«Die gesamte Osterinsel ist ein riesiger Fundplatz»

Seit 2008 schürfen deutsche Archäologen gemeinsam mit ihren Rapa-Nui-Kollegen in der Mitte der Insel am Fundplatz Ava Ranga Uka A Toroke Hau. Eine freigelegte Zeremonialplattform sowie hydraulische Installationen werfen ein neues Licht auf die Entwicklungsgeschichte der Ureinwohner.

Gerade einmal 80 Meter lang und 50 Meter breit ist das Tal – doch der Ort hat es in sich: Fast über die gesamte Breite auf bis zu vier verschiedenen Niveaus ist es mit einem Steinpflaster überzogen. Getrennt waren diese Pflasterungen durch von Menschenhand vorsätzlich eingebrachte regelmäßige Verfüllungen, die in nicht geringer Zahl auch Feuerstellen aufwiesen. Die bislang untersuchte oberste Pflasterung wies wohl einst zahlreiche runde Beete auf, in denen die Rapa Nui einst Honigpalmen angepflanzt hatten. Drei teilweise unterirdische Kanäle versorgten die Pflanzen wahrscheinlich mit Wasser.

Der Verwendungszweck dieser Anlage? Ausgrabungsleiter Professor Dr. Burkhard Vogt geht davon aus, dass sein Team und er hier auf Bestandteile einer Zeremonialarchitektur gestoßen sind. Denn ein steinernes Wasserbecken mit drei Petroglyphen, zahlreich gefundene Opfergaben wie Stein- und Holzgeräte, Kürbissamen, Palmnüsse, aber auch vergrabene Korallenfragmente deuten auf Opferhandlungen hin, die hier im Bereich des Bachlaufes und somit in Verbindung mit der Wassernutzung stattgefunden haben müssen. «Das alles sind Indizien für eine Huldigung von Hiro, der polynesischen Gottheit für Regen und Fruchtbarkeit.»

Burkhard Vogt ist Kommissionsleiter für außereuropäische Kulturen am Deutschen Archäologischen Institut in Bonn und leitet seit Anbeginn die Ausgrabungskampagnen auf der Osterinsel. Erst vergangene Woche kehrte der 57-Jährige von einem sechstwöchigen Aufenthalt auf Rapa Nui zurück. Und noch immer kommt er ins Staunen angesichts der neuen Entdeckungen.

«Wir haben dank dieses außergewöhnlichen Ortes jetzt einen konkreten Beweis, dass die Rapa Nui wussten, wie man Bäume anpflanzt. Sie haben die Palmen sogar in ihre Architektur integriert!» Untersuchungen beim nahe gelegenen Ahu Hanua Nua Mea – dem «Regenbogen»-Ahu – belegen, dass auch hier gezielt angepflanzte Palmen Bestandteil der Zeremonialarchitektur waren.

Die aktuellen Funde würden die große Bedeutung belegen, die der Verwendung von Süßwasser beigemessen wurde. Burkhard Vogt hält es für möglich, dass Wasser- und Fruchtbarkeitskulte vielleicht in einem viel größeren geographischen, ostpolynesischen Einzugsbereich verbreitet waren als bisher angenommen.

Diese Erkenntnisse werfen ein neues Licht auf die Geschichte der Osterinsel. Als das Eiland wahrscheinlich um 1.000 n. Chr. von den Rapa Nui besiedelt wurde, war es noch vollständig mit Palmen bewaldet. In der Folgezeit holzte der Mensch die 16 Millionen Bäume komplett ab. Als die Europäer ab 1722 auf die Insel kamen, fanden sie zwar die spektakulären Moai-Steinfiguren vor, die von einer großen Kultur kündigten. Deren Erbauer hatten sich jedoch durch Raubbau ihre eigene Lebensgrundlage entzogen. Der US-amerikanische Evolutionsbiologe Jared Diamonds kam in seinem Buch «Der Kollaps» zu dem traurigen Schluss, dass der Mensch den Ast absägt, auf dem er selbst sitzt. Sein Fallbeispiel: die Osterinsel.

Dass die damalige Bevölkerung von schätzungsweise 5.000 bis 15.000 Menschen vielleicht doch nicht wie rücksichtslose Heuschrecken die natürlichen Ressourcen abgegrast hat, dafür könnte die Entdeckung der deutschen Archäologen sprechen.

Auch die heutigen Rapa-Nui-Einwohner zeigen sich an neuen Erkenntnissen interessiert. Burkhard Vogt: «Unsere Zusammenarbeit mit chilenischen Behörden und einheimischen Kooperationspartnern läuft gut. Wir erstellen nebenbei Stellungnahmen, die sich mit dem Erhaltungszustand von archäologischen Monumenten beschäftigen, die etwa durch Bodenerosion oder Beweidung stark gefährdet sind, und die von der Bevölkerung und den zuständigen Stellen gerne angenommen werden.»

Jedes Jahr reicht das Deutsche Archäologische Institut ein Forschungsprogramm ein, für das es eine Genehmigung benötigt, um mit den Ausgrabungen fortzufahren. Burkhard Vogt und sein Team schätzen sich glücklich, dass die erforderlichen Genehmigungen vom chilenischen Consejo de Monumentos Nacionales und auch von den lokalen Stellen auf der Osterinsel umgehend bewilligt und auch eine auf fünf Jahre angelegte Verlängerung des Projektes und der wissenschaftlichen Kooperation gewährt wurden: «Wir arbeiten mit Rapa-Nui-Studenten der Archäologie zusammen, die wie während der Forschungszeit gleichzeitig fachlich fortbilden.»

