Wien – Perle an der Donau

Stur, etwas derbe in der Mundart, aber stets mit einem feinen, listigen Humor versehen – das ist das Klischee, dass im In- und Ausland von den Bewohnern der österreichischen Hauptstadt besteht. Der Wiener Schmäh ist ein geflügeltes Wort für charmanten Spott proletarischen Ursprungs. Wien, Hauptstadt und Bundesland zugleich, zählte einst zu den bedeutendsten und größten Städten der Welt. Heute eilt der Donaustadt der Ruf einer kosmopolitischen und diplomatisch bedeutsamen Metropole voraus.

Der Wiener Stephansdom ist ein weltberühmtes Bauwerk und wird auch als österreichisches Nationalheiligtum bezeichnet.

 

Es ist noch gar nicht allzu lange her, da wurde Wien in einem Atemzug mit Weltstädten wie New York, London oder Paris genannt. Um 1910 zählte die österreichische Metropole zu den bevölkerungsreichsten und modernsten Metropolen überhaupt.

Seit jenen Tagen zu Beginn des letzten Jahrhunderts ist ohne Zweifel viel Wasser die Donau hinunter geflossen. Die geopolitische Metropolbedeutung, die Wien als Hauptstadt und Amtssitz einer Monarchie von einstigem Weltruhm innehatte, hat sich gewandelt.

Zentren mit explosionsartigem Bevölkerungswachstum in Asien und Lateinamerika belegen längst die vorderen Plätze unter den Großstädten und Handelszentren der Welt. Doch in anderen Statistiken verteidigt die österreichische Hauptstadt auch weiterhin ihren Spitzenplatz. Hinsichtlich der Lebensqualität ihrer Bewohner liefert sich Wien seit Jahren ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit den schweizerischen Metropolen Zürich und Genf um die vordere Position in einschlägigen global erhobenen Rankings.

 

Aktualität und Wiener Moderne

Innerhalb Österreichs ist Wien allerdings auch weiterhin eine Stadt im demographischen Superlativ. Rund 1,7 Millionen Menschen leben aktuell in Wien. Die österreichische Hauptstadt ist die bevölkerungsreichste Metropole des Landes.

Als eines von insgesamt neun Bundesländern in Österreich ist der Großraum Wien auch der Ballungsraum schlechthin. Mehr als 2,4 Millionen Menschen und damit über ein Viertel aller Landesbewohner leben hier. Im europäischen Vergleich belegt die Stadt damit aktuell den achten Platz.

In institutioneller und diplomatischer Hinsicht zählt Wien heute zu den politischen Zentren Europas und der Europäischen Union (EU). Institutionen wie die Vereinten Nationen (UN), die Vereinigung erdölexportierender Länder (OPEC), die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) und die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) haben sich mit eigenen Büros in der Stadt eingerichtet.

Doch nicht nur ihre aktuelle, vor allem institutionelle Bedeutung erhebt Wien auch weiterhin zur Weltstadt. Auch in historischer Hinsicht zählt die Donauperle zum erlauchten Kreis der ewigen Städte. Musikalische Größen ihrer Zeit wie Mozart, Beethoven und Joseph Haydn haben Wien durch ihr Schaffen geprägt, machten die Wiener Klassik zu einem Synonym für die musikalische Hochkultur europäischer Prägung und bescherten ihr zeitlosen Ruhm.

Auch der architektonische Nachlass der einstigen kaiserlichen Residenzstadt, darunter Weltkulturerben wie das Schloss Schönbrunn und die kaiserliche Spanische Hofreitschule, haben Wien über die österreichischen Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht.

Als Hort und Wiege der Feinen Künste und Wissenschaften beherbergt die Stadt die älteste bis heute bestehende Universität im deutschen Sprachraum. Kein Geringerer als Sigmund Freud, der Begründer und intellektuelle Urheber der modernen Psychoanalyse, zählte zu ihren prominentesten Professoren.

Die kulturelle Hochzeit und geistige Vormachtstellung Wiens im nationalen als auch internationalen Kontext um 1900 herum prägte die Epoche unter dem Schlagwort der Wiener Moderne.

 

Hochburg des Römischen Reiches

Die privilegierte Lage des Wiener Beckens entlang dem Lauf der Donau führte schon während der Jungsteinzeit zu kontinuierlicher Besiedlung.

Erstmals namentlich erwähnt wurde Wien im Jahr 881. In den Annalen der Stadt Salzburg taucht im Zusammenhang mit einer Schlacht gegen die Magyaren die Bezeichnung «ad Vveniam» auf (übersetzt: bei Wenia). Diese Schreibweise wird etymologisch auf den kelto-romanischen Namen Vedunia zurückgeführt. Ihr entspricht die Bedeutung Waldbach, gemeint ist der rund 34 Kilometer lange Wienfluss, der im Wienerwald entspringt und im Wiener Stadtbereich in die Donau mündet.

Die Anfänge der städtischen Geschichtsschreibung im Wiener Becken gehen auf die Besiedlung der Region durch die Römer ab dem 1. Jahrhundert nach Christusgeburt zurück. Sie übernahmen die ehemalige keltische Siedlung Vindobona und bauten sie zum Grenzposten ihrer Provinz Pannonien aus.

