Begründer eines neuen christlichen und weströmischen Kaiserreiches

Karl der Große erweiterte durch Feldzüge sein Herrschaftsgebiet 

Albrecht Dürer malte 1513 im Auftrag seiner Heimatstadt Nürnberg dieses Gemälde von Karl dem Großen. Die idealisierte Darstellung zeigt den Herrscher mit den Reichkleinodien, also den Kennzeichen der Kaiser und Könige des Heiligen Römischen Reiches.
Albrecht Dürer malte 1513 im Auftrag seiner Heimatstadt Nürnberg dieses Gemälde von Karl dem Großen. Die idealisierte Darstellung zeigt den Herrscher mit den Reichkleinodien, also den Kennzeichen der Kaiser und Könige des Heiligen Römischen Reiches.

 

Vor Kurzem jährte sich der Geburtstag Karls des Großen zum 1270. Mal. Er wurde wohl am 2. April 747 geboren. Über seinen Geburtsort wissen wir nichts, und das Geburtsjahr selbst wird auch unter Historikern diskutiert. So besteht der Bonner Universitätsprofessor Matthias Becher auf 748 als das Geburtsjahr.

 

Von Peter Downes

Einer unserer wichtigsten Quellen zum Leben Karls des Großen ist die Vita Karoli Magni von Eginhard (meist als Einhard bezeichnet, c. 770-840). Er gelangte 791 oder 792 an die Hofschule Karls des Großen in Aachen, die unter der Leitung des Angelsachsen Alcuin stand. Alcuin war der führende Gelehrte am Hofe des Frankenkönigs und einer seiner engsten Berater.

Eginhard wurde bald schon mit der Aufsicht der literarischen und mathematischen Studien Karls des Großen betraut. Er entwickelte sich daher eine enge Freundschaft zum Kaiser (ab 800) und dessen Familie, wie Eginhard selbst bemerkt. Als sich Alcuin in das Kloster Tours zurückzog, wurde Eginhard sein Nachfolger in der Hofschule (schola palatina). Er kannte also aus nächster Nähe den Kaiser Karl und dessen Familie. Dennoch erwähnt er in seiner Biographie des Kaisers nichts von seiner Geburt und Jugend.

Wir wissen jedoch aus anderen Quellen (dem Liber Pontificalis und der Reichsannalen), dass er bei dem wichtigen Gipfeltreffen zwischen Papst Stephan II. und dem Frankenkönig Pippin des Kurzen, Ende 753 und Anfang 754, als ältester Sohn des Königs den Papst entgegenreiste, um ihn ehrenvoll an den Hof in Ponthion zu begleiten. Und am Ende dieses wichtigen Treffens salbte der Papst die gesamte Königsfamilie in Quiercy und garantierte dabei die göttliche Legitimierung der neuen Dynastie (der Karolinger).

Nach dem Tod seines Vaters Pippin im Jahre 768 teilte er die Regierung des Reiches zunächst mit seinem Bruder Karlmann. Diese doppelte Königsherrschaft des Frankenreiches erwies sich konfliktiv und wäre wohlmöglich in einem Bruderkrieg geendet, wenn nicht Karlmann im Jahre 771 verstorben wäre und fortan Karl als Alleinherrscher regierte.

Eines seiner schwierigsten Herausforderungen stellten die Sachsen im Osten dar. Insgesamt 33 Jahre lang (772-804) musste er nahezu ununterbrochen gegen verschiedene Stämme und Gruppen von Sachsen kämpfen, bis er schließlich deren Hauptwiderstand brechen konnte, als sie sich unter der Führung Widukinds (zwischen 783 und 785) begaben hatten. Allerdings musste Karl mit einer rigiden Gesetzespolitik weitere Aufstände von Sachsen gegen seine Missionierungsbestrebungen noch über Jahre hinweg niederschlagen.

Karl der Große war König des Fränkischen Reichs und erlangte im Jahr 800 als erster westeuropäischer Herrscher seit der Antike die Kaiserwürde, die mit ihm erneuert wurde. Mit einer Reihe von Feldzügen konnte er sein Gebiet erheblich erweitern. Besonders verlustreich und erbittert geführt waren dabei die Sachsenkriege von 772 bis 804.
Karl der Große war König des Fränkischen Reichs und erlangte im Jahr 800 als erster westeuropäischer Herrscher seit der Antike die Kaiserwürde, die mit ihm erneuert wurde. Mit einer Reihe von Feldzügen konnte er sein Gebiet erheblich erweitern. Besonders verlustreich und erbittert geführt waren dabei die Sachsenkriege von 772 bis 804.

