Chlodwig, der erste «europäische» König

Chlodwig
Chlodwigs Eroberungen bis zum Jahr 511: Der fränkische König aus der Dynastie der Merowinger unterwarf alle anderen fränkischen reges und weitere germanische Stämme. Er wird als Begründer des Frankenreichs angesehen, zu dessen Hauptstadt er Paris machte.

Es sind 1535 Jahre vergangen, seitdem der Frankenkönig Chlodwig das Geschick Zentraleuropas maßgebend bestimmte. Im Jahre 482 trat er die Herrschaft im Norden des römischen Galliens an, indem er den Thron seines Vaters Childerich I. (457/458-482) beerbte.

Von Peter Downes

Während die Franzosen ihren «Clovis» als ersten französischen König seit Langem feiern, fiel es den Deutschen lange Zeit schwer, wie sie mit diesem Merowingerkönig umgehen sollten. Streng genommen ist dieser Frankenherrscher weder Franzose noch Deutscher, denn von einem entsprechenden Nationalgefühl kann man im Frühmittelalter keinesfalls reden.

Eine Aufteilung des Frankenreiches in Ost- und Westfrankenreich erfolgte erst im Vertrag von Verdun (843), in dem man allenfalls den Anfang einer geographischen Sonderentwicklung der beiden Frankenreiche ansetzen kann, das heißt von den Wurzeln einer getrennten französischen und deutschen Geschichte sprechen könnte. Warum nun aber soll hier an Chlodwig erinnert werden?

Chlodwig ist der erste Frankenkönig, der die verschiedenen fränkischen Teilherrschaften (Kleinkönige mit ihren Sitzen in Tournai, Cambrai, Köln, Le Mans und Arras) zu einem vereinten Reich der Franken führte. Mehr noch, Chlodwig setzte dem Weströmischen Reich sein definitives politisches Ende, als er 486 den letzten – wenn auch nur selbsternannten – römischen Heerführer (den Gregor von Tours in seiner Historiarum ibri decem als «König der Römer» (rex romanorum) bezeichnet) Syagarius in einer einzigen Entscheidungsschlacht bei Soissons besiegte.

Es folgten Auseinandersetzungen mit Thüringern, Alemannen und Burgundern. Einen entscheidenden Sieg errang Chlodwig wohl in 497 oder erst 498 bei Tolbiac (Zülpich) gegen die Alemannen. Mit dieser Schlacht verbindet der Geschichtsschreiber und Bischof Gregor von Tours die «endgültige» Bekehrung Chlodwigs zum katholischen Glauben, der Religion der Mehrheit seiner galloromanischen Untertaten; ein Schritt von tiefgreifender Auswirkung auf den Verlauf der Geschichte Zentraleuropas.

Taufe Chlodwigs. Französiche Buchmalerei von 1375.

Im zweiten Buch seiner Geschichte über die Franken lesen wir: «Die Königin (Chrodechilde) aber ließ nicht ab in ihn zu dingen, dass er den wahren Gott erkenne und ablasse von den Götzen. Aber auf keine Weise konnte er zum Glauben bekehrt werden, bis er endlich mit den Alemannen in einen Krieg geriet: da zwang ihm die Not zu bekennen, was sein Herz vordem verleugnet hatte. Als die beiden Heere zusammenstießen, kam es zu einem gewaltigen Blutbad, und Clodovechs Heer war nahe daran völlig vernichtet zu werden. Als er das sah, erhob er seine Arme zum Himmel, sein Herz wurde gerührt, seine Augen füllten sich mit Tränen und er sprach:

‚Jesus Christ, Chrodichilde verkündet, du seiest der Sohn des lebendigen Gottes: Hilfe, sagt man, gebest du den Bedrängten, Sieg denen, die auf dich hoffen – ich flehe dich demütig an um deinen mächtigen Beistand: gewährst du mir jetzt den Sieg über diese meine Feinde und erfahre ich so jene Macht, die das Volk, das deinem Namen sich weiht, an dir erprobt zu haben rühmt, so will ich an dich glauben und mich taufen lassen auf denen Namen. Denn ich habe meine Götter angerufen, aber, wie ich erfahre, sind sie weit davon entfernt, mir zu helfen. Ich meine daher, ohnmächtig sind sie, da sie denen nicht helfen, die ihnen dienen. Dich nun rufe ich an, und ich verlange, an dich zu glauben; nur entreiße mich aus der Hand meiner Widersacher.’

Und da er solches gesprochen hatte, wandten die Alemannen sich und fingen an, zu fliehen. Als sie aber ihren König getötet sahen, unterwarfen sie sich Chlodovech und sprachen: ‚Lass, wir bitten dich, nicht noch mehr des Volkes umkommen; wir sind ja dein.’ Da tat er dem Kampfe Einhalt, ermahnte das Volk und kehrte in Frieden heim; der Königin aber erzählte er, wie es Christi Namen angerufen und so den Sieg gewonnen habe. (Das geschah im fünfzehnten Jahr seiner Regierung).»

In gewisser Weise klingt hier ein Vergleich mit der Entscheidungsschlacht des römischen Kaisers Konstantins des Großen an, der im Jahre 312 seinen Rivalen Magentius an der Milvischen Brücke schlug und damit die sogenannte konstantinische Wende (die Tolerierung der christlichen Religion im Römischen Reichen) einleitete.

