Deutsche Kolonisten bringen den Durchbruch

Nach den gescheiterten Einwanderungsplänen kommt die Wende: Bernhard Eunom Philippi, ein preußischer Seemann, Naturaliensammler und Erkundungsreisender, erscheint in Chile. Und zwar erstmals 1837, als er anschließend drei Jahre lang die südliche Gegend durchstreift und seinen Kolonisierungsplan mit deutschen Einwanderern entwirft.

 

Deutsche Einwanderer in Chile: Die ersten 40 Kolonisten kamen 1846 an. Später waren es schon Tausende. Sie prägten vor allem den Süden des Landes nachhaltig.

Im Jahr 1841 reist Philippi nochmals nach Chile und bereist die Gegend von Valdivia, Osorno und Chiloé, um das Gelände und die klimatischen Bedingungen für eine Einwanderung zu erforschen und zu testen. Im Januar 1842, von Melipulli aus kommend, entdeckt er den Llanquihue-See wieder, dessen Umrisse von Urwald verdeckt wurden. Die Eingeborenen waren zuvor nach Westen geflüchtet aus Furcht vor den «bösen Geistern». Ausbrüche der Vulkane Osorno – damals «Hueñauca» genannt – Calbuco und das gefährlichen Auf- und Absteigen des Wasserpegels des Llanquihue-Sees dürften die Gründe gewesen sein.

Auf dieser Fahrt reift sein Entschluss, deutsche Immigranten hierher zu bringen. Er bespricht die Angelegenheit mit dem Intendant von Chiloé, Domingo Espiñera, zeichnet Karten und legt der Regierung einen konkreten Plan vor. Diese hatte sich bereits seit 1838 auf Vorschlag der Sociedad Nacional de Agricultura mit dem Thema befasst.

Auch in dieser selben Zeit schreibt Bernardo O’Higgins von Lima aus an englische Autoritäten, um sie davon zu überzeugen, die Durchfahrt von Seglern durch die Magellanstraße mit Dampfschiffen als Schlepper zu erleichtern. Zudem schlägt er vor, europäische Immigranten in der Gegend anzusiedeln und damit den patagonischen Indianern aus ihrer Armut zu helfen.

In anderen Briefen erwähnt er seine Besprechungen über dieses Thema mit General Bulnes. Dieser weilte nach dem Sieg der chilenischen Truppen im Krieg gegen das peruanisch-bolivianische Bündnis von 1839 als Besucher auf der Hazienda Montalván. Die Regierung unter General Manuel Bulnes versuchte inzwischen auch, im Jahr 1842 durch einen gewissen Mr. Dow englische Kolonisten nach Chile zu locken, leider erfolglos.

Auch in seinem letzten Brief vom Juli 1852 schreibt Philippi ausführlich an Präsident Manuel Bulnes über die absolute Notwendigkeit, sich um die Kolonisation der südlichen Gegend zu kümmern, ganz besonders die Zone um die Magellanstraße. Bis zu seinem Tode am 27. Oktober 1952 lässt ihm dieses Thema keine Ruhe. Sogar seine letzten Worte «Magallanes, Magallanes» sprechen von diesem Traum und den Wunsch, ihn zu verwirklichen.

 

Bernhard Eunom Philippi (1811-1852)

Die deutsche Einwanderung

Doch zurück zum Jahr 1843. Philippi meldet sich freiwillig, an der Fahrt der «Ancud» teilzunehmen, um die Magellanstraße zu besetzen und als chilenisches Hoheitsgebiet in Anspruch zu nehmen. Präsident Manuel Bulnes und sein Innenminister Manuel Montt schätzen den Deutschen sehr, er bekommt die chilenische Staatbürgerschaft verliehen und wird zunächst Hauptmann, später Major der Militäringenieure im Heer und zuletzt sogar Oberstleutnant und Adjutant des Präsidenten («Edecán honorario»). Seine Ideen und Pläne werden auf höchster Instanz vorgetragen und besprochen.

Der Ursprung dieser Kolonisationsidee und die Rolle, die dabei Ambrosio und Bernardo O’Higgins spielten, sind weniger bekannt. Dagegen wird die deutsche Einwanderung in vielen Büchern und Artikeln ausführlich beschrieben. An dieser Stelle sei nur einiges kurz darüber erwähnt.

Die Regierung bringt 1845 ein Kolonisationsgesetz heraus. Philippi schreibt an seinen jüngeren Bruder Rudolph Amandus in Kassel und schon 1846 kommen auf dem Segler «Catalina» die ersten neun deutsche Familien mit 40 Personen nach Chile, die sich in der Gegend zwischen Osorno und Valdivia ansiedeln.

