Ein schwäbischer Braumeister im chilenischen Valdivia

Besuch bei der Cervercería Kunstmann in Südchile

Vom Praktikanten zum Produktinnovator: Lutz Herdtle ist mittlerweile Mitglied der Geschäftsführung bei der Kunstmann-Brauerei
Vom Praktikanten zum Produktinnovator: Lutz Herdtle ist mittlerweile Mitglied der Geschäftsführung bei der Kunstmann-Brauerei in Valdivia

 

Ein deutscher Braumeister zeichnet für die Biere der Cervecería Kunstmann verantwortlich. Der Cóndor war zu Besuch bei Lutz Herdtle in Valdivia und hat ihn nach seinem Leben mit dem Bier befragt.

 

Von Stefanie Hornung

Trifft man Lutz Herdtle in seinem Büro in der Brauerei Kunstmann in Valdivia, ist «Gelassenheit» das erste Wort, das einem in den Sinn kommt. Denn der großgewachsene und stattliche Mittvierziger ist nicht nur bekennender Kaffee-Fan – «ohne Koffein geht bei mir nichts» – und braut erst einmal einen starken Espresso für sich und den Gast. Er nimmt sich auch viel Zeit für das Gespräch und eine anschließende Produktionsführung.

Lutz Herdtle ist der offizielle Braumeister der Cervecería Kunstmann. Er steht damit in der Öffentlichkeit als sogenanntes «Testimonial» für die Brauerei, die auf die deutsche Herkunft ihres Gründers Armin Kunstmann und seiner Familie ebenso viel Wert legt wie auf die konsequente Anwendung des wohl wichtigsten Grundsatzes der deutschen Braukunst: des Reinheitsgebots.

 

Anteil am Erfolg der Firma Kunstmann

Die Cervecería Kunstmann SA, seit der Gründung im Jahr 1991 zum führenden Craftbier-Produzenten Chiles aufgestiegen, bringt seit Jahren immer wieder neue Biere auf den Markt. Und spätestens seit der Eröffnung der «Kunstmann Kneipe» in Santiagos Szene- und Ausgehviertel Bellavista ist die Produktpalette des Bierbrauers aus dem grünen Süden Chiles national noch bekannter. 14 Biersorten hat die Kneipe im Ausschank. Dazu kommen noch drei bis vier Biere kleinerer Brauereien der Region, die sich in der Hauptstadt präsentieren wollen.

Produktionsanlage bei Kunstmann: Die Brauerei mit Sitz in Valdivia kam im vergangenen Jahr auf gut 130.000 Hektoliter Bier.
Produktionsanlage bei Kunstmann: Die Brauerei mit Sitz in Valdivia kam im vergangenen Jahr auf gut 130.000 Hektoliter Bier.

Lutz Herdtle freut sich über den Erfolg und die gute Reputation der Kunstmann-Biere: «Das war ein weiter Weg bis dahin, aber den bin ich auch gern mitgegangen.» Seit 2008 ist er im Unternehmen tätig und seitdem hat sich die Bierproduktion mehr als verdoppelt: von 57.000 Hektolitern im Jahr 2007 auf gut 130.000 Hektoliter im vergangenen Jahr.

Aber Kunstmann sieht sich auch weiterhin als Craftbier-Produzent. Der höhere Malzanteil und die geringeren Bitternoten unterscheiden die Craftbiere in der Regel von den Lager-Bieren oder Pils, wie sie auf den internationalen Märkten angeboten werden. «Ich würde sie als kernige Biere mit starkem Charakter beschreiben», sagt Herdtle und fügt hinzu: «Und als chilenische Biere für den chilenischen Markt.»

 

Vom Praktikanten in die Geschäftsleitung

Als Herdtle 2008 sein Diplom der traditionsreichen Universität Weihenstephan in der Tasche hatte, wollte er zunächst erst einmal «ganz weit weg». Er bewarb sich unter anderem in Namibia. Ein chilenischer Freund gab den beruflichen Plänen jedoch die entscheidende Wende: «Er fragte mich, ob ich mich nicht für einen Job bei einer chilenischen Brauerei interessieren würde, für die er gearbeitet hatte», erzählt Herdtle.

