Als der Feuersturm über Hamburg raste

Ende Juli 1943 zerstörten die Alliierten ganze Stadtteile Hamburgs. Bei der Bombardierung der Hansestadt und einer riesigen Feuerwalze starben 35.000 Menschen.

 

1.Buch Mose, 19,24: Der Herr ließ Schwefel und Feuer regnen auf Sodom und Gomorrha und vernichtete die Städte und die ganze Gegend und alle Einwohner.

 

«Gomorrha» lautete der Deckname der Alliierten, um nicht nur eines der größten Bombardements im Zweiten Weltkrieg, sondern der Geschichte überhaupt vorzubereiten. Es traf die Hansestadt Hamburg. Und es vergeht heute fast kein Monat, in dem nicht gefährliche Fliegerbomben in Hamburg entschärft und ganze Straßenzüge vorübergehend evakuiert werden müssen – ein trauriges Erbe des sogenannten Tausendjährigen Reiches von Adolf Hitler und der Terrorherrschaft der Nationalsozialisten.

Der tödliche Luftschlag war durch den britischen Oberbefehlshaber der britischen Luftflotte, Marschall Arthur Harris, als Vergeltung für die Bombardierung vor allem Londons durch Hitlerdeutschland befohlen worden. Ziel war es, durch die gezielte Attacke auf die Zivilbevölkerung den nationalsozialistischen Machthabern die Unterstützung der Bevölkerung zu entziehen und die Moral nachhaltig zu untergraben, um letztendlich den Krieg auch zu verkürzen. Dieser Plan ging allerdings nicht auf. Die Folgen der Zerstörung erhöhten den Zwang zur Selbstmobilisierung, nationalsozialistische Gewaltandrohung, Schreckensszenarien des Untergangs und Durchhalteparolen taten das Übrige.

Von den fast 14 000 registrierten Blindgängern des sogenannten Feuersturms durch alliierte Bomber konnten bislang noch immer 2 900 nicht aufgefunden werden und stellen bei jedem Neubau ein Risiko dar oder schlummern noch im Hafenschlick. Auch in anderen Teilen der Bundesrepublik müssen immer wieder Sprengkörper durch den lebensgefährlichen Kampfmittelräumdienst unschädlich gemacht werden, manchmal wie etwa Mitte 2012 gleich drei an einem Tag.

Insgesamt wurden durch den Bombenhagel in Deutschland bis zu 600.000 Zivilisten getötet, in England kamen rund 61.000 britische Bürger durch Hitlers Bomben ums Leben. Über 100 deutsche Städte wurden bombardiert, am schwersten Hamburg; insgesamt wurden in Deutschland 3,37 Millionen Wohnungen zerstört.

 

Die Feuerwalze

Etwa 35.000 Hamburger Bürger überlebten die Nächte des Infernos nicht, weitere 120.000 erlitten zum Teil schwere Verletzungen. Die angeordnete Verdunkelung erwies sich als wirkungslos, zielsicher fanden die feindlichen Piloten den Luftraum über der Hansestadt. Durch den Sauerstoffmangel der Brände und Explosionen erstickten sogar viele Menschen in den Luftschutzbunkern. 750 000 Hamburger wurden obdachlos, einige verloren den Verstand und irrten durch die brennenden Straßen.

Staffel um Staffel flogen die Bomberverbände der Alliierten über die Hansestadt und ihren Welthafen ein. Die nächtlichen Luftangriffe der britischen Royal Air Force und Tagesangriffe durch die United States Army Airforce mit ihren Boeing-Bombern («Fliegende Festungen») stellten eine beispiellose Konzentration von Flugzeugen über einem Ziel dar, der die deutsche Luftwaffe nicht mehr gewachsen war und auch die «Wunderwaffe» der V- Raketen nichts Vergleichbares mehr entgegensetzen konnte.

Vom 24. Juli bis 4. August regneten auf Hamburg teilweise pro Quadratkilometer 100.000 Brandbomben nieder und lösten wegen der großen Trockenheit große Flächenbrände aus. Zentraler Anpeilungspunkt war die heute nur noch aus Fragmenten bestehende Nikolaikirche in der Nähe des Hafens. Heute ist sie wie die Berliner Gedächtniskirche ein Mahnmal für den Wahnsinn eines Krieges, der erstmals gezielt auch Zivilisten als Opfer suchte.

Für Tage war das Zentrum der Hansestadt durch Qualm und Rauch verdunkelt. Die Feuerwalze jagte mit bis zu 270 Stundenkilometern durch die Innenstadt – eine Todesfalle, in der Hunderte von Menschen in Sekundenschnelle verkohlten. Die Operation «Gomorrha» wurde bibelgetreu in die Tat umgesetzt.