Später im Jahr 1848 wird Philippi als Kolonisationsagent in Deutschland ernannt. Er trägt dazu bei, dass gemeinsam mit den Anstrengungen von Vicente Pérez Rosales bis zu dem Jahr 1875 insgesamt 8.000 deutsche Einwanderer nach Chile kommen. Ungefähr die Hälfte davon lässt sich in den Provinzen Valdivia, Osorno und Llanquihue nieder. Die Gegend ist selbst nach 150 Jahren noch von dieser deutschen Präsenz geprägt.

Die beinahe vollständige Liste dieser Einwandererfamilien mit Angabe des Datums, des Schiffnamens und dem Ansiedlungsort werden in dem Buch «Documentos sobre la Colonización del Sur de Chile» von Emil Held beschrieben. In dem gleichen Buch ist auch in einer kurzen ungenauen Angabe von irischen Einwanderer die Rede, die angeblich in der Gegend südlich vom Llanquihue-See ihre Parzellen bekamen, aber schon bald wieder abrückten, «weil die Gegend zu waldig war und zuviel Arbeit bedeutete».

 

Aufnahme aus Ercilla: Auch aus der Schweiz wanderten Bürger nach Chile ein.

Weitere Siedlungen

Nach dem Erfolg der deutschen Einwanderung im Süden waren auch die nächsten Regierungen weiter daran interessiert, europäische Immigranten nach Chile zu bringen. So wurde im Jahr 1882 eine Agentur in Paris mit Zweigstellen in Deutschland, Schweiz, Frankreich, Holland, Belgien und Italien ins Leben gerufen, um Kolonisten hauptsächlich in der Region Araucanía anzusiedeln.

Man bedenke, dass erst in jenem Jahr ein Friedensvertrag mit den Araukanern unterschrieben wurde. Die Agentur verbuchte große Erfolge, so dass schon im nächsten Jahr über 3.000 Immigranten ankamen. Den Löwenanteil darunter machten Deutsche und Schweizer aus.

Einzelheiten zu dieser Einwanderung sind in den vor Kurzem erschienenen Büchern zu lesen; und zwar «Inmigración suiza en Chile en el siglo XIX por su propia fuerza» von Rosario Montt de Etter und «Historia de la Colonización alemana en la Frontera» von Lotte Wagner. Diese Einwanderer haben dort eine außerordentlich markante Arbeit geleistet, verbunden mit vielen Entbehrungen und einer nicht zu unterschätzenden Gefahr durch eine kleine Anzahl Einheimischer, die sich in ihrem früheren Eigentum bedroht fühlen.

Die erfolgreiche Ansiedlung der Immigranten trugen dazu bei, dass sich in den nächsten Jahren weitere kleine «deutsche Kolonien» bildeten, zum Beispiel Humán bei Los Angeles im Jahr 1860 (siehe «La colectividad chileno-alemana en Los Ángeles» von Agnes Brachmann de Bornhardt), Contulmo am Lanalhue-See im Jahr 1883 («Dornröschenkolonie»), Huillinco und Quetalmahue in Chiloé (1895), Hueful-Comuy am Tolténfluss (1906), Peñaflor (1929), Puyuhuapi in Aysén (1935) und La Serena (1949).

Auch nicht zu vergessen sind die deutschsprechenden Österreicher, die 1875 in der Nähe von Puerto Varas im Andenken an ihre alte Heimat das Nueva Braunau gründeten. Alle diese Siedlungen wären einer näheren Besprechung wert, denn die Nachkommen sind stolz auf ihre Herkunft und auch stolz darauf, zum Aufstieg ihrer neuen Heimat Chile beigetragen zu haben.

Als Letztes möchte ich noch die vielen europäischen Einwanderer in Punta Arenas erwähnen (siehe «Los alemanes en la Patagonia chilena» von Mateo Martinic), deren Präsenz in dieser Gegend Bernardo O’Higgins bis zu seinem Tode beschäftigte und unter denen es viele Deutsche gab und gibt. Philippi wurde im Mai 1852 zum Gouverneur der Region Magallanes ernannt. Obwohl er dafür bekannt war, dass er überall mit den Einheimischen gut zurecht kam, gelang es ihm nicht, die Beziehung zwischen Einheimischen und aufständischen Siedlern zu normalisieren. In einem Racheakt wurde er in den Hinterhalt gelockt und erschlagen.

 

Bruno Siebert

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