Romanischer Sprachschatz in Graubünden

Romanischer Sprachschatz in Graubünden

 

Die Schweiz ist linguistischer Hinsicht ein ganz besonderes Land. Gleich vier Amtssprachen werden innerhalb der Staatsgrenzen angeführt. Neben Deutsch, Französisch und Italienisch existiert auch das Rätoromanisch. Ein Teil der Bewohner im Kanton Graubünden beherrscht die vom Aussterben bedrohte Sprache bis heute. Die letzte Folge zur Serie über den Ursprung der Schweizer Eidgenossenschaft widmet der Cóndor dieser außergewöhnlichen Sprachgemeinschaft im Osten der Schweiz.

Die offiziellen Amtssprachen in Graubünden: Rätoromanisch wird schätzungsweise noch von 30.000 Personen gesprochen.

 

Bien di (Guten Tag), il quen (die Rechnung), engraziel fetg (Dankeschön) – Wer als Urlauber in den Schweizer Kanton Graubünden reisen möchte, der sollte sich auf eine ganz besondere linguistische Herausforderung gefasst machen. Denn als einziger Kanton der Schweiz existieren in diesem östlichsten aller eidgenössischen Bundesländer drei Amtssprachen nebeneinander.

Die große Mehrheit der Graubündner Landesbevölkerung spricht im Alltag Deutsch oder Italienisch, doch als Amtssprache existiert hier auch Rätoromanisch. Auf etwas weniger als 30.000 Personen wird die Gesamtheit der Rätoromanischsprachigen heute noch geschätzt. Gaben bei der Volkszählung im Jahr 1990 noch rund 40.000 Menschen Romanisch als ihre Muttersprache an, so sank dieser Teil innerhalb von nur zehn Jahren um mehr als zehn Prozent.

Obwohl numerisch in der Minderheit, sind die rätoromanischen Muttersprachler dennoch berechtigt, sich in ihrer Mundart an Behörden und Ämter Graubündens zu wenden. Die gesetzliche Gleichstellung aller im Land anerkannten Amtssprachen unabhängig ihrer Verbreitung macht es möglich.

Der Name Rätoromanisch datiert auf die Mitte des 19. Jahrhunderts. Er nimmt Bezug auf die römische Provinz Raetia, die ihrerseits nicht allein mit dem ursprünglichen Siedlungsraum der von den Römern unterworfenen Räter gleichzusetzen ist.

Die über Jahrhunderte geschehene Vermischung von Sprache und Kultur der Römer mit den von ihnen dominierten Alpenvölkern hat später schließlich sogar den Begriff des Rätoromanischen prägen können.

 

Fünf eigenständige Idiome

Da die rätoromanische Mundart in der Schweiz lediglich im Kanton Graubünden ansässig ist, wird sie in den Sprachwissenschaften auch als Bündnerromanisch, manchmal auch als Alpenromanisch bezeichnet. Gemeinsam mit dem Dolomitenladinisch und dem Friaulischen bildet sie eine Untergruppe der romanischen Sprachen. In der Forschung ist allerdings bislang umstritten, ob diese drei genetisch eher zusammenhängen als mit anderen romanischen Mundarten.

Genetisch miteinander verwandt sind jedoch die über die Regionen Graubündens verbreiteten Dialekte der Rätoromanischen Sprachgruppe. Aufgrund der geographischen Besonderheiten und früheren Abgeschiedenheit mancher Täler und Ortschaften haben sich insgesamt fünf unterschiedliche Varianten der Ursprungssprache entwickelt: Sursilvan, Sutsilvan, Surmiran, Putér und Vallader.

In jedem dieser fünf Idiome hat sich außerdem auch eine eigene Schriftsprache entwickelt. Um die Kommunikation untereinander zu erleichtern und die gemeinsame Stellung des Rätoromanischen gegenüber den andern Verkehrssprachen der Schweiz zu festigen, wurde auf Initiative des Sprachwissenschaftlers Heinrich Schmid in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die gemeinsame Schriftsprache Rumantsch Grischun entwickelt. Zur Jahrtausendwende wurde sie als offizielle Amtschriftsprache zwischen Öffentlichkeit und graubündischer Regionalregierung sowie dem Bund festgelegt.

