Von Bohnen, Blitzen und Bierbrauereien

Kleine Chile-Landeskunde von Brockhaus aus dem Jahr 1903

Plaza de Armas Chile Santiago
Beliebter Treffpunkt und historische Keimzelle der spanischen Eroberung: die Plaza de Armas in Santiago de Chile

 

Schnee und Hagel in Chile? Und dazu noch eine deutsche Kolonie in diesem südamerikanischen Land? So etwas gibt es tatsächlich? – Die Europäer hatten oftmals ganz andere Vorstellungen von diesem Erdteil. Schon vor mehr als 100 Jahren brachte der Brockhaus-Verlag in Leipzig eine «Kurze Beschreibung der Republik Chile» heraus, um Aufklärung zu betreiben und so manches Klischee zu beseitigen.

 

Von Arne Dettmann

Herausgegeben wurde das kleine Büchlein mit etwas mehr als 100 Seiten im Jahr 1903. Da war Chile noch ein ganz anderes Land als heute: «Nach offiziellen Angaben» zählte Santiago als Hauptstadt damals gerade einmal 320.000 Einwohner – heute sind es über sechs Millionen. Das gesamte Land hatte eine Einwohnerzahl «von 6.670.000 Seelen», heute sind es mehr als 18 Millionen.

casa Edwards Santiago de Chile
Das Haus Edwards in der Calle Catedral in Santiago de Chile

Die europäische Einwanderung schlug sich in jener Zeit mit folgenden Ziffern nieder: «Nach dem letzten Census von 1895 leben in Chile 7.049 Deutsche, 1.490 Österreicher und Ungarn, 8.296 Spanier, 7.809 Franzosen, 7.587 Italiener, 6.241 Engländer und 1.570 Schweizer (fast alle wohnen in den neuen Kolonien von Araukanien), so dass es nach dieser Statistik im ganzen 42.105 Europäer gibt. Die tatsächlichen Zahlen sind aber viel höher», merkt das Buch an, «besonders bezüglich der Deutschen.»

Und so widmet sich denn auch das vierte Kapitel den europäischen Kolonisationsversuchen zwischen 1840 und 1850, die als erfolgreich beschrieben werden. «Mit Fleiß und Energie machten die Deutschen weite Strecken urbar, nachdem sie den meist sehr dichten Urwald entfernt hatten, und es entstanden Ortschaften mit zahlreichen Industrien, besonders Bierbrauereien und Gerbereien, die noch heute fast ausschließlich in den Händen der Nachkommen jener Einwanderer sind und jetzt den Wert von vielen Millionen Pesos haben.»

Der Autor oder die Autoren merken jedoch an, dass trotz aller Kolonisationserfolge die Einwanderung leider nur gering ausfalle. Dabei habe Chile mit seiner riesigen Fläche, den Reichtümern und den guten klimatischen Verhältnissen doch so viel zu bieten. «Das Fleisch kostet 30-40 Centavos (45-60 Pfennige) das Kilo» und sei viel billiger als in Europa.

Bohnen würden auf dem Land das verbreiteste Nahrungsmittel darstellen. Die verschiedenen Arten seien alle sehr schmackhaft sowie kostengünstig und würden eine kräftige Speise liefern. – Angesichts der heutigen Volkskrankheit Übergewicht aufgrund von Fastfood und zuckerhaltigen Süßkram kann man sich fragen, ob die chilenischen Essgewohnheiten früher nicht gesünder waren.

Bahnhof Estación Central Santiago de Chile
Der Zentralbahnhof in Santiago de Chile, sicherlich als ein architektonisches Schmuckstück zu bezeichnen.

Das Kapitel schließt mit einer Einladung zur Auswanderung nach Chile via Magellanstraße, deren Fahrtzeit 30 Tage beträgt. «Der Passagierpreis ist nicht teuer, wenn man berücksichtigt, dass der Reisende an Bord des Dampfers sich nicht Extraausgaben macht. Es existieren von Europa nach Valparaíso gute Dampferlinien.»

Das Buch listet im Anhang zur Kontaktaufnahme die Repräsentanten des diplomatischen Korps und der Konsuln des Deutschen Reichs auf; von Tacna (die Stadt gehörte damals nach dem Salpeterkrieg noch zu Chile) bis nach Punta Arenas. Darüber hinaus wartet das Werk mit einer Karte des Landes sowie 44 Abbildungen auf, meist schöne Zeichnungen, wie es sie heutzutage wohl kaum noch gibt.

Bucht von Valparaíso mit Hafen
Die Bucht von Valparaíso: Damals liefen noch Segelschiffe den Hafen an, heute sind es meist Containerriesen.

Neben Wirtschaft, Geschichte, Politik, dem Pflanzen- und Tierreich geht die kleine Landeskunde natürlich auch auf das Wetter ein und räumt hier mit einigen Klischees auf. «Es existieren im Allgemeinen, besonders in Europa, sehr irrtümliche Ansichten betreffs der Temperaturverhältnisse in Chile.» Das Klima in der mittleren Zone sei zwar milde und angenehm, doch im Winter könne das Thermometer in Santiago morgens auf minus sechs Grad fallen. Schnee sei zwar selten, doch auf der Insel Chiloé komme Hagel dagegen sehr häufig vor. Wer hätte das gedacht?

Nur beim Thema Erdbeben scheint das kleine schlaue Büchlein aus dem Jahr 1903 wohl etwas geirrt zu haben. «Im Allgemeinen glaubt man, dass dieselben in Chile sehr häufig und gefährlich sind. Das ist ein Irrtum; sie sind im Gegenteil ziemlich selten und schwach; Unglücksfälle werden durch dieselben nicht hervorgebracht, während doch in Europa die durch Blitzschlag verursachten ziemlich häufig sind.»

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