Buch-Vorstellung über die «Dresden»: «Das Schicksal der Mannschaft hat mich berührt»

Kommende Woche (Donnerstag, 7. April, um 19.45 Uhr) wird beim Deutsch-Chilenischen Bund das Buch «Wie der Erste Weltkrieg nach Chile kam» vorgestellt. Cóndor-Chefredakteur Arne Dettmann sprach vorab mit Rüdiger May, der darin viele Details zur Geschichte des «Kleinen Kreuzers Dresden» recherchierte.

Die "Dresden" im damaligen Kaiser-Wilhelm-Kanal: Der Kleine Kreuzer der kaiserlichen Marine wurde am 5. Oktober 1907 bei Blohm & Voss in Hamburg gebaut.
Die „Dresden“ im damaligen Kaiser-Wilhelm-Kanal: Der Kleine Kreuzer der kaiserlichen Marine wurde am 5. Oktober 1907 bei Blohm & Voss in Hamburg gebaut.

Cóndor: Im März vergangenen Jahres reiste der damalige deutsche Botschafter zusammen mit einer Delegation des DCBs auf einem Schiff der chilenischen Marine zum Juan-Fernández-Archipel, um dort der Selbstversenkung der «Dresden» vor 100 Jahren zu gedenken. Es gab dazu eine Wanderausstellung. Nun kommt ein Buch heraus. Warum?

Rüdiger May: Zunächst gab es den Wunsch vieler Ausstellungsbesucher nach einem Ausstellungskatalog, also einer Dokumentation. Im Verlauf sind außerdem viele interessante Fragen aufgetaucht, auf die wir nun versucht haben Antworten zu finden. Gab es wirklich einen Schatz an Bord der «Dresden»? Und wenn ja, wo liegt dieser nun? Befand sich der Kreuzer tatsächlich im chilenischen Fjord von Quintupeu, wo er sich vor englischen Verfolgern versteckte? Warum unterlag eigentlich die britische Seemacht damals im Gefecht vor Coronel gegen die Deutschen? Hatte sie Munitionsprobleme? Und wieso ließ sich umgekehrt Maximilian Reichsgraf von Spee nach diesem fulminanten Sieg dann auf eine Schlacht bei den Falklandinseln ein, bei der die «Scharnhorst», «Gneisenau», «Leipzig» und «Nürnberg» versenkt wurden, mehr als 2.000 deutsche Marinesoldaten starben und auch Spee samt seinen beiden Söhnen fiel? Jenseits aller Heldenverehrung kann man heute berechtigterweise fragen: Hat der Kommandant alles richtig gemacht? Wie war genau der Ablauf des Gefechtes?

Rüdiger May, geboren 1949, studierte Politik, Wirtschaft und Soziologie. Der Hobby-Historiker lebt derzeit in Chile.
Rüdiger May, geboren 1949, studierte Politik, Wirtschaft und Soziologie. Der Hobby-Historiker lebt derzeit in Chile.

Und es gibt weitere Fragen: Wie kam es eigentlich, dass ein deutsches Kriegsschiff, Baujahr 1907, mit englischen Parsons-Turbinen ausgestattet wurde, die es der «Dresden» schließlich erlaubten, als einziges Schiff der Vernichtung des gesamten deutschen Ostasiengeschwaders durch die Engländer zu entkommen? Welche Rolle spielten die Deutschen Albert Pagels und Harry Rothenburg in Punta Arenas bei der Flucht der «Dresden»? Wie genau lief der Beschuss des Schiffes in der Cumberland-Bucht vor der Robinson-Crusoe-Insel ab? Nach der Selbstversenkung wurde die Mannschaft der «Dresden» auf der Insel Quiriquina interniert – was ist aus ihnen geworden? Und war das die einzige Internierung von deutschen Schiffen?

Wie lautet die Antwort auf die letzte Frage?

Außer der «Dresden» waren im Ersten Weltkrieg 83 Schiffe in Chile interniert. Und es hat mich einiges an Schweiß gekostet, das herauszufinden.

Wo und wie haben Sie recherchiert?

Ich habe die relevanten Archive in Freiburg, Hamburg, Berlin und Valparaíso durchforstet. Eine freie Mitarbeiterin hat das Hamburger Staatsarchiv «durchwühlt», wo die Unterlagen der Bauwerft Blohm & Voss aufbewahrt werden. Ich besuchte aber auch die damaligen Schauplätze und bin beispielsweise mit einem gemieteten Boot den Quintupeu-Fjord abgefahren, um die Stelle ausfindig zu machen, wo die «Dresden» Unterschlupf gefunden haben mag. Natürlich war ich auch auf Quiriquina.

Wer half dem Schiff damals bei der Flucht?

Bei der Flucht halfen Pagels und – eingeschränkt – Rothenburg. Beim Flottmachen des Kreuzers war die Familie Oelckers aus Calbuco hilfreich, die über vier große Dreimastsegler sowie eine Werft samt Schmiede verfügte. Und auch die Familie Hoffmann von der Isla Tenglo besaß eine Schmiede. Dort fanden Treffen mit Besatzungsmitgliedern der «Dresden» statt. Ein altes Steinhaus, das jetzt mit Büschen überwachsen ist, sowie Reste einer Cidre-Brauerei und zwei Kalkbrennereien sind heute noch zu sehen. Diese beiden Familien halfen bei der Reparatur der Maschinen. Die Kesseldeckel waren nämlich aufgrund der permanenten Höchstleistung während der Flucht verzogen und die Roste verklebt. Die Turbinen selbst zu reparieren wäre übrigens technisch völlig undenkbar gewesen. Abgesehen davon wies die «Dresden» auch keinen Maschinenschaden auf.

