Gesucht werden: Kolonisten für Südchile

In der chilenischen Geschichte gab es mehrere Versuche, europäische, nicht-spanische Einwanderer an dieses «Ende der Welt» heranzulocken. Cóndor-Leser Bruno Siebert gibt an dieser Stelle eine kurze Zusammenfassung dieser Initiativen.

Ambrosio O’Higgins, Gouverneur der damaligen spanischen Kolonie Chile, befasste sich schon Mitte des 18. Jahrhunderts mit dem Thema, europäische Immigranten als Kolonisten im südlichen unbewohnten Chile anzusiedeln. Don Ambrosio dachte zwar an irländische katholische Landsleute, die damals in ihrer Heimat unter schweren Lebensbedingungen litten sowie religiös einiges erdulden mussten. Er gehörte auch zu diesen Emigranten, den sogenannten irischen Wildgänsen, weil sie ähnlich wie diese Zugvögel in der Ferne bessere Verhältnisse suchten.

Später als Vizekönig von Peru, ernannte er seinen irischen Landsmann, den Hauptmann Juan Mackennna, als Gouverneur von Osorno. Die Stadt hatte er 1796 von Tomas de Figueroa wieder neu gründen lassen, nachdem sie über 200 Jahre lang seit dem Überfall und ihrer Zerstörung durch die Huilliches unter den Caciquen Pelantaru und Paillamacha im Jahre 1600 verlassen worden war.

Figueroa hatte 1793 mit den besiegten Häuptlingen der Umgebung einen Vertrag unterschrieben, wobei ein Gewehr und eine Lanze samt Keule vergraben wurden und somit eine Grenze festlegten zwischen Spanier und Indianer. Östlich dieser Linie, die bis Carelmapu am Chacao-Kanal reichte und ungefähr 30 Kilometer westlich vom Llanquihue-See verlief, sollten andere Kolonisten angesiedelt werden.

 

Erfolglose Bemühungen

Nachfolger von Figueroa wurde der schon genannte irische Juan Mackenna, der ab 1797 mehrere spanische Familien in Osorno und nähere Umgebung ansiedelte, ohne jedoch weitere Bemühungen unternahm nach Südosten vorzudringen. Osorno, das nach dem Titel «Marques de Osorno» ernannt wurde, den Ambrosio O’Higgins inne hatte, hing direkt von Lima ab. Das gefiel den Spaniern von Santiago und Concepción selbstverständlich keineswegs. Ambrosio O’Higgins und Mackenna versuchten erfolglos, irische Landsleute nach Chile zu bringen. Es ist sogar bekannt, dass Don Ambrosio utopischer Weise eine Stadt oder Gegend mit den Nachkommen nur eines Engländers gründen wollte.

Nach dem Tod des Vizekönigs O’Higgins 1801 und mit dem Beginn der chilenischen Befreiungskriege bleibt die Urwaldgegend um den Llanquihue-See und bis zu dem damaligen Melipulli oder Cayenel (heute Puerto Montt) von Indianern unbesetzt und auch von anderen Kolonisationsbemühungen unberührt.

Die Unruhen und Streitigkeiten der bevorstehenden Unabhängigkeit vor und nach 1810 bis 1814 (Rancagua) lassen keine Zeit für diese Kolonisationsbemühungen, obwohl schon 1812, nach dem ersten Putsch, José Miguel Carrera den Gesandten Francisco Antonio Pinto nach Europa schickt, um europäische Einwanderer zu werben, hauptsächlich aus Irland, was allerdings fruchtlos bleibt.

Mit Hilfe der erworbenen Kontakte in Europa versucht 1828 auch Pinto vergebens, während seiner kurzen Zeit als Präsident der Republik einen Plan durchzusetzen, um 5.000 französische Einwanderer zu bringen. O’Higgins äußert sich später in einem Brief, dass diese Initiative bloß nicht glückte aufgrund der kurzen Amtszeit des Präsidenten – denn die französische Regierung hatte das Unterfangen schon bewilligt.

Genauso wie sein Vater Ambrosio ist auch Bernardo O’Higgins von der Idee angetan, irländischen Einwanderern Chile schmackhaft zu machen. Sein Aufenthalt in England von 1795 bis 1799 sowie der Einfluss seiner frühen Freundschaft mit Juan Mackenna dürften dazu beigetragen haben.

 

Weitere Versuche

Als Resultat der Endschlachten von Chacabuco und Maipú wurden 1819 in Chile ungefähr 3.000 Spanier gefangen genommen. Zu der Zeit erfährt O’Higgins, dass in Panama der von Engländern unter Sir Gregor Mc Gregor besetzte Hafen von Portobelo wieder vom spanischen General Hore (in Irland geboren) zurückerobert wurde. Dabei wurden 300 englische und irländische Soldaten, die unter Wellington gegen Napoleon gedient hatten, inhaftiert.

In einem Brief an diesen General schlägt er ihm einen Austausch vor: drei Spanier für einen Engländer; die Kosten für Fracht und andere Ausgaben würde er übernehmen. Somit dachte er den Süden Chiles zu kolonisieren, wie es schon sein Vater Ambrosio beabsichtigte hatte. Leider hat O´Higgins auf seinen Vorschlag nie eine Antwort bekommen.

Im Jahr 1821 versucht Don Bernardo schließlich durch Vermittlung von dem schweizerischen Reisenden Peter Schmidtmeyer, schweizerische katholische Immigranten zu ergattern. Diese Idee war sogar vom chilenischen Senat unterstützt worden – allerdings ebenfalls erfolglos.

Zwei Jahre später, 1823, schreibt er eine Einladung und einen ausführlichen Plan an Sir John Doyle. Der englische General, der sich im nordamerikanischen Befreiungskrieg ausgezeichnet hatte, ist Vorsteher einer englischen Gesellschaft, um die Arbeitslosigkeit in Irland zu bekämpfen. O´Higgins geht in seinem Vorschlag so weit, dass er seine eigene Hazienda Las Canteras zur Verfügung stellt, um potenzielle Kolonisten aufzunehmen.

 

Unmögliche Besiedlung?

Solche Angebote wiederholt O´Higgins 1826, 1827, 1828 und 1830 von Peru aus, als er schon im Exil ist, nach Rücksprache mit chilenischen Autoritäten. Auch geht in diesen Briefen hervor, dass er die südliche Gegend bis zum Grad 45 als Kolonisationsgebiet einzuschließen gedachte, also inklusiv der Insel Chiloé. In dem letzten Brief warnt er sogar den englischen General vor den russischen Kolonisationsideen in Amerika.

Doch auch die Nachfolger von nehmen den Gedanken auf, den Süden Chiles mit Hilfe von Kolonisten zu besiedeln und das Indianerproblem somit zu lösen. 1830 versucht der Präsident José Tomas Ovalle mit seinem Minister Diego Portales einen Kolonisationsplan mit Europäern zu verwirklichen, der leider jedoch scheitert. Nicht nur die Araukaner widersetzen sich, auch einzelne Spanier, die damals im Süden hausten, begehren auf.

Das Ende des Lieds scheint zu sein, als Charles Darwin Aussagen über die südliche Region publik werden. Der Forscher war 1834 mit dem englischen Admiral Fitz Roy auf der «Beagle» in diese Gegend gefahren und beschreibt sie als «einen feuchten Schwamm, der nie menschliches Leben erlauben würde».

 

Von Bruno Siebert

 

Fortsetzung folgt.

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