Majestätische Segelschiffe als Lastenschlepper

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam ein Großseglertyp auf, der mit seiner Tragfähigkeit, Handhabung und Wirtschaftlichkeit eine neue Ära einleitete. Die als Windjammer bezeichneten Schiffe schipperten mit hoher Geschwindigkeit über die Weltmeere und fuhren für die Reeder hohe Gewinne ein.

Die Bucht von Tocopilla an der chilenischen Salpeterküste hat die Gestalt eines Kreissegments. Die Liegeplätze der Schiffe sind an einer Seite von Riffen und an der anderen von einer Landzunge begrenzt.

Von See her nähert sich eine Viermastbark der Linie der ankernden Schiffe, welche auf eine Ladung warten. Doch der Ankömmling streicht nicht wie üblich seine vom Wind geblähten Segel. Er hält in voller Fahrt mit starker Krängung und weißer Bugsee auf die zunehmend geängstigte Warteschlange zu. Ein Zusammenstoß scheint unvermeidlich. Und die Besatzung des Näherkommenden macht noch immer keine Anstalten, die Segel zu mindern.

Erst als der Windjammer nur noch wenige hundert Meter von einem Liegeplatz zwischen dem letzten ankernden Schiff und der Landzunge entfernt ist, ertönt an Bord ein Pfiff. Ein Zuschauer schrieb nieder, was er erlebte: «Das Ruder wurde hart nach Backbord herumgeworfen, Mars- und Bramsegelfallen quietschten in den Scheiben und Blöcken, Stagreiter surrten herab, und die Bark vollführte eine kühne Drehung unter den Hecks der vor Anker liegenden Schiffe. Mit geringerer Fahrt passierte sie das schmale Fahrwasser zwischen diesen und dem Land. Nach ein bis zwei Minuten drehte sie erneut nach Backbord, ging zwischen dem Riff und dem letzten Schiff durch, so dass ihr Bug auf die See hinaus zeigte, barg die Segel und warf auf dem besten Liegeplatz des Hafens den Anker.»

 

Inbegriff von Kraft und Seetüchtigkeit

Zu einem solchen Manöver, wie es nach der Beschreibung das deutsche Segelschiff «Lisbeth» Anfang des 20. Jahrhunderts durchführte, braucht man Erfahrung, Geschick und gute Nerven. Aber man braucht dazu auch Männer vom Schiffsjungen bis zum Kapitän, denen das Leben auf einem Segelschiff alles bedeutet, die stolz sind auf seine mächtige Erscheinung und die Eleganz seiner Manöver –  die nicht mehr Ihresgleichen hat, seitdem die großen Lastensegler von den Weltmeeren verschwunden sind.

Der Spottname «Windjammer» (englisch to jam = pressen) wurde von den Bewunderern bald als ehrenvolle Bezeichnung aufgefasst. Stellt dieser Segelschifftyp doch den glanzvollen Höhepunkt einer Jahrhunderte währenden Entwicklung dar. Anders als ihre hölzernen Vorgänger, die eleganten Klipper, konnten diese Wasserfahrzeuge mit Rumpf und Takelage aus Stahl mehrere tausend Quadratmeter Segelfläche tragen, welche die Windenergie als Antrieb nutzte.

Trotz ihrer enormen Ladekapazität um die 7.000 Tonnen glitten sie mit durchschnittlich sechs bis acht Knoten oder mehr durch die Wellen. Der Marinehistoriker Derby schrieb: «In ihrer Blütezeit waren diese Windjammer der Inbegriff von Kraft, Seetüchtigkeit, Wirtschaftlichkeit und Langlebigkeit.»

Da blieben Bewunderer nicht aus. Matrosen nahmen die harten Bedingungen und die oft niedrigere Besoldung in Kauf, um zu erleben, was ein Maat einmal so beschrieb: «Das Gefühl auf einem Schiff zu stehen mit turmhohen Masten, deren weiße Leinwandflächen sich als Silhouetten vom tropischen Himmel abhoben, alle Segel in der kräftigen Brise bauchig gebläht, das Plätschern und Glucksen des Wassers durch das wir voll und bei segelnd dahinglitten, verursachte mir einen angenehmen, erregenden Schauer.»

In Konkurrenz mit den damals aufkommenden Dampfschiffen holten diese Segler Weizen aus Australien, Guano aus Peru, Holz von der nordamerikanischen Pazifikküste und natürlich Kupfer und Salpeter aus Chile nach Europa. Das waren entlegene Weltgegenden. Welche Mengen an Kohle hätten da Dampfschiffe mit sich führen müssen, um ihren Antrieb zu sichern?

 

Hartes Seemannsleben

Doch richten wir unser Augenmerk auch auf Nachteile: Nicht immer wird ein Segelschiff von sanften, stetigen Passatwinden angetrieben. Da gilt es Kap Horn zu umrunden, gegen wütende Stürme anzukämpfen und riesigen Wellen zu trotzen. Da bleibt in den Kalmen jedes Lüftchen aus und verdirbt den Wettstreit unter den Konkurrenten um die schnellere Fahrt.

Wie oft wird den Matrosen zugemutet, nach anstrengendem Reffen der Segel im zunehmenden Sturm die wohlverdiente Ruhe in der Hängematte abzubrechen und an der Pumpe eingedrungenes Wasser zu lenzen. Noch sind die Hände blau vor Kälte und blutig vom Zugreifen in vereister Takelage.

Es gibt keine Statistik, welche Auskunft über Verluste von tapferen Männern aufzählt, welche vom Orkan losgerissene Segel in 60 Meter Höhe unrettbar in die Tiefe fegten oder überkommende Seen von Bord rissen. Vom Totalverlust so manchen guten Schiffes weiß man aus den Akten, dass eine plötzliche Böe die Masten mit der schweren Segellast knickte, eine Unterwasserklippe den Rumpf aufriss, ein Küstenfahrzeug die Geschwindigkeit des heran rauschenden «Monsters» falsch einschätzte und kollidierte.

Schließlich bastelte man an Hilfen, um körperlich schwere Anstrengungen auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Es wurden Winden eingeführt, welche halfen, den Anker zu lichten und einzubringen und die Rahen in die vom Wind geforderte Stellung zu drehen. Doch noch immer galt es, den aus Europa mitgeschleppten Ballast, der die Ausbalancierung des Gleichgewichtes an Bord garantierte, an Land zu bringen und die neue Ladung zu verstauen.

Eine besondere Freude für die gesamte Mannschaft war es, dem zugleich gestarteten Schwesterschiff davonzulaufen und den Heimathafen um Tage früher zu erreichen. Oder wie es der «Herzogin Cecilie» unter ihrem Kapitän Sven Eriksson auf der Weizenfahrt von Australien geschah, dass der Wind auffrischte, als ein Dampfschiff die Viermastbark gerade überholen wollte. Da ließ zum Jubel der Besatzung der Käpt´n alle Reffs ausschütteln und rauschte dem ungeliebten Qualmer auf nimmer Wiedersehen davon.

 

Von Alois Schmidt

 

Fortsetzung folgt.

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