Dieser Entschluss stieß jedoch nicht nur auf Zustimmung aus der Bevölkerung. Kritiker glauben, dass mit dem Sprachkompromiss die Ursprünglichkeit und grammatikalische Schärfe der stark bedrohten Sprache verloren gehen könnte. Spätestens seitdem Rumantsch Grischun auch in den Schulen gelehrt und in den Unterrichtsmaterialien verwendet wurde, erinnerte der öffentliche Diskurs auch an die Debatte jenseits der Landesgrenzen um die umstrittene deutsche Rechtschreibreform.

Um die Gesamtheit des bündnerromanischen Wortschatzes zu bewahren, existieren im Sprachraum zahlreiche von Bund und Land finanzierte Fördermaßnahmen. Zentrale Anlaufstelle für die romanische Sprach- und Kulturförderung ist die Dachorganisation Lia Rumantscha. Konfessionslos und überparteilich wird durch sie die vielfältige Vereinsarbeit zur Aufrechterhaltung der facettenreichen rätoromanischen Sprachfamilie in Graubünden organisiert.

 

Die kleine Schweiz

Der Kanton an der östlichen Peripherie der Schweiz genießt seit jeher einen speziellen – wenn auch inoffiziellen – Status innerhalb des Landes. Aufgrund der linguistischen Sonderstellung und der damit einhergehenden kulturellen Vielfalt wird Graubünden im Volksmund auch als «kleine Schweiz in der Schweiz» bezeichnet – sozusagen eine gefühlte kulturelle Autonomie innerhalb der Eidgenossenschaft.

Erste Siedler auf dem Gebiet Graubündens während der Eisenzeit waren keltische, rätische und lepontische Stämme. Nach ihrer Unterwerfung durch die militärische Übermacht der Römer während der Alpenkriegszüge gehörte das Territorium um Christusgeburt bis hinein ins 5. Jahrhundert zum Römischen Reich, wodurch hier die lateinische Sprache Einzug hielt.

Es setzte sich ein Prozess der Romanisierung von Sprache und Kultur in Gang, der bis zu Beginn des frühen Mittelalters abgeschlossen war. Die frühen, vorrömischen Sprachen waren bis dahin nahezu komplett aus dem Wortschatz der einheimischen Bevölkerung verdrängt.

Schon mit dem Niedergang des Römischen Reiches wurden die Bünde an das Fränkische Reich angeschlossen. Ab dem 9. Jahrhundert gerieten sie zunehmend unter germanischen Einfluss. Die deutsche Sprache verbreitete sich rasch und das Romanische wurde gar als Sprache der einfachen Leute, der wenig gebildeten Bauern verunglimpft.

Mit der Territorialisierung des Gebiets wurde Chur, der heutige Hauptort Graubündens, im Hochmittelalter zum Bischofssitz und geriet endgültig unter deutschen Einfluss, was die kulturell-geistige Entwicklung nachhaltig prägen sollte.

Dennoch galt die Stadt auch weiter als Rückzugsraum des Romanischen, als seine letzte Bastion. Von den Deutschsprachigen jener Zeit wurde die romanische Sprache auch Churwelsch genannt. Der große Reformator Martin Luther prägte seinerzeit den Bezug des Wortes Kauderwelsch auf das Churwelsche, von den Churern gesprochene welsche Sprache.

 

Von deutscher Sprache bedrängt

Erst mit Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Romanische als kulturelle Identität wiederentdeckt. Doch allen Fördermaßnahmen zum Trotz gerät die Sprache zunehmend unter Bedrängnis des Deutschen.

So ist heute bereits der größte Teil des sutselvischen Raums, den Gebieten des Hinterrheins, deutschsprachig. Hier sind es überwiegend ältere Generationen, die nach wie vor das Romanische einwandfrei und alltagsgebräuchlich beherrschen.

Auch im Oberengadin, dem Sprachraum des Rumantsch Ladin (volkstümliche Zusammenlegung von Putér und Vallader), sind junge Romanischsprachige heute kaum noch auszumachen. Insgesamt hat sich das Romanische hier jedoch aufgrund der schulisch didaktischen Verankerung noch deutlich besser behaupten können.

Ähnliches gilt für das Gebiet des Surmiran, wobei hier territoriale Unterschiede noch deutlicher herausstechen. Als Hochburgen des romanischen Sprachgebrauchs gelten heute lediglich noch die Gebiete im äußersten Westen und Südosten Graubündens.

Sin seveser! (rätoromanisch für: Auf Wiedersehen!) – Hiermit endet die vierteilige Serie zu Geschichte und Ursprung der Schweizer Eidgenossenschaft.

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