der Spitze der Rätebewegung stehen die Schriftsteller Ernst Toller, Gustav Landauer und Erich Mühsam, die Literatur in Wirklichkeit verwandeln wollen.»

Aus der Sicht von Beobachtern und Beteiligten vor Ort wie Thomas Mann, Klaus Mann, Rainer Maria Rilke und Adolf Hitler schildert der Autor die euphorische Aufbruch-Stimmung jener Tage. Die Dichter und Denker teilen eine nahezu unkontrollierte Begeisterung für das russische Experiment und einen mythischen Glauben an die Räte: tägliches Besprechen mit der Masse, gleichzeitig die Nähe zur Urgemeinschaft und die Unmittelbarkeit des Agierens, wie der Schriftsteller Gustav Regler die Zauberformel für eine bessere Welt einst umschrieb.

Und tatsächlich: Als erste Amtshandlung schafft Gustav Landauer, Beauftragter für Volksaufklärung, die Prügelstrafe an bayerischen Schulen ab. Doch die Intellektuellen, Sozialisten, Pazifisten und Anarchisten sind eben auch und vor allem Schwärmer und Phantasten, die vom Regieren keine Ahnung haben und unbeholfen-stümperhaft vorgehen. Posten sind zu vergeben, Silvio Gesell meldet sich mit seiner «Freigeld-Theorie» zu Wort, nach der das Geld aufgelöst werden muss, so dass sich Wohlstand für alle einstellt. Denn die Schätze der Erde gehören «restlos allen Menschen». – Das klingt gut, der Mann wird Volksbeauftragter für Finanzen.

Kampf zwischen den Interessengruppen: Anhänger der Kommunistischen Partei hinter Barrikaden aus Papierrollen am 11. Januar 1919 in München.
Kampf zwischen den Interessengruppen: Anhänger der Kommunistischen Partei hinter Barrikaden aus Papierrollen am 11. Januar 1919 in München.

Fixe Ideen auf Flugblättern

Mitunter werden die Literaten auch von der Wirklichkeit eingeholt. Während sie noch Beifallsstürme in Münchens Bierkellern ernten angesichts feuriger Reden, ist das Interesse auf dem Land lächerlich gering. «Aber jetzt regieren wir!», ruft der revolutionäre Dichter Oskar Maria Graf einem Freund bei einem Besuch zu. «Ihr?», fragt der ironisch zurück. «Da wird gewiss was Gescheites draus! Da heraußen kümmert sich ja doch keiner was drum.» Revolutionen, Kriege, fixe Ideen auf Flugblättern und Plakaten, Kämpfe und Verhaftungen in der Stadt – aber auf dem Land geht alles seinen gewöhnlichen Gang. Der Bauer ackert, das Korn wächst, es wird Winter und Sommer. Zu was eigentlich dieser ganze Rummel?

Volker Weidermanns Buch liest sich wie ein Polit-Thriller, der diese merkwürdige Stimmung jener Tage zwischen Aufbruch und Unsicherheit, Angst und Begeisterung versucht zu verdeutlichen. Aberwitzige Pläne werden durchkreuzt vom tatsächlichen Durcheinander, schöngeistige Rhetorik der Schriftsteller konterkariert mit dem eigenen Unvermögen. Der Leser lacht und schüttelt verständnislos den Kopf. Doch das alles spielte sich wahrhaftig so ab.

«Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen» Volker Weidermann Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2017 ISBN 978-3-462-04714-1
«Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen»
Volker Weidermann
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2017
ISBN 978-3-462-04714-1

Tödliche Bilanz

Das gesamte Experiment dauert gerade mal einen Monat. Die Kommunistische Partei übernimmt schließlich die Führung der Räterepublik und schaltet auf gewalttätigen Konfrontationskurs gegen ihre Gegner. Die nach Bamberg ausgewichene parlamentarische Gegenregierung ruft Freikorpseinheiten zur Hilfe, die gemeinsam mit preußischen und württembergischen Reichswehrverbänden die Stadt München bis zum 2. Mai 1919 zurückerobern. Die Bilanz: 606 Tote, darunter 233 Kämpfer der Roten Armee, 335 Zivilisten, 38 Angehörige der Freikorps. Schätzungen gehen von 400 weiteren Toten aus. Auch nach der Niederlage der Revolutionäre werden 2.200 Unterstützer der Räterepublik von Standgerichten zum Tode oder zu Haftstrafen verurteilt.

Einer der wenigen Protagonisten der kurzlebigen Münchner Räterepublik, der den Erschießungen und Grausamkeiten entkam, war der Schriftsteller und Dramatiker Ernst Toller. Er entging der Todesstraße nur knapp durch eine fünfjährige Festungshaft. Danach emigrierte Toller zunächst in die Schweiz und später in die USA. Angesichts des Erfolgs faschistischer Bewegungen in Europa machten sich bei ihm Enttäuschung und Resignation breit. Hinzu kamen Depressionen. Wohl in Verzweiflung über die Trägheit der demokratischen Welt und die Brutalität der faschistischen Führer erhängte sich Toller im Mai 1939 in New York. «Ich bin nicht müde», schrieb er als letzten Satz seiner Autobiografie. Ein Weckruf, nicht aufzugeben.

Fast 100 Jahre sind es nun her seit der Münchner Räterepublik. Lassen sich Lehren daraus für die Gegenwart ziehen? «Sie wollten das Beste und haben Grauenvolles erreicht», meint Volker Weidermann abschließend. Toller selbst habe wohl an das Gute geglaubt wie verrückt. «Und er hatte gegen alle Vergeblichkeit recht. Diese Geschichte ist nur falsch ausgegangen. Sie ist aber längst noch nicht zu Ende. Müdigkeit ist keine Option.»

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