Und er muss schmunzeln, denn bei seinem ersten Besuch in Chile und einem gemeinsamen Mittagessen mit Armin Kunstmann, dem Gründer und geschäftsführenden Gesellschafter der Brauerei, wurde der Arbeitsvertrag «einfach und schnell per Handschlag» geschlossen. Ganz so schnell erlaubte die Bürokratie der Einwanderungsbehörde einen festen Vertrag dann aber doch nicht, und so musste Herdtle das erste Jahr als Praktikant durchstehen, bis er als Produktionsleiter dauerhaft angestellt werden konnte.

Für den Privatkonsum beim Asado oder anderen Fiestas: die 20 Liter-Druckluftfässchen von Kunstmann
Für den Privatkonsum beim Asado oder anderen Fiestas: die 20 Liter-Druckluftfässchen von Kunstmann

Diese Position hatte er bis zum April 2016 inne. Seitdem ist sein offizieller Titel «Leiter Produktentwicklung und Innovation», aber er bezeichnet sich im Dienste der Firma auch weiterhin als «Deutscher Braumeister». Das hat seinen Sinn, wie Herdtle erklärt: «Dieser Meistertitel geht in Deutschland auf das traditionsreiche Ausbildungswesen zurück und sichert Kenntnisreichtum und Qualität für das Handwerk des Bierbrauens.»

Seit letztem Jahr ist er, der Deutsche mit schwäbischen Wurzeln, auch Mitglied der Geschäftsführung und damit Rat- und Impulsgeber für die Einführung neuer Produkte und deren Einführung in den chilenischen und den internationalen Markt.

 

Veränderungen im Biermarkt erfordern Innovationen

Ganz besonders hängt sein Herz an der Entwicklung neuer Produkte. So geht zum Beispiel das süffige Doppelbock-Bier auf seine Idee zurück. Aber auch Bier als Genussprodukt unterliegt Moden, Trends und wirtschaftlichen Entwicklungen. Das seit einigen Jahren immer beliebtere Craftbier legt im sogenannten Premiumbereich – zu dem es als höherpreisiges Bier gehört – um bis zu 10 Prozent jährlich bei den Produktionsmengen zu. Die chilenische Bierbrauervereinigung Acechi geht von rund 300 sogenannten Mikrobrauereien aus, die zusammen genommen rund 68.000 Hektoliter jährlich produzieren.

Die Chilenen haben mittlerweile ihre argentinischen Nachbarn im Bierkonsum überholt: mit 44 Litern pro Kopf/Jahr – einer Steigerung auf das Doppelte innerhalb eines Jahrzehnts – liegen sie um knapp drei Liter vor den Biertrinkern auf der anderen Seite der Anden. Zum Vergleich: Der Pro-Kopf-Konsum in Deutschland beträgt 104 Liter, die Tschechen kommen auf gar jährliche 146 Liter.  In Deutschland steigt die Nachfrage nach alkoholreduzierten Biermischgetränken und alkoholfreien Biersorten, während der Konsum von klassischen Biersorten wie Pils in den vergangenen Jahren leicht sank.

Diese Entwicklung sieht Lutz Herdtle für Südamerika ähnlich. Seine Prognose: Der Bierkonsum in wird weiterhin steigen, allerdings zu Lasten anderer alkoholischer Getränke, zum Beispiel starken Bränden oder dem traditionellsten aller chilenischen Getränke, dem Pisco. Und auch in Chile seien neue Produkte wie Biermischgetränke in Mode.

 

Neues «Produkt» auch im eigenen Haushalt

Herdtle sieht sich zukünftig aber nicht nur mit den Herausforderungen des Biermarktes konfrontiert. Auch im eigenen Haushalt steht ein ganz besonderes und neues «Produkt» an: im November erwarten er und seine Partnerin seit 2011, eine Bauingenieurin, das erste Mal Nachwuchs. «Damit