Deren Kasernen und Residenzbauten waren aus robusten Grundstoffen wie Lehm- und Gesteinsmaterial errichtet. Überreste dieser Epoche blieben über Jahrhunderte erhalten und wurden in der Moderne in Ausgrabungen wiederentdeckt und freigelegt.

Die Grenzmark im damaligen Norden des noch expandierenden Römischen Reiches war für die Römer selbst von großer strategischer Bedeutung, auch wegen ihrer versorgungs- und handelstechnisch günstigen Lage am Donaustrom. Auch römische Kaiser blieben ihr nicht fern. Marcus Aurelius fand hier während eines Feldzugs gegen die Markomannen im Jahr 180 n. Chr. sein Totenbett.

Nur wenige Jahre später wurde die Siedlung zum römischen Municipium ernannt und diente dem Reich bis ins 5. Jahrhundert hinein als Siedlungsraum.

 

Aufstieg zur Metropole

Im Zuge der Völkerwanderung im ausklingenden 4. und 5. Jahrhundert war die Region sowohl von germanischen Stämmen als auch durch Slawen und dem asiatischen Reitervolk der Awaren besiedelt.

Zur Mitte des 6. Jahrhunderts entstand die erste bairische Stammesdynastie der Agilofinger, die ihr Herrschaftsgebiet bis ins heutige Südtirol hinein erweiterten. Nach der Einverleibung des Herzogtums Baiern ins Reich des Frankenkönigs Karl des Großen im späten 8. Jahrhundert zählte die Region rund hundert Jahre später zum Ostfrankenreich.

Frieden kehrte jedoch auch damit nicht ein. Denn zu Beginn des ersten Millenniums wurde der Raum durch das Reitervolk der Ungarn erobert. Erst König Otto der Große konnte die Region aus den Händen der Invasoren befreien.

Wien entwickelte sich zu einem zentralen Handelspunkt, wurde Hauptstadt des Herzogtums und sein Herrschaftssitz. Aus dieser Zeit bis hinein ins 13. Jahrhundert sind immer wieder verheerende Feuersbrünste belegt, die der Entwicklung der Stadt erheblichen Schaden zugefügt haben. Doch ihr Aufstieg war unaufhaltsam. Die Stadt war jahrhundertelang kaiserliche Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburger und damit als Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches ein kulturelles und politisches Zentrum Europas.

Gescheiterte Eroberungsversuche durch das Osmanische Reich in den Jahren 1529 und 1683 festigten den christlich abendländischen Charakter der Stadt und prägten fortan auch ihre architektonische Kultur.

Einer, der Wien schließlich dennoch einnehmen konnte, war Napoleon. Gleich zweimal (1805 und 1809) fielen die Franzosen in Wien ein. Erst die Befreiungskriege machten Wien erneut zur freien Stadt. Während des 19. und bis hin zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlebten die Donaumonarchie und insbesondere ihr Zentrum Wien einen beinahe beispiellosen kulturellen, wirtschaftlichen und geistigen Aufschwung. 1837 war der Wiener Prater Schauplatz für die Weltausstellung, und um 1900 wurde Wien erstmals zur Millionenstadt.

«Anschluss» und Besetzung

Der Erste Weltkrieg führte zwar nicht zu unmittelbarer Bedrohung Wiens, jedoch mit zunehmender Kriegsdauer zu einer verheerenden Versorgungskrise. Das Ende des „großen Krieges“ war auch das Ende Österreich-Ungarns. Am 30. Oktober 1918 entstand der neue Staat Deutschösterreich (ab Oktober 1919 Republik Österreich genannt). Am 11. November gab Kaiser Karl I. eine Verzichtserklärung ab und verließ am selben Tag Schloss Schönbrunn und damit Wien; am 12. November 1918 wurde vom Parlament in Wien die Republik ausgerufen.

Im am 10. November 1920 in Kraft getretenen Bundes-Verfassungsgesetz, dem Kern des österreichischen Verfassungsrechts, wurde Wien als eigenes Bundesland definiert, das es bisher – ausgenommen die Zeit 1934–1945 – auch bildet. Am 12. März 1938 ließ Adolf Hitler, 1933 zum Reichskanzler bestellt, die deutsche Wehrmacht in Österreich einmarschieren, um hier mit tätiger Mithilfe der österreichischen Nationalsozialisten die austrofaschistische Diktatur durch die NS-Herrschaft zu ersetzen. Ein Tag später erfolgte der sogenannte «Anschluss» Österreichs an das Deutsche Reich.

Während des Zweiten Weltkriegs erfolgten ab dem 17. März 1944 Luftangriffe auf Wien. Dabei wurde rund ein Fünftel der Stadt zerstört. Im April 1945 besetzte schließlich die Rote Armee die Stadt. Ähnlich wie in Berlin wurde Wien in vier alliierte Sektoren aufgeteilt. Am 15. Mai 1955 erlangte Österreich mit dem Österreichischen Staatsvertrag die volle Freiheit zurück. Die Besatzungstruppen zogen bis Herbst 1955 ab.

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