«Jetzt in Kanada – das wär schön…»

Als Freddy Quinn als Deutschlands Heimweh-Sänger Nummer eins vor rund 50 Jahren in seinem Schlager «Irgendwo gibt’s ein Wiedersehen» von Kanada schwärmte, traf er den Nerv Hunderttausender seiner Landsleute. Ein Leben im zweitgrößten Land der Erde, davon träumten viele. Manchen gelang es, ihren Traum auch wahr werden zu lassen.

So schön kann Kanada sein

Kristallklare Seen, tiefe Wälder, sprudelnde Bäche – besonders in der Provinz Ontario schien das Paradies zu liegen. Sie wurde zum reizvollsten Ziel der Auswanderer.

Zu allen Zeiten hatten sie viel Hoffnung im Gepäck. Das schien wichtiger als Hausrat oder Kleidung: Auswandern nach Kanada hieß immer auch, von vorn anzufangen, sich mit seiner Hände Arbeit ein neues Leben aufzubauen.

So zog vor rund 250 Jahren Johann Albrecht Ulrich Moll alias William Berczy als einer der ersten los. Der Mann aus Wallerstein bei Nördlingen in Württemberg war Bevollmächtigter der englischen Genesee-Association und führte 134 von ihm in Hamburg angeworbene Auswanderer in die Neue Welt. Nach stürmischer Überfahrt brachte sie die «Catharina» nach Amerika.

Dort erlagen Berczy und seine Begleiter den Versprechungen der Genesee-Leute, die in Pennsylvania keine Anstalten machten, Ländereien zwecks Besiedlung zu übereignen. Die neuen Siedler wurden faktisch wie Leibeigene behandelt. Zum Glück hörten die Bauern und Handwerker von einer einmaligen Chance: Weiter im Norden, dort, wo heute die Provinz Ontario liegt, gebe es freies Land. Das versprach Statthalter Simcoe, und er hielt sein Wort.

William Berczy, nicht nur Führer der Auswanderer, sondern auch ein begnadeter Maler, verließ deshalb bei Nacht und Nebel und eher fluchtartig das «gelobte Land» Amerika und ging 1794 mit seinen Leuten in die Gegend nördlich von York, dem heutigen Toronto. Die Frauen und Männer aus Deutschland bekamen 26.000 Hektar Land, das sie in mühevoller Arbeit urbar machten. Die Siedlung ist noch heute als German Mills bekannt; ihre Reste sind in Markham zu besichtigen.

John Diefenbaker, der 13. Premierminister Kanadas

Ob es begeisterte Berichte und Briefe der ersten Auswanderer über die unendliche Weite, Natur, Wildreichtum und Schönheit des amerikanischen Kontinents waren, die weitere Auswanderer mit Sack und Pack über den Ozean lockten? Wir können es nur vermuten. Gewiss waren es die vielen Kriege und das damit verbundene Elend in der Alten Welt, die dazu führten, dass immer wieder wagemutige Auswanderer der Not zu entfliehen suchten. Die Hoffnung auf ein besseres Leben war und ist Hauptgrund zur Auswanderung geblieben.

Dies bestätigen die großen Einwanderungswellen nach den napoleonischen Kriegen ab 1815, die sich bis ins 20. Jahrhundert fortsetzten. Zwar wurde aufgrund des Ersten Weltkriegs Deutschen aus dem Reich zwischen 1914 und 1923 die Einwanderung nach Kanada verwehrt, doch die Einwanderung von Deutschen aus Südost- und Osteuropa setzte sich auch in dieser Zeit fort. Zwischen 1919 und 1939 wanderten rund 90.000 Deutsche in Kanada ein, von denen über die Hälfte aus Südost- und Osteuropa stammten und zu 70 Prozent Bauern waren. Erst der Zweite Weltkrieg unterbrach diese Masseneinwanderung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg in den 1950er und 1960er Jahren strömten Deutsche, Österreicher und Schweizer in großen Einwanderungswellen nach Kanada. Auch wenn einige von ihnen nicht in Kanada blieben, fasste doch die Mehrheit hier Fuß. Rund 3,2 Millionen Kanadier bekennen sich zu ihrer Deutschstämmigkeit. Nach der englischen und französischen ist die deutschstämmige Einwohnergruppe die drittgrößte ethnische Gruppe in Kanada. Da sich jedoch Deutsche, Österreicher und Schweizer sehr schnell ins kanadische Alltagsleben integrierten und die Landessprachen erlernten, sind die Enklaven der Deutschsprachler kaum noch anzufinden, ganz im Gegensatz zu den «Little Italys», den Chinatowns oder Greek Towns.

Deutsche Spuren in Kanada: Nobelpreisträger Dr. Gerhard Herzberg

Zwar gab es zeitweilig Bestrebungen, dass die 1916 von Berlin in Kitchener umbenannte Stadt, in der sich viele deutschstämmige Siedler, Händler und Handwerker niederließen und ihr zur Blüte verhalfen, wieder ihren ursprünglichen Namen erhält. Doch diese Bemühungen fanden nicht die erhoffte Mehrheit.

Nachhaltige Spuren in der Landesgeschichte hinterließen und hinterlassen deutsche, österreichische und Schweizer Auswanderer in Kanada wie in Chile vor allem durch ihre beruflichen und unternehmerischen Erfolge. Namen und Erfolgsgeschichten wie die des Wurstfabrikanten John Metz Schneider, des Predigers William Aberhart, der in Alberta Premier wurde wie später sein Amtskollege Ralph Klein, oder die des ehemaligen kanadischen Premierministers John Diefenbaker, dessen Vorfahren aus Baden stammten, von Professor Hermann Boeschenstein, Nobelpreisträger Dr. Gerhard Herzberg, dem früheren Generalgouverneur Ed Schreyer, Frank Oberle, der neben Henry Kissinger bislang der einzige Deutsche ist, der im Nordamerika der Nachkriegsjahre in ein Bundeskabinett aufstieg, bis zum heutigen deutschstämmigen Teenager-Idol Justin Bieber belegen, dass die Geschichte der deutschen Auswanderung fortgeschrieben wird.

 

 

Die Deutsche Rundschau aus Kanada

 

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Juri Klugmann, Herausgeber der „Deutschen Rundschau“, an seinem Arbeitsplatz

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Von Juri Klugmann

Juri Klugmann ist deutschstämmiger Kanadier und Herausgeber der Deutschen Rundschau www.deutsche-rundschau.com.


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One Comment

  1. Achim Linck

    „Mit der Heimat im Herzen die WQrelt erleben“, so engagiert sich Juri Klugmann für die Deutsche Rundschau. Auch dieser Artikel trifft genau den Punkt. Glückwunsch und weiter so.

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