Wiederbelebungskur

Der deutsche Gesangverein «Frohsinn» ist mit 128 Jahren der älteste Chor Chiles. Eine so lange Tradition beeindruckt. Aber vielleicht nicht jeden. Der Vereinsvorsitzender Jaime Pozo kämpft um neue junge Mitglieder.

Jaime Pozo hat Werbeplakate drucken lassen und zieht freudig eines hervor. «Practique alemán cantando» steht darauf, was so viel meint wie «singend Deutsch lernen». Im Goethe-Institut, an mehreren Universitäten in Santiago, an denen Deutschkurse stattfinden, am Lehrerbildungsinstitut (LBI), ja selbst in der Deutschen Klinik will der neue Chorleiter damit Leute ansprechen und für den Chor gewinnen. «Wir wollen versuchen, frisches Blut in unsere Gruppe zu bringen.»

Erneuerung ist ein Begriff, der bisher im Gesangverein praktisch nicht vorkam. Stolze 50 Jahre lang war Rudolf Puschmann mit viel Engagement Vorsitzender des Vereins, erst seit Kurzem hat der 56-jährige Jaime Pozo die Leitung eines Chores übernommen, deren meisten Mitglieder jenseits der 70 sind. Mit 102 Jahren stellt Carlos Militzer den ältesten Chorknaben. Doch der sei aufgrund seines vorgerückten Alters seit einiger Zeit ohnehin nicht mehr aktiv tätig, räumt Jaime Pozo ein. Das jüngste Mitglied ist der 34-jährige Ingenieur Carlos Jorquiera aus Valparaíso.

Angesichts dieser Last der Jahre wird es nicht leicht sein, neue Mitglieder für den Chor zu begeistern, das sei ihm völlig klar. Doch weshalb sollten sich junge Menschen überhaupt für einen vierstimmigen Männer-Verein interessieren, deren Teilnehmer sich zu Konzerten eine rote Fliege umbinden und im schwarzen Anzug alte Volkslieder wie das ostpreußische «Ännchen von Tharau» (17. Jahrhundert) und Heinrich Heines Lied von der Loreley (1837) anstimmen, während man Popstar Justin Bieber doch über das Smartphone hören und sehen kann?

«Selbst zu singen ist eine spirituelle Angelegenheit», erwidert Jaime Pozo. «Wenn du singst, konzentrierst du dich auf deine Betonung, den Text, den Chorleiter. Und dann bleibt keine Zeit mehr, an die persönlichen Sorgen weiterzudenken.» Wenn der Chor immer mittwochs von 20 bis 21.30 Uhr in der Feuerwehrwache «Máximo Humbser» probe, dann bestehe während dieser Zeit die Möglichkeit, dem Alltagsstress zu entfliehen und sich einmal etwas zu widmen, was nichts mit Arbeit, Geld und Konsum zu tun habe.

«Die große und schöne Herausforderung für mich persönlich besteht darin, sich nicht aufs Zuhören zu beschränken, sondern selbst Musik zu machen und diese mit anderen zu teilen.» Jaime Pozo ist seit 1990 im Chor, er hat bei mehreren CD-Aufnahmen mitgewirkt, die Konzerte sind für ihn mehr als nur Unterhaltung und Vergnügen. «Unsere Gesellschaft ist heutzutage sehr von Egoismus geprägt. Doch beim Chor machen wir etwas Gemeinsames, ohne Klassenunterschiede, ohne Diskriminierung der Herkunft», sagt Jaime Pozo, der laut eigenen Angaben ein Vierteil französisches, ein Viertel portugiesisches und eine Hälfte chilenisches Blut in sich vereint.

Aber vielleicht doch mit dem feinen Unterschied zwischen Mann und Frau? Der «Frohsinn» zählt derzeit 18 Mitglieder, in den goldenen 20er bis 40er Jahren waren es sogar einmal 80 – doch bis auf eine Ausnahme zwischen 1971 bis 1976 immer als rein männlicher Gesangverein konzipiert. Warum also nicht jetzt auch Frauen aufnehmen, wo doch jedes neue Mitglied mit Handkuss begrüßt werden müsste?

«Wir haben uns das mehrere Mal überlegt. Aber letztendlich wollen wir dieses Unikum als reinen Männerchor bewahren.»

Und bewahren will der Chor auch die deutsche Sprache. Zwar wird auch chilenisches Liedgut wie «Gorro de Lana» intoniert; und Jaime Pozo zeigt sich ebenfalls nicht abgeneigt, neue, modernere Stücke ins Repertoire aufzunehmen. Doch im Kern sollte auf Deutsch weitergesungen werden.

Zum Beispiel «Abschied vom Walde» von Felix Mendelssohn Bartholdy. Jaime Pozo: «Er starb mit nur 38 Jahren und war ein großer Romantiker. Und auch ein Ökologe. Das ist für mich ein klarer Bezug zur Gegenwart. Man muss sich doch nur einmal den Text vor Augen halten: `Da draußen, stets betrogen, Saust die geschäft’ge Welt, Schlag noch einmal die Bogen um mich, du grünes Zelt!´».

Wissenschaftlich sei es bewiesen, dass die vorbereitenden Atemübungen und das Singen eine vermehrte Serotonin-Ausschüttung zur Folge habe, die mit einer Aufmunterung der Person einher geht. «Vielen bei uns geht es so: Sie kommen müde nach der Arbeit zum Chor und gehen frisch heraus. Singen ist wie eine Wiederbelebungskur.»

Im Jahr 2006 erhielt der Frohsinn vom damaligen deutschen Bundespräsident Horst Köhler die «Zelter-Plakette» für die Verdienste um die Pflege der Chormusik und des deutschen Volksliedes, erklärt Jaime Pozo, legt das Dokument neben seine Werbeplakate und denkt nach. Es wäre doch schade, wenn eine Organisation mit einer 128 Jahre langen Tradition einfach so sterben müsste. «Ich will jedenfalls alles versuchen, damit das nicht eintritt.»

 

Info: Wer Interesse am Mitsingen hat, meldet sich bitte bei Jaime Pozo unter der Handynummer 992 38 64 91, im Festnetz unter Telefon 22 73 14 29 oder per E-Mail jbpozo@mi.cl

Print Friendly, PDF & Email

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*