Der Sieg Chlodwigs gegen die Alemannen im Jahre 497 (wenn es denn im 15. Jahr seiner Regierung stattfand) bildete gleichsam einen Schlusspunkt im Bekehrungsprozess des Frankenkönigs. Sogleich nahm er heimlich Kontakt mit dem Bischof von Reims, Remigius, auf, um durch eine Katechese seine Taufe vorzubereiten. Am Weihnachtsfest im Jahre 497 (Historiker sind sich uneins bei der Datierung, so dass auch Spätdatierungen der Taufe bis zum Jahr 506 vertreten werden), also vor 1520 Jahren, wurde Chlodwig dann mit 3.000 Gefolgsleuten (seinem Heergefolge) in Reims christlich getauft.

Ob seine Bekehrung von einem polytheistischen heidnischen Glauben, sei sie römischer Prägung, wie Gregor von Tours mit der Erwähnung der römischen Götter andeutet, oder als synkretistische Form fränkischer und römischer Kulte, oder schließlich als ein «politischer» Arianismus mit heidnischen Elementen zum katholischen Glauben verlief, wird von der Forschung unterschiedlich bewertet.

Hier ist aber entscheidend, dass Chlodwig die Entscheidung eines religiösen Identitätswandels wohl bereits vor der Schlacht von Zülpich andachte. Zumindest findet es seinen Ausdruck in der Taufe seiner beiden Söhne Ingomer († vor 497) und Chlodomer († 524), wobei Ingomer tragischer Weise noch im Taufkleid verstarb. Chlodwig hatte die Taufe, das heißt einen Bekenntnisakt in der Religion seiner Frau zugelassen, womit er zum Ausdruck brachte, dass damit die Zukunft der Franken in einer kulturell-religiösen Gemeinschaft mit der gallisch-römischen Bevölkerung vorgezeichnet wurde.

Zudem erfahren wir durch Briefe, sowie durch Gregor von Tours und anderen Chronisten, dass Chlodwig bereits seit seinem Herrschaftsbeginn mit Bischöfen in Kontakt stand, denn diese bildeten in der Spätantike nicht nur die religiösen Autoritäten, sondern waren auch politisch einflussreiche Amtsträger. Chlodwig war ein «romanisierter» Franke, der wie sein Vater zuvor eine militärische Anerkennung vom oströmischen Kaiser genoss und als Föderierter in der Machtstruktur des Imperiums eingebunden war. Die einheimische Bevölkerung musste sich daher mit diesem «germanischen Barbaren» arrangieren, vor allem aber, als er sich durch seine Schlachtenerfolge eine steigende Anerkennung und Machtstellung sicherte.

Seine Bekehrung zum Katholizismus, der Konfession der großen Mehrheit der einheimischen galloromanischen Bevölkerung, bedeutete ein klares Signal: es war die kulturell-religiöse Annährung an die Untergebenen und die Öffnung in Richtung einer «Zivilisierung» und eines Identitäts- und Kulturwandels der Franken und der Bildung einer neuen Volksgemeinschaft, wo die Unterschiede zwischen Galliern, Römern und Franken langfristig verschmolzen und sich aufhoben.

Zudem unterschieden sich die Franken fortan auch konfessionell von den anderen germanischen Reichen, vor allem gegenüber den Burgundern, Westgoten und Ostgoten, die Arianer waren und damit kulturell-religiös einen kultischen und ethnischen Unterschied zu den ihren untergebenen Völkern pflegten und betonen.

Eine Schlacht soll hier noch erwähnt werden, da sie zumindest im Nachhinein religiös oder konfessionell begründet wurde. Chlodwig legitimierte, so zumindest Gregor von Tours, die Schlacht von 507 (also vor 1510 Jahren) bei Vouillé (oder nach neusten Forschungen wahrscheinlicher bei Voulon, südlich von Poitiers) gegen die Westgoten unter Alarich II. als einen Glaubenskrieg: die katholischen Franken und Gallo-romanen gegen die häretischen westgotischen Arianer.

Mag es auch eher eine Taktik gewesen sein, um den schon länger bestehenden Expansionskrieg der Franken in Richtung Süden Galliens zu rechtfertigen und die einheimische katholische Bevölkerung unter der Westgotenherrschaft für sich zu gewinnen oder zumindest die religiöse Unterstützung der katholischen Bischöfe im Feindesgebiet zu erlangen, so stellt dieser Sieg Chlodwigs zweifelslos eine Weichenstellung in der frühmittelalterlichen europäischen Geschichte dar. Zentraleuropa sollte fortan unter fränkischer Leitung gestaltet werden. Die Goten sollten fortan eher eine geschichtliche Nebenrolle spielen.

Als Chlodwig 511 verstarb, hatte er nahezu ganz Gallien unter seine Herrschaft gebracht und hinterließ seinen Söhnen und Nachkommen ein stabiles Reich, dass ab 750 dann durch die zweite fränkische Dynastie, die Karolinger, sogar noch höhere Bedeutung erlangen sollte.

Frankreich und Deutschland sind mit diesem ersten «europäischen» König, dem Franken Chlodwig, eng verbunden. Und wenn man sich heute Sorgen um die Zukunft der europäischen Staatengemeinschaft macht, dann wird es vor allem vom politischen Handeln Frankreichs und Deutschlands abhängen, inwieweit die Vereinigung Europas und das Zusammenwachsen der verschiedenen Kulturen und Völker glücken.

Die Geschichte Chlodwigs ist gleichsam bedeutend für die Franzosen wie für die Deutschen und die Beschäftigung mit diesem ersten König der (aller) Franken ist und bleibt faszinierend.

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