Heimkehr und «Kehr zurück!»

Nach seiner über alle Erwartungen erfolgreichen Tournee durch Westdeutschland traf das Gros des Singkreises am 1. Mai 1953 mit dem Transandino zu mitternächtlicher Stunde wieder in Santiago ein, nachdem er zuvor noch zwei Konzerte in Buenos Aires gegeben hatte und auch von Staatspräsident Juan Perón empfangen wurde.

Trotz mitternächtlicher Stunde gab es einen großen Empfang auf dem Bahnhof Mapocho. Ähnlich wie bei der Verabschiedung hatten Freunde des Singkreises zu einer Wiedersehens-Morgenfeier am 2. Mai in der Aula der Deutschen Schule eingeladen. Lieder und anrührende Dankesworte standen im Mittelpunkt der überfüllten Aula.

Dort sprach unter anderen Pfarrer Friedrich Karle, um im Namen des deutschen Botschafters, des Deutsch-Chilenischen Bundes und der ganzen deutschen Gemeinschaft den Teilnehmern dieser gelungenen Konzertreise und vor allem der Seele dieses einmaligen Unternehmens, Artur Junge, unter begeistertem Applaus Anerkennung und Dank auszusprechen. «Der Name Chile ist durch diese Fahrt der Freundschaft in Deutschland einmal wieder in hellen Lettern geschrieben worden!»

Zum Abschluss des würdigen Empfangs ließ Artur Junge die größten Erlebnisse in den besuchten Ortschaften Revue passieren, indem er die tiefen Gefühle ansprach, die hier und dort bei allen Teilnehmern geweckt worden waren. Die unvergessliche Feierstunde endete mit zwei chilenischen Volksliedern und dem deutschen «Kehr zurück», das dem Singkreis drüben von einem Kinderchor zum Abschied gesungen wurde.

Dieser nachdrückliche Wunsch beseelte auch Artur Junge und «seinen» Singkreis: Er kehrte im fünfjährigen Rhythmus noch sechsmal – leider immer nur in das geteilte Deutschland und Westberlin – mit gleichen Erfolgen zurück, um dabei auch die 117 bei der ersten Reise nicht bedachten Einladungen zu erfüllen.

 

Briefe an den Cóndor

Im Folgenden ein Leserbrief aus Velbert im Rheinland, geschrieben am 25. Januar 1953 und im Cóndor am 28. März erschienen:

Lieber Cóndor, liebe Landsleute in der «neuen Heimat»,

heute sollen Sie etwas aus der «alten Heimat» hören, an der Sie – wie wir jetzt durch Ihren Deutsch-Chilenischen Singkreis wissen – so innigen Anteil nehmen.

Es war uns eine große Freude, die 60 Chilenen-Deutschen nicht nur zu sehen und zu hören, sondern sie zu erleben. Als diese Menschen deutsche Lieder sangen, da ging es uns so wie den Gästen bei der Ankunft in der alten Heimat: Wir konnten die Tränen nicht zurückhalten. Dass sich die deutsche Sprache erhalten hat, dass sie hier im deutschen Lied gestaltet war, schien uns überwältigend. Und wir hoffen, dass das Lied als Echo noch lange nachklingen wird – hüben wie drüben.

Es waren so viele «deutsche» Gesichter, dass kaum ein Unterschied mit uns zu bestehen schien. Aber bei näherem Kennenlernen wussten wir, dass unsere Gäste nicht nur Deutsche, sondern in gleichem Maße Chilenen sind, mit Leib und Seele. Und so begreife ich gut eine junge «chilenische Nachtigall», die mir beim Tässchen Tee erklärte:

«Ob wir immer in Deutschland bleiben möchten? – Für Wochen und einige Jahre ja, wir sind so glücklich über diese Reisen und den überaus herzlichen Empfang in der Urheimat unserer Väter. Aber dann werden wir auch wieder Heimweh nach Chile haben. Hier ist so viel verboten, das sind wir von drüben nicht gewöhnt.» So ist es eben. War nicht Ihren Vätern und Großvätern dieses Mutterland zu eng geworden, dass sie in die chilenische Freiheit gingen?

 

Ein Gruß und Dank aus Osorno

Der folgende Leserbrief von Karl Steybe wurde am 2. Mai 1953 im Cóndor veröffentlicht:

Immer schon sind im Laufe der Zeiten, seitdem es Menschen deutschen Wesens in Chile gibt, Einzelne, zuweilen auch Gruppen, in die alte Heimat gefahren; mit der Zeit wurde es die Heimat der Väter, schließlich der Vorväter. Und immer ist dieses Reisen dem Deutschtum hier zu Gute gekommen.

Was aber der Singkreis gemacht hat, ist in der Geschichte des Deutschtums in Chile noch nicht vorgekommen. Die Bedeutung seiner Deutschlandfahrt ist noch gar nicht abzusehen. Sie hat eine sehr tiefe Spur hinterlassen, sowohl in den Herzen der Teilnehmer, als auch – und das ist wohl bemerkenswert – in den Herzen der Tausenden, vor denen sie gesungen und gespielt, mit denen sie zusammen waren.

Die Nachrichten aus Brief und Presse zeigen, dass es denen drüben nicht nur eine willkommene Abwechslung war, sondern dass da Herzen frisch und froh wurden; es wurde offenkundig, dass da im gegenseitigen Geben und Nehmen etwas entstanden war, was über einen Augenblickserfolg, weit über eine gesellschaftliche Veranstaltung zu werten ist, etwas, was vielmehr auf lange Sicht äußerlich und innerlich eine positive Nachwirkung haben wird, hüben wie drüben.