Zeitweilig musste er verschiedene Kriege gleichzeitig führen. Er wandte sich 773 gegen die Langobarden, die lange Zeit Verbündete der Franken waren (so halfen sie etwa Karl Martell im Jahre 737 gegen die Sarazenen in Narbonne) und die sein Vater Pippin lediglich in ihren Expansionsbestrebungen in Italien zuvor gebremst hatte. Karl selbst war zeitweilig sogar mit der Tochter des Langobardenkönigs Desiderius verheiratet, was aber eher ein Ausdruck eines taktisches Bündnis im Konflikt mit seinem Bruder Karlmann darstellte und sogleich nach dessen Tod, noch im Jahre 771, aufgelöst wurde.

Nun aber sollte Karl dem Papst Hadrian (772-795) einen dauerhaften Schutz gegen die Langobarden garantieren und eroberte 774 das Langobardenreich und ließ sich in Pavia zum neuen Langobardenköng krönen. Dem Papst Hadrian übertrug er die eroberten Gebiete, die bereits sein Vater als «Pippinische Schenkung» im Jahre 756 den Nachfolgern des heiligen Petrus versprochen hatte: damit wurde der Kirchenstaat konsolidiert. 

778 wandte er sich noch gegen die Sarazenen im Nordens Spaniens, allerdings mit wenig Erfolg (aus dieser eigentlichen Niederlage machte das Hochmittelalter dann die Rolandslegende). Im Osten konnte er die Awaren erfolgreich abwehren und eine Grenzmark errichten.

Karl hatte zunehmend Aachen wegen der warmen Quellen als seine Winterresidenz aufgesucht und sie schließlich zu seinem Hauptsitz bestimmt. Geographisch lag sie zentral zu den Problemzonen – zu den Sachsen zum einen und als idealer Ausgangspunkt zu den Langobarden zum anderen.

In den 790er Jahren ließ Karl der Große in der damaligen Pfalzkapelle, dem heutigen Aachener Dom, seinen Königsthron errichten.
In den 790er Jahren ließ Karl der Große in der damaligen Pfalzkapelle, dem heutigen Aachener Dom, seinen Königsthron errichten.

Aachen stellte ein Kulturzentrum dar, da mit seinen Eroberungen Karl sich auch eine internationale Gelehrtengruppe an seinen Hof holte. So waren am Hofe Astronomen aus Irland (etwa Dungal), Grammatiker aus dem Langobardenreich (so der Diakon Peter von Pisa und Petrus Lombardus und Paulus Diakonus), der westgotische Theologe Theodulf – später dann Bischof von Orleans – und der Angelsachse Alcuin von York tätig. Auch wenn Aachen noch bis ins 9. Jahrhundert eher eine kaiserliche Baustelle darstellte, so Rosamund McKitterick, wuchs diese Stadt zur bedeutendsten Residenzstadt der Karl des Großen.

Der Hof Karls wurde zu einer wahrhaften wissenschaftlichen Akademie mit hochbegabten Spezialisten, die zur Verbesserung des Lateins betrugen und mathematische und astronomische Kenntnisse verbreiteten.

Karl legte höchsten Wert auf eine Bildung nicht nur seiner eignen Kinder, sondern auch einer allgemeinen Befähigung der Kinder im Lesen und Schreiben, voranging um sie zu vernunftbegabten Christen zu erziehen. Seine Erziehungsreform zielte auf eine gezielte Verchristlichung seines Reiches auf der Basis der römischen Kultur. Kurz gesagt war seine Bildungsreform auf eine Romanisierung und vollständige Christianisierung seines Frankenreiches ausgerichtet. Karl verstand sich als neuer David – als erwählter und beauftragter König Gottes.      

Zur Erziehung am Hofe Karls des Großen schreibt Eiginhard in der Karlsvita: «Für die Erziehung seiner Kinder fasste er den folgenden Plan: Sowohl die Knaben als auch die Mädchen sollten zunächst in den Wissenschaften unterrichtet werden, an denen er selbst interessiert war. Sobald die Knaben als genug waren, muddten sie nach fränkischen Brauch Reiten, Jagen und den Waffendienst erlernen. Die Mädchen muddten sich an Wollarbeit gewöhnen, und damit sie nicht durch Langeweile träge würden, fleißig weben und spinnen, und er ermutigte sie in allen tugendhaften Bestrebungen.» (Einhard, Vita Karoli Magni, 19).  

Eine wissenschaftliche Ausbildung (die Artes Liberales) waren somit eine Grundausbildung sowohl für die Jungen wie Mädchen. Der König beaufsichtigte nicht nur sorgfältig die Erziehung seiner Kinder, sondern ging selbst zur Schule. Auch darüber berichtet uns Eginhard:

«Er beherrschte nicht nur seine Muttersprache, sondern erlernte auch fleißig Fremdsprachen. Latein verstand und sprach er wie seine eigene Sprache. Griechisch konnte er allerdings besser verstehen als sprechen. Er war rednerisch so begabt, dass er manchmal beinahe zu weitschweifig erschien. Die Sieben Freien Künste pflegte er mit großem Eifer, achtete seine Lehrer sehr und erwies ihnen große Ehrbezeugungen. Der Diakon Peter von Pisa, der schon ein alter Mann war, lehrte ihm Grammatik. Ein anderer Diakon, Albinus, genannt Alcuin, ein Mann sächsischer Abstammung aus Britannien, der größte Gelehrter seiner Zeit war, unterrichtete ihn in den übrigen Wissenschaften: Der König verwendete viel Zeit und Mühe auf das Studium der Rhetorik, Dialektik und besonders der Astronomie. Auch versuchte er sich im Schreiben und hatte unter seinem Kopfkissen im Bett immer Tafeln und Blätter bereit, um in schlaflosen Stunden seine Hand im Schreiben zu üben. Da er aber erst verhältnismäßig spät damit begonnen hatte, brachte er es auf diesem Gebiet nicht sehr weit.» (Einhard, Vita Karoli Magni, 25).

Karl war ein wahrhafter Bildungsreformer. Dies zeigen auch seine Bemühungen, den Bildungsstand von Geistlichen und Mönchen zu verbessern, wie sie in einem Kapitel der Admonitio generalis (Allgemeinen Ermahnung) zum Ausdruck kommt: «Und es sollen Leseschulen für Knaben entstehen. Psalmen, Gesänge, Computus, Grammatik und die katholischen Bücher sollen in den einzelnen Klöstern und Bischofssitzen sorgfältig verbessert werden. Denn oft, wenn manche Gott gut bitten wollen, bitten sie schlecht aus unverbesserten Büchern. Und lasst eure Knaben nicht beim Lesen und Schreiben den Text verderben; und wenn es nötig ist, ein Evangelium, einen Psalter und ein Messbuch zu schreiben, sollen dies Personen im rechten Alter mit aller Sorgfalt tun.» (Monumenta Germaniae Historica, Capitularia I, Nr.22, cap. 72, S. 60; hier zitiert nach Matthias Becher, Merowinger und Karolinger, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2009, S. 94).

In den Klöstern des Frankenreiches wurden nun massenhaft Evangelien, Psalterien, religiöse Messbücher und philosophische Werke kopiert. 

Karl leitete eine kulturelle Renaissance ein (die Karolingische Renaissance), und Aachen bildete sein neuen Bildungszentrum, ein neues Athen, wie Alcuin in einem Brief an Karl dem Groβen aus dem Jahre 799 betont: «Wenn viele Eurem Fleiß und Eifer folgen, dann wird wohl (in Aachen) ein neues Athen im Frankenreich entstehen, das durch den Dienst am Herrn Jesus Christus alle Weisheit der Akademie (Alcuin spielt hier auf die Akademie Platons in Athen an, deren Schließung Kaiser Justinian 529 anordnete) übertrifft. Jenes Athen glänzte nur durch die Lehren Platons und die sieben Freien Künste, das neue Athen aber überbietet, durch die Fülle des siebengestaltigen heiligen Geistes bereichert, das gesamte Verdienst der weltlichen Weisheit.» (Monumenta Germaniae Historica, Espistulae, Bd. IV, Berlin 1895, S. 279, hier ziert nach Clemens Zintzen, Geschichtsbewusstsein und Menschenbild in der Renaissance, in Christian Mueller Goldingen & Kurt Sier (Eds.) Lenaika. Festschrift für Carl Werner Müller zum 65. Geburtstag am 28. Januar 1996, Stuttgart/Leipzig: B. G. Teubner, 319-338, hier S.320).

Für Alcuin ist die Erziehungsreform Karl des Groβen nicht eine bloße renovatio imperii (eine Erneuerung des Kaiserreiches) im Westen, sondern die Romanisierung (der römisch-helenischen Kultur) des Frankenreiches erfolgte im Lichte des Christentums. Das neue Kaiserreich des Westens war explizit christlich bestimmt.

Es wundert dann nicht, wenn Karl schließlich sein Bündnis mit dem Papsttum noch enger knüpfte, als er dem bedrängten Papst Leo III, im Jahre 799, in Paderborn empfang und ihm seine volle Unterstützung gegen dessen kirchlichen Widersachern in Rom zusprach. Die Folge dieses neuen Schutz- und Protektionsbündnisses war dann die Kaiserkrönung Karls des Großen in Petersbasilika in Rom am Weihnachtsfest im Jahre 800, was hier aber nicht mehr thematisiert werden kann. Damit entstand ein neues christliches Kaiserreich im Westen, dass kulturell ganz in römischer Tradition stand. 

Wie nachhaltig Karl der Große die westliche Kultur und verschiedene Regionen Zentraleuropas prägte, findet ihre aktuelle politische Anerkennung in der jährlichen Verleihung des Internationalen Karlspreises. Dieses Jahr wird sie dem britischem Historiker Prof. Dr. Timothy Garton Ash, einem überzeugten Europäer, am Feste Christi Himmelfahrt übergeben werden.    

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