Die Bilanz: Im Hafen versanken Schiffe mit einem Volumen von 180.000 Bruttoregistertonnen, 277.000 Wohnungen, 580 Industrieunternehmen, 2.630 Gewerbebetriebe, 80 Wehrmachtsanlagen, 24 Krankenhäuser, 277 Schulen und 58 Kirchen gingen in Schutt und Asche. Besonders die Vernichtung von Krankenhäusern zeigt die ganze Brutalität eines entfesselten Krieges, an dem natürlich auch die deutsche Wehrmacht und die U-Boot-Marine ihren Anteil hatten.

 

«Hamburgisieren»

Die Flächenbombardements aus Luftminen, Spreng- , Phosphor und Stabbrandbomben wurde «hamburgisieren» genannt und später zudem auf Ziele im Ruhrgebiet, in Dresden, in Stuttgart und in Berlin angewendet. Die Bezeichnung war abgeleitet von Goebbels Wortschöpfung «coventrieren» aus der Zeit der deutschen Luftangriffe gegen britische Städte. «Moral Bombing» nannte wiederum Churchill diese Taktik, Menschen zu zermürben und Widerstand gegen Hitler zu schüren.

Als schlimm stellten sich immer wieder die Phosphorbrandwunden junger Feuerwehrmänner heraus, die dadurch an ihrem weiteren Einsatz gehindert waren. Vor allem bei nachfolgendem Regen flackerten die Feuer aus dieser tückischen Chemikalie immer wieder auf. Augenzeugen berichteten von Leichen erwachsener Menschen, die aufgrund der Verdampfung auf Kindergröße zusammenschrumpften.

Zur Entfesselung des Infernos trugen die sogenannten Christbäume, Leuchtkugeln über den Abwurfgebieten, und besonders die im Zweiten Weltkrieg erfundenen «Düppel» bei, abgeworfene Staniol-Streifen, die das gegnerische Radar unschädlich machten. Dennoch gelangen zu Beginn der Luftangriffe kleine Erfolge der deutschen Flak (Flugabwehrkanone): Sie schoss zwölf britische und 15 US-Flugzeuge ab. Verglichen mit der nächtlichen britischen Flotte von 791 Bombern war das allerdings wenig. Dabei hatte Feldmarschall Hermann Göring anfangs noch vollmundig geprahlt, dass kein alliierter Flieger das deutsche Binnenland erreichen würde.

Stattdessen konnten die Luftminen und Sprengbomben der zu Hunderten einfliegenden Bomberstaffeln gezielt die Dächer abdecken, ließen die Fensterscheiben platzen und zerstörten auf den Straßen die Wasserleitungen, so dass die Löscharbeiten scheiterten. Dann folgten die Phosphor- und Stabbomben und entzündeten die hölzernen Dachstühle, fraßen sich über die Holztreppen nach unten, erhielten durch die Fenster- und Türhöhlen genügend Luftzufuhr. Die Häuser brannten von Innen völlig aus, so dass nur die Fassaden stehen blieben – ganz Straßenzüge bestanden nur aus solchen Wänden.

 

Hauptziel: Arbeiterviertel

Besonders hatten es die Alliierten auf die Arbeiterviertel Hamm, Hammerbrook, Billbrook, Rothenburgsort, Hohenfelde und das östliche St. Georg abgesehen. Diese Angriffe sollten der Rüstungsindustrie ihre Arbeitskräfte nehmen. In diesen Gebieten lebten etwa 400.000 Menschen. Aber auch mit den beiden Elbinseln Wilhelmsburg und Veddel wurden ganze Stadtteile vernichtet.

Die vorhandenen Bunker waren längst nicht genügend, so dass viele Menschen evakuiert werden mussten. Sie wurden nach Bayern, Schleswig-Holstein oder Danzig ausgesiedelt, wobei beim Vorrücken der russischen Kampfverbände aus Osten eine erneute Flucht in Richtung Westen einsetzte.

Verschiedene Mahnmale in der Elbmetropole erinnern heute an diese Schreckenstage. Anfang des Jahres war zudem im Hamburger Auswanderermuseum Ballinstadt eine Ausstellung dem Feuersturm gewidmet. Sie zeigte mit einer Fülle von Bilddokumenten den Schrecken jener Tage und die Not der Bürger.

 

Von Joachim Feyerabend

 

Lesen Sie auf den nächsten Seiten Augenzeugenberichte und über Bunkerführungen.

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One Comment

  1. Eine wahre Tragödie!

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