Foto der "Dresden" vom 14. März 1915, gegen 10 Uhr in der Cumberland-Bucht.
Foto der „Dresden“ vom 14. März 1915, gegen 10 Uhr in der Cumberland-Bucht.

Was fasziniert Sie an der Geschichte der «Dresden»?

Generell faszinierend ist natürlich, wie sich hier in Chile, sozusagen am Rande der Welt, der Erste Weltkrieg abgespielt hat. Das Wrack der «Dresden» wurde von Chile immerhin zum nationalen Monument erklärt.

Besonders berührt hat mich aber auch das Schicksal der Mannschaft. Beim Vergleich von Besatzungslisten ist mir aufgefallen, dass einige Matrosen der berühmten Flying-P-Liner (Segelschiffe der Hamburger Reederei F. Laeisz; Anmerk. d. Red.) auf die Ostasienflotte von Graf Spee wechselten und zwei von ihnen auf der «Dresden» fuhren. Aber auch das gesamte Leben von Albert Pagels, dessen jüngsten Sohn Gerd – er ist 93 Jahre alt – ich in Punta Arenas aufgesucht habe, wäre alleine schon ein Buch wert.

Was erwartet den Leser beim «Dresden»-Buch?

Nach anderthalb Jahren Recherche ist ein Werk mit 380 Seiten zusammen gekommen, verfasst auf Deutsch und Spanisch, mit Fotos und teilweise bisher nie gezeigten Dokumenten in schwarz-weiß. Im Anhang befinden sich eine Liste der Mannschaft, der Internierten und des Freundeskreises der «Dresden» sowie der Abdruck der «Quiriquina-Zeitung», der offizielle Bericht über den Untergang des Schiffes an den Reichskanzler sowie bibliographische Hinweise. Der Hauptteil umfasst neun Fachartikel, von denen ich sechs verfasst habe. Der Militärattaché der deutschen Botschaft, Lothar Likus, schreibt zudem über das historische Erbe der «Dresden», Jorge Schaerer, Vorsitzender der Hermanos del Mar, über das Seegefecht bei Coronel, und Ricardo Hepp, Präsident des chilenischen Presseverbandes, widmet sich speziell der Flucht der «Dresden» in den chilenischen Fjorden.

Jürgen Leibbrandt hat erfolgreich eine Sponsorengruppe geworben, die das Projekt finanziert, die Autoren lieferten kostenlos Bei der Buchpräsentation werden wir 200 Exemplare vorrätig haben, der Preis beträgt 25.000 Pesos. Am 1. Juni soll auf Anregung des deutschen Botschafters Rolf Schulze, der das Vorwort verfasst hat, das Buch auch im Marinemuseum von Valparaíso vorgestellt werden. Und natürlich wird es auch frei im Handel zu bekommen sein.

Übrigens: Auch wenn das Buch umfangreich ist und viel Recherchearbeit drin steckt: Es ist noch genug Raum für kommende Historiker-Generationen, einige noch immer offene Fragen zu klären.

Die 155 kg schwere Schiffsglocke wurde 2006 von Tauchern geborgen.
Die 155 kg schwere Schiffsglocke wurde 2006 von Tauchern geborgen.

Eine letzte Frage: Wo sollten wir nach dem sagenumwobenen Schatz der «Dresden» suchen?

Es gibt ja zwei Romane, die hierzu detaillierte Angaben machen, aber es sind halt Romane! Ich muss Sie leider enttäuschen. Ein Schatz ist nach meinen Recherchen definitiv nicht an Bord gewesen. Es wurden genügend Tauchgänge in 69 Meter Tiefe zum Wrack unternommen – man hat nichts gefunden. Auch in den Konsulatsakten im Auswärtigen Amt findet sich nicht ein einziger Hinweis auf einen möglichen Schatz. Ich bin bei der Recherche auf vieles gestoßen, aber es gab keinen Fall, dass die deutsche Botschaft in Mexiko oder dortige Konsulate gebeten wurden, Wertgegenstände der dortigen deutschen Bürger anzunehmen, als das Schiff im Januar 1914 in Veracruz lag und in Mexiko Bürgerkrieg herrschte. Ebensowenig fand sich im Marine-Archiv in Freiburg eine diesbezügliche Stelle oder Anmerkung in den Dokumenten. Und es wäre letztendlich auch kaum wahrscheinlich, dass ein preußischer Offizier und Kapitän damals auf Bitten von Reichsdeutschen auf eigene Kosten und Risiko derartige Wertgegenstände angenommen hätte.

Herr May, wir bedanken uns für das Gespräch.

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3 Comments

  1. Schultheis

    Würde mich uns sehr freuen, wenn das GI Chile ein Belegexemplar bekommen würde, könnten dann das Buch in unseren Bestand aufnehmen!
    Herzliche Grüße aus der GI Bibliothek
    Alexander H.T. Schultheis M.A. ; Dipl.-Bibl.

  2. KARL-HEINZ Gottschalk

    Guten Tag,
    nachdem ich das Buch: Tras la Huella del Dresden von der Autorin Maria Teresa
    Parker de Bassi auf Spanisch gelesen habe,+ danach Odyssee ohne Wiederkehr
    auf Deutsch gelesen habe,und dann selber auf der Insel Juan Fernandez für
    ein paar Tage selber dort war,können Sie vielleicht verstehen,das ich sehr gerne
    und unbedingt das buch DAS SCHICKSAL DER MANNSCHAFT HAT MICH
    BERÜHRT gerne haben möchte. Wie komme ich zu dem Buch ??

    Schöne Grüße aus Berlin: Karl-Heinz Gottschalk

  3. Fönings

    Auch ich habe großes Interesse an dem Buch! Mein Großvater war Obermatrose auf der Dresden.

    Beste Grüße aus Leipzig
    Steffi Fönings

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