Und so dürften wahrscheinlich auch im nächsten Jahr wieder einige bemerkenswerte Entdeckungen auf dem Programm stehen. Gerade einmal 162 Quadratkilometer ist die Osterinsel groß; doch mehr als 20.000 archäologische Plätze und Fundstellen sind bisher kartiert. Burkhard Vogt: «Die gesamte Insel ist ein riesiger Fundplatz.»

 

Lesen Sie auf der nächsten Seite über ein Interview mit Dr. Burkhard Vogt über die Ankunft der Rapa Nui auf die Osterinsel.

 

 

Sie segelten, sahen und besiedelten

 

Der Cóndor sprach mit Professor Dr. Burkhard Vogt über eine immer noch verblüffende Frage: Wie kamen die Rapa Nui auf die Osterinsel?

 

Cóndor: Herr Vogt, die Osterinsel liegt im Pazifik 3.800 Kilometer entfernt von der chilenischen Küste, die nächstbewohnte Insel Pitcaim im Westen ist mehr als 2.000 Kilometer weit weg. Wie ist es überhaupt möglich, eine solche Stecknadel im Heuhaufen zu finden und sie dann noch zu besiedeln?

Burkhard Vogt: Über die Beweggründe, weshalb es zur Besiedlung der Osterinsel kam, wissen wir nichts Genaues. Vielleicht machten sich Gruppen im polynesischen Raum auf, nachdem dort Überbevölkerung einen Platzmangel zur Folge hatte. Wir wissen nur eines: Die Besiedlung verlief mit unglaublicher Geschwindigkeit.

Es kam zu regelrechten Konzentrationen von Auswanderungsbewegungen, die mit Häufungen des Klimaphänomens El Niño zusammenhängen. In solchen Zeiten herrschten günstige Westwinde vor. Diese «Zeitfenster» müssen sich zwischen 600 und 1.000 n. Chr. zugetragen haben.

Wissenschaftlich steht noch zur Diskussion, ob es sich um eine Zufallsentdeckung handelt oder ob die Suche systematisch ablief. Möglich wäre es, dass ein Voraustrupp von sieben Mann die Insel anlief und mit der Nachricht in die Heimat zurückkehrte. Das entspräche dann der Legende vom mythischen Häuptling Hotu Matua – eine mündliche Überlieferung, die wir natürlich nicht so einfach übernehmen können, aber die vielleicht doch einen wahren Kern hat.

 

Wo liegt der ethnische Ursprung der Rapa Nui?

Sprachwissenschaft und Molekularbiologie gehen davon aus, dass der Mensch vor 6.000 Jahren Südchina und Taiwan verließ und vor 4.500 Jahren die Philippinen besiedelte. Von dort aus splittete sich der Strom auf; es erfolgte die Bevölkerung Polynesiens. Die Osterinsel wurde wahrscheinlich von Mangareva oder den Marquesas aus entdeckt.

 

Der Norweger Thor Heyerdahl postulierte eine Besiedlungsgeschichte von Südamerika aus.

Diese Theorie hat sich als nicht haltbar erwiesen. Vielmehr gab es umgekehrt Kontakt: Die Polynesier schafften es bis nach Chile. Im Jahr 2008 wurden in El Arenal bei Concepción Hühnerknochen aus dem 15. Jahrhundert gefunden, die laut DNA-Analyse auf eine polynesische Herkunft deuteten. Zuvor war man davon ausgegangen, dass in der Neuen Welt das Haushuhn erst von den spanischen Konquistadoren eingeführt wurde. Auch andere Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die polynesischen Seefahrer sich weit hinauswagten und sogar in den subantarktischen Bereich vorstießen.

 

Herr Vogt, wir bedanken uns für das Gespräch.

 

Die Fragen stellte Arne Dettmann.

 

 

 

Deutsches Archäologisches Institut

Am 21. April 1829 gründete in Rom ein Freundeskreis aus Gelehrten, Künstlern und Diplomaten das «Instituto di corrispondenza archeologica», um die Denkmäler der antiken Kunst, bekanntzumachen und zu erforschen. Der preußische Kronprinz und spätere König Friedrich Wilhelm IV. hatte die Schirmherrschaft übernommen, und als Eduard Gerhard, der eigentliche Initiator des Instituts, 1832 von Rom nach Berlin übersiedelte, verlagerte sich die Leitung des in Rom fortbestehenden Instituts nach Berlin. Preußen übernahm ab 1859 die regelmäßige Finanzierung des Instituts. 1871 wurde es preußische Staatsanstalt, 1874 Reichsinstitut. Berühmte Mitglieder waren Goethe sowie die Alexander und Wilhelm von Humboldt.

Das Deutsche Archäologische Institut (DAI) ist heutzutage eine wissenschaftliche Einrichtung, die als Bundesanstalt zum Geschäftsbereich des Auswärtigen Amts gehört. Das Institut mit Zentrale in Berlin und mehreren Kommissionen und Abteilungen im In- und Ausland führt archäologische Ausgrabungen und Forschungen durch und pflegt Kontakte zur internationalen Wissenschaft. Das Institut veranstaltet wissenschaftliche Kongresse, Kolloquien und Führungen und informiert die Öffentlichkeit über seine Arbeit.

 

Quelle und Informationen: www.dainst.org

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