Da nun ein Teil der Deutschlandfahrer zurückkehrt, ist es wohl angedacht dem Urheber des Planes, dem gewissenhaften Chorleiter, dem gewandten Redner, dem genialen Improvisator Artur Junge, sowohl als auch Herrn Pfarrer Dr. Schünemann, überhaupt allen denen herzlichen Dank auszusprechen, die teils in der Öffentlichkeit, teils in aller Stille dafür gesorgt haben, dass entgegen allen Zweifeln und Sorgen hier wie dort die Deutschlandfahrt ein großes Ereignis wurde. Im Übrigen gilt unser Dank allen denen, die unseren Singkreis so herzlich aufgenommen haben.

 

Der Auftritt in Argentinien

Über die Abschlusskonzerte des Deutsch-Chilenischen Singkreises im Tigre-Hotel in Vicente López schrieb die «Freie Presse Buenos Aires» am 25. April 1953:

Gelegentlich der Rückreise des Singkreises nach Santiago via Buenos Aires hatte die Deutsch-Argentinische Bühnengemeinschaft beziehungsweise der Singkreis Vicente López die Gelegenheit genutzt, die auf der Heimfahrt nach Santiago befindlichen Mitglieder des so erfolgreichen Deutsch-Chilenischen Singkreises den dortigen Freunden des Volksliedes im festlichen Rahmen eines Tanztees in den repräsentativen Räumen des renommierten Tigre-Hotels vorzustellen.

Dort wurden die deutschstämmigen Gäste mit herzlichem Beifall willkommen geheißen, der nach einigen deutschen Volksliedern kein Ende nehmen wollte. Alsdann fand der erbetene Bericht von Artur Junge über den Verlauf und die Ergebnisse der Deutschland-Tournee große Aufmerksamkeit:

«Vor 100 Jahren sind die ersten Deutschen nach Chile eingewandert, fanden dort eine zweite Heimat und mit ihrem Fleiß und Können die Achtung und Freundschaft der Chilenen, die auch niemals durch die schweren Kriegszeiten und ihre Folgen getrübt wurde», führte Chorleiter Junge in seiner Ansprache aus. «Wir haben diesen geschichtlichen Anlass des Deutschtums in Südamerika benutzt und sind in die Heimat unserer Väter gefahren, um dort Zeugnis abzulegen, dass die Deutschen in der Ferne stets deutsche Kultur und Tradition gepflegt haben und andererseits als Vertreter unseres Chiles mit Vorträgen chilenischer Lieder und Volkstänze den Deutschen chilenisches Volksgut näherzubringen.»

Alsdann erzählte Artur Junge von den unvergesslichen Eindrücken ihrer Reise, den überaus herzlichen Empfängen in den 33 besuchten Städten Deutschlands, die in ihren Bemühungen, die chilenischen Gäste gastfreundlich zu bewirten und ihnen bei den Vorbereitungen für ihre Darbietungen zu helfen, geradezu wetteiferten.

Die kleine malerische Stadt Velbert hatte chilenischen und deutschen Flaggenschmuck angelegt, um die stammverwandten Besucher aus Übersee zu feiern und auch von der Jugendherberge auf der alten Kaiserburg in Nürnberg wehten die chilenischen Landesfarben und wurden sogar nachts mit Scheinwerfern feierlich beleuchtet. Auch die deutsche Industrie ließ es sich nicht nehmen, ihren Teil beizutragen, um den Aufenthalt des Singkreises in Deutschland angenehm zu gestalten. So hatte die Firma Mercedes-Benz zwei Autobusse und einen Lastkraftwagen zur Beförderung des Gepäcks einschl. Betriebsstoff und Fahrer gratis zur Verfügung gestellt, die 5.000 Kilometer kreuz und quer durch Deutschland zurücklegten.

Die Firma Hohner in Trossingen bewirtete die südamerikanischen Gäste in großzügiger Weise und beschenkte jedes Mitglied mit einer der weltberühmten Harmonikas. Für uns war es eine «Märchenfahrt ins Mutterland», charakterisierte Artur Junge die Deutschlandreise und gab offen zu verstehen, dass sie mit einigen Vorurteilen nach drüben gefahren sind, die jedoch bald durch nie erwartete, unzählige Beweise herzlichen Entgegenkommens und Freundschaft aller Kreise der deutschen Bevölkerung zerstreut wurden.

Nach diesem eindringlichen und überzeugenden Bekenntnis zu Deutschland, das mit ebenso überzeugendem großen Beifall aller Anwesenden bestätigt wurde, erklangen noch einmal chilenische und deutsche Volkslieder, die stürmischen Beifall und natürlich Zugaben auslösten. Bei Tanzmusik und in fröhlichster Stimmung saßen die Deutschen aus Chile und Argentinien noch bis zu später Stunde zusammen und genossen die seltene Gelegenheit, mit Landsleuten aus dem benachbarten Chile freundschaftliche Beziehungen aufzunehmen.

 

Von Joachim Buff

 

Fortsetzung folgt.

 

Quellen:

Martin Dahms, Concepción,

Presse- und Foto-Sammlung: «Gruß aus Chile – Nachfahren deutscher Auswanderer besuchen das Mutterland 19.12.52-1.5.1953“»

Briefe an den Verfasser

Fotosammlung und Tagebuch-Notizen des Verfassers

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