Erlösergemeinde feiert ihr 130. Jubiläum

Beginn des Festgottesdienstes: Eingang der Pfarrer und des Vorstands
Festgottesdienst mit Pfarrer und Vorstand der Erlösergemeinde in der Lota-Kirche

 

Von Walter Krumbach

Als die Glocken der Erlöserkirche zu Santiago am 21. August um 11 Uhr den Festgottesdienst einläuteten, waren die Bänke bis auf den letzten Platz besetzt. Während des Präludiums schritten Pastoren und Vorstandsmitglieder herein, wobei publik wurde, dass auch Vertreter der IELCH nicht nur anwesend, sondern auch aktiv an der Feier beteiligt waren. Das Zeichen der Versöhnung war gesetzt.

Der Dietrich-Bonhoeffer-Chor unter der Leitung von Italo Riffo stimmte «Lobt Gott in seinem Heiligtum» von Heinrich Schütz an und der Vorstandsvorsitzende Bernd Oberpaur begrüßte die zahlreichen Gäste.

Nach der Liturgie sollte programmgemäß Pastor Emeritus Richard Wagner predigen. Dieser war aber bedauerlicherweise aus gesundheitlichen Gründen verhindert. Er hatte jedoch seinen Text der Kirchenleitung aushändigen lassen, die daraufhin Wolfgang Karle, den Sohn des langjährigen, unvergessenen Propst Friedrich Karle bat, die Kanzel zu besteigen und ihn zu verlesen.

Gewohnheitsgemäß begann Pfarrer Wagner seine Predigt mit einer humoristischen Überlegung: «Ich meinte bis jetzt, dass die Lutherische Kirche keine Reliquien pflegt, warum hat man mich dann gebeten, heute zu predigen?» Er setzte sich mit dem Gedanken des Erinnerns auseinander, erzählte aus seinem Leben, wie er sich zusammen mit 80 weiteren Jugendlichen «in dieser Kirche» im Jahre 1954 konfirmieren ließ. Er gedachte im Folgenden an familiäre Episoden, um anschließend auf die Persönlichkeiten der Erlösergemeinde zu kommen.

Der Vorsitzende Hermann Stölting und Pfarrer Friedrich Karle
Anno dazumal: Der Vorsitzende Hermann Stölting und Pfarrer Friedrich Karle


An erster Stelle erwähnte er Propst Friedrich Karle, «nicht nur ein Mann des Glaubens, sondern ein umfassender Mann mit einem immensem Wissen, mit einer umfassenden Bildung auf allen Gebieten: Wissenschaften, Kunst, Literatur. Diese Art Personen gibt es nicht mehr. Im Vergleich mit ihnen fühlt man sich wie ein Zwerg, ein Pygmäe.» Wagner hob die leidenschaftliche Hingabe hervor, mit der Karle sich seiner Gemeinde widmete. Die gleichen Eigenschaften habe Pfarrer Helmuth Schünemann besessen. Er hatte in Philosophie promoviert und «verbarg sein enormes Wissen hinter seiner wunderbaren Einfachheit und persönlichen Bescheidenheit. Wir haben viele Stunden geteilt, in denen wir freundschaftliche, aber tiefgreifende und intensive Gespräche geführt haben, in denen wir den Glauben und die Zweifel geteilt haben.»

Er drückte seine Freude darüber aus, dass sein Kollege Kurt Gysel in die Schweiz verreist ist, «da meine Worte seiner Bescheidenheit nicht zusagen würden». Mit Karle und Schünemann teile er die große Liebe und eine tiefe und selbstlose Hingabe an Kirche und Gemeindemitglieder: «Dank seines echten und aufrichtigen Glauben ist Kurt Gysel der Mann, der überzeugt».

Pfarrer Wagner erinnerte sich auch an Dr. Julio Lajtonyi, den einstigen Vorsitzenden der Kirchengemeinde, «ein großer Theologe», zitierte ein Gespräch, das er mit ihm über Dogmen geführt hatte, welches den Prediger nun zum Kern seiner Ansprache führen sollte: Wie der Glaube nicht darin besteht, Dogmen, also Aussagen, zu glauben, so besteht er ebenfalls nicht darin, sich Geschichten anzuhören und ihnen Glauben zu schenken. «Glaube bedeutet, sich inmitten dieser Geschichte zu befinden. Wir sind nicht reine Zuschauer, sondern Darsteller.» 

Schlussgebet vor dem Kircheneingang in der Lota-Straße
Schlussgebet vor dem Kircheneingang in der Lota-Straße

Nach Beendigung des Gottesdienstes trafen sich die Gemeinde und ihre Gäste zu einem gemeinsamen Umtrunk auf dem Kirchhof.


Chronik Erlösergemeinde Santiago

25. Juli 1886 – Eine Gruppe deutscher evangelischer Christen trifft sich, um eine Kirchengemeinde zu gründen. Drei Wochen später, am 15. August, wird der erste Vorstand gewählt. Zum Vorsitzenden wird der namhafte Naturwissenschaftler Rudolf Amandus Philippi ernannt. Der erste Gemeindepfarrer ist Wilhelm Sluyter, der außerdem ab 1891 zum ersten Schulleiter der neugegründeten Deutschen Schule ernannt werden sollte.

28. Mai 1899 – Die Capilla de Cristo (Christuskapelle) wird eingeweiht. Das Gebäude liegt neben der Deutschen Schule an der Straße Santo Domingo und hat ein Fassungsvermögen von über 130 Personen.

11. März 1915 – Der Pfarrer der Erlösergemeinde Theodor Johannes Sinemus fällt im Verlauf einer Schlacht in den Karpathen. Er hatte sich nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges als Freiwilliger gemeldet. Die Hiobsbotschaft löst in Santiago tiefe Betroffenheit aus.

Die Erlöserkirche im Bau
Die Erlöserkirche im Bau

27. August 1933 – Die Erlöserkirche an der Straße Lota in der Gemeinde Providencia wird eingeweiht. Der nach den Plänen des Architekten Fernando Fonck erstellte Bau ist noch nicht beendet (es fehlt zum Beispiel der Glockenturm). Der Vorsitzende Hermann Stölting hält auf dem Kirchhof eine Ansprache. Anschließend begeben sich Vorstand, Gemeinde und Gäste ins Innere, um einem Festgottesdienst beizuwohnen. Pfarrer Friedrich Karle empfängt seine Kollegen Stökl aus Valparaíso, Klink aus Temuco und Brien aus Concepción.

Einweihung der Lota-Kirche im August 1933
Einweihung der Lota-Kirche im August 1933

 

29. Juli 1934 – Die in Ludwigsburg hergestellte Walcker-Orgel wird eingeweiht. Morgens um 10 erklingt sie zum ersten Mal öffentlich während eines Festgottesdienstes, an dem auch der Singkreis Los Leones teilnimmt. Am gleichen Tag, um 18 Uhr, beginnt eine «Geistliche Abendmusik». Bei dieser Gelegenheit tritt der Männergesangverein Frohsinn auf. Die Gemeinde stellt den Organisten Hermann Kock mit einem Monatsgehalt von 200 Peso ein.    

1946 – Zwölf Verschiffungen mit Lebensmitteln und Kleidung laufen in Hamburg ein. Es sind die ersten Spenden, die nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland eintreffen. Sie kommen aus Valparaíso. Die Organisation hatte die Großloge von Chile übernommen, beteiligt sind die deutschsprachige Loge Drei Ringe, der Deutsch-Chilenische Bund mit seinem Vorsitzenden Fernando Fonck und der unermüdliche Pfarrer Friedrich Karle, der nicht nur die Erlösergemeinde, sondern die gesamte Evangelische Kirche in Chile an der Aktion teilhaben lässt. Weitere Sendungen aus Chile gehen 1947 und 1948 ab.

21. Juni 1975 – Gründungsdatum der Iglesia Luterana en Chile. Ihr erster Bischof ist Richard Wagner, der Vorstandsvorsitzende Julio Lajtonyi. Nach dem politischen Umsturz im Jahre 1973 hatte sich die Erlösergemeinde gespalten. Die Teilung zog auch die übrigen deutschsprachigen Evangelischen Kirchen des Landes in Mitleidenschaft. Eine Wiedervereinigung steht noch aus.  

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