Königin Victoria und das Viktorianische Zeitalter (Teil 2)

Der neue Lebensstil der Royal Family

Vor 200 Jahren wurde Alexandrina Victoria (1819-1901) im Kensington Palace in London geboren. Als Königin Viktoria brachte sie die britische Krone wieder zum Strahlen ebnete den Weg Großbritanniens zur führenden Seemacht und industriellen Wirtschaftsmacht.

Von Peter Downs, Historiker

Die Kaiserin von Indien und ihr Munshi

Die Royal Family präsentierte sich nun mit bürgerlichen Werten, wo Fleiß, Bildung, Tugendhaftigkeit und Sparsamkeit den neuen Lebensstil ausdrückten. Albert und Victoria wurden zum bürgerlichen Modell und prägten damit die Ideale der «viktorianischen Zeit». Eine einfache Lebensweise auf den Landsitzen Osborne House und Balmoral Castle zeigte den Untertanen die private und volksnahe Seite der Krone.

Der Tod Alberts (1861) war ein persönliches Desaster für die Königin. Sie verfiel in Trauerexzesse und ordnete das Personal an, jeden Abend die Kleidung des Verstorbenen für den kommenden Tag bereitzulegen. Sein Nachthemd nahm sie mit ins Bett. Sie litt sehr unter seiner Abwesenheit. So schrieb sie in ihr Tagebuch: «Mit 42 müssen alle diese irdischen Gefühle zerquetscht und erstickt werden, und die nie gelöschte Flamme brennt in mir und zehrt mich aus.»  

Nach dem Tod Alberts – Typhus oder Krebs war die Ursache – zog sich die Königin aus der Öffentlichkeit zurück. Sie verbrachte nun mehr Zeit in Balmoral und Osborne. In ihrem schottischen Jagdgehilfen, John Brown, fand sie einen ständigen treuen Begleiter. Mancher wollte in ihm den neuen Lebensgefährten oder gar heimlichen Ehemann entdecken. Als dann Viktoria nach seinem Tod ihm eine Biographie widmen wollte, riet man ihr davon dringend ab und vernichtete ihre Aufzeichnungen.

Zahlreiche Premierminister hatte sie in ihrer 63 Jahre andauernden Regierungszeit kennengelernt. Nach dem Tod Alberts stand Benjamin Disraeli (1804-1881) mit ihr politisch in engerer Verbindung. Der Premierminister teilte mit der Königin die außenpolitischen Interessen, und sie harmonierten bezüglich der Politik der imperialen Machtentfaltung Großbritanniens.          

1858 wurde Indien Teil des britischen Empire, und 1876 machte sie Disraeli zur «Imperatrix» von Indien. Obwohl sie niemals die Länder ihres Empire besuchte, posierte sie nun mit ihrem indischen Diener in einem Zelt, als befände sie sich in Rajasthan.

Die Kolonialkriege wurden damit gerechtfertigt, dass sie dazu dienten die Ordnung herzustellen und «Blutvergießen zu verhindern». Der Kolonialimperialismus zeigte der Welt die Größe des Vereinigten Königreiches und festigte die Krone. 1875 hatte England die Mehrheit an Suezkanal-Aktien erworben und somit den Seeweg nach Indien sicherstellen wollen.

Zu ihrem goldenen Thronjubiläum 1887 kam der indische Muslime Abdul Karim an ihren Hof. Er war zunächst als Diener im Esszimmer beschäftigt, wurde aber mit der Zeit ein enger Vertrauter Victorias und ihr Lehrer (Munshi). Er lehrte sie Hindustani und Urdu, sowie über die indischen Bräuche. Abdul blieb ihr «indischer Sekretär» bis zu ihrem Tod. Edward VII. verbannte Abdul vom Hof und schickte ihn und seine Familie zurück nach Indien. Abdul starb 1909, hinterließ aber ein Tagebuch, das erst 2010 veröffentlicht wurde und den Film «Abdul & Victoria» inspirierte.  

Das 19. Jahrhundert war von großen Veränderungen gekennzeichnet. Die industrielle Revolution machte England zu einer wirtschaftlich führenden Nation. England galt als «Werkstatt der Welt». Doch nicht alle profitierten vom Aufschwung. Die soziale Ungleichheit bestimmte ebenso das Alltagsleben, und von den Armenhäusern und Waisenkindern erzählen die Romane von Charles Dickens.

Victoria gelang es, die Monarchie aus der Krise zu heben, indem sie als Regentin und Mutter eine Ordnung verkörperte, die modellhaft erschien. Statt Krone trug sie ein «bonnet».  

Während Victoria in der öffentlichen Meinung als modellhafte Mutter und gütige Herrscherin über ein Empire galt, so begegnet uns in den Tagebucheinträgen Victorias, die ihre Tochter Beatriz in zensierte Form zugänglich machte, eine eher unbeugsame Königin, die es verstand, Partei zu ergreifen und sich um politischen Einfluss bemühte. Zudem hatte sie die Kontrolle innerhalb der Familie, und ihr Empire wusste sie auch zu verteidigen. Sie war somit eine politisch aktive Regentin, die sich einmischte und ihr Königreich und die britischen Interessen in Übersee zu bewahren suchte.

Die Politik der «Splendid Isolation» sollte die europäischen Mächte im Gleichgewicht halten und England aus kontinentalen Konflikten heraushalten. Die Politik der Krone und der sich abwechselnden Regierungen erwies sich denn auch als äußerst erfolgreich und bescherte dem Vereinten Königreich eine wirtschaftlich prosperierende Phase und weitgehend friedliche Zeit.

Als Kaiserin von Indien und Herrscherin des Empire war sie dann zur großen Symbolfigur geworden, was vor allem bei den Kronjubiläen inszeniert wurde. Das Empire brachte einerseits Wohlstand, bedeutete anderseits auch Unterdrückung, Konflikte und Kriege in den Kolonien, Protektoraten und überseeischen Besitzungen.

Ihre lange Regierungszeit war von Licht- und Schattenseiten bestimmt. Mal war sie auf der Höhe der Beliebtheitsskala, dann kamen aber auch Rufe zur Abdankung auf. Sieben Mal wurden Attentatsversuche auf sie unternommen, beim fünften 1852 wurde sie leicht verletzt. Am 22. Januar 1901 verstarb Victoria im Alter von 81 Jahren und 63 Regierungsjahren in ihrem Landsitz Osborne.

1911 wurde das 27 Meter hohe Victoria-Denkmal am Buckingham Palace von ihren beiden regierenden Enkeln, Georg V. und dem deutsche Kaiser Wilhelm II. mit höfischen und militärischen Ehren eingeweiht. Den Zuschauern dieses Staatsereignisses wurde das Bild einer verwandtschaftlichen Eintracht geboten. Doch nur wenige Jahre später sollte diese Einheit und friedliche Familienbande nicht mehr nachwirken, denn Europa und die Welt trugen nun ihre Konflikte in den zwei verheerenden Weltkriegen aus. Die Krone erlebte wieder krisenhafte Momente. Erst ihre Ururenkelin, Elisabeth II., läutete eine neue Ära ein und stabilisierte die Monarchie. Ihr hinterließ Victoria ein großes finanzielles Erbe und die Traditionen, die Pracht der royalen Ereignisse, die auch heute noch viel Begeisterung über das Vereinigte Königreich hinaus erzeugt. Es ist denn auch die Monarchie, die das Commonwealth – als Relikt des Empire – zusammenhält. Wie aber das Verhältnis zu Europa in Zukunft gestaltet sein wird, ist eine offene Frage.

Ihre älteste Tochter, Victoria, wurde mit Friedrich III. vermählt und somit Kaiserin von Deutschland, ihr Sohn Alfred war mit der Zarentochter Marija Alexandrowna Romanowa verheiraten; der Thronerbe Eduard VII. war mit der Prinzessin Alexandra von Dänemark verheiratet. Auch die anderen Kinder wurden mit dem Hochadel Europas verbändet, u.a. mit Preußen und den Battenbergs. So bestehen auch die heutigen verwandtschaftlichen Verbindungen zum spanischen und norwegischen Königshaus. Victoria ist die wahre «Großmutter Europas».

Der Historiker Peter Downs hält am Donnerstag, den 13. Juni, um 19.30 Uhr im DCB den Vortrag «Victoria y la Era Victoriana: la „abuela de Europa“ y emperatriz de India».

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