Als der Feuersturm über Hamburg raste

Ein Augenzeuge berichtet: «Wir hielten uns tröstend die Hände»

 

Rainer Dettmann wurde am 12. Februar 1939 in Hamburg-Eppendorf geboren. Als die Hansestadt schwer bombardiert wurde, war er knapp viereinhalb Jahre alt. An den Aufenthalt im Luftschutzbunker kann er sich noch heute erinnern.

Alle Familienmitglieder hatten in der Wohnung einen kleinen Notkoffer neben sich am Bett stehen, bestückt mit persönlichen Papieren, Geld, etwas Kleidung und Familienbildern. Ich war damals ein kleiner Junge, und auch für mich hatte meine Mutter einen Kinderkoffer neben mein Bett gestellt.

Wir hatten keine Schlafanzüge an, sondern gingen angezogen ins Bett. Wenn nachts die Alarmsirenen aufheulten und die alliierten Fliegerbomber angekündigt wurden, blieb zum  Ankleiden keine Zeit – die Bewohner hatten eiligst ihre Wohnungen und Häuser zu verlassen und sofort den für sie vorgesehenen Luftschutz-Bunker oder -Keller aufsuchen.

Dem Luftschutzwart musste dann eine Platzkarte vorgezeigt werden. Man saß auf Holzbänken und möglichst die Nachbarn eines Hauses nebeneinander. Man kannte sich, vertrauensvolle Hilfe und Unterstützung im Unglücksfall waren sicher. Das stimmte hoffnungsvoll.

Der Zementbunker war ausgestattet mit feuersicheren Stahltüren und Lüftungsschlitzen, hatte Trink- und Löschwasserbehälter, Wolldecken und Nahrungsvorräte sowie eine Hausapotheke. Jeder Schutzsuchende verfügte über eine Gasmaske und hatte eine Taschenlampe dabei.

Die Bomben fielen und explodierten, es donnerte, dröhnte und knallte, die Erde schien zu beben und zu wanken. Die Beleuchtung flackerte oder ging dann ganz aus. Mancher weinte, schluchzte und jammerte, zitterte oder betete.

Die gemeinsame Not, die Hilflosigkeit, die Angst und das Elend schweißten zusammen. Doch da war auch die Ungewissheit: Ist das eigene Haus, die Wohnung bombardiert und getroffen worden? Ist vielleicht alles ausgebrannt und Hab und Gut vernichtet worden?

So saßen wir in den Bunkern und Kellern eng zusammen und hielten uns tröstend die Hände.

Wenn ich heute das Heulen von Alarmsirenen, das Brummen von Flugzeugen höre oder auch auf einem wackelnden Untergrund stehe, dann weckt das bei mir sofort und unauslöschlich schreckliche Erinnerungen an die schlimme Kinderzeit im Bunker.

 

Von Rainer Dettmann

 

Der schrille Ton der Sirenen

Als ich etwas über drei Jahre alt war, weckte mich meine Mutter wie fast jede Nacht, als in Berlin die Alarmsirenen heulten. Wir kamen zu spät zum Luftschutzbunker in Berlin Tempelhof, er war bereits zugesperrt. Rings um uns flammten die brennenden Häuser, ohrenbetäubende Bombeneinschläge erfüllten die Luft, über uns war das Dröhnen der alliierten Bomberstaffeln. Die sogenannten Christbäume standen in der Luft, helle Leuchtkugeln, um die Ziele besser ausmachen zu können.

Meine Mutter war verzweifelt, ich wurde davon angesteckt und heulte hilflos. Wir versuchten in die Luftschlitze des Betonbunkers hineinzurufen – im Höllenlärm der Attacke ein fast aussichtsloses Unterfangen. Dann endlich gelang es, der Luftschutzwart öffnete für ein paar Sekunden die Stahltür.

Geblieben ist mir vor meinem geistigen Auge das Flammeninferno und die zusammenstürzenden Häuser, der schrille Ton der Sirenen, der mich bis heute immer noch traumatisiert zusammenschrecken lässt, und das Dröhnen der todbringenden Bomberstaffeln.

 

Von Joachim Feyerabend

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One Comment

  1. Eine wahre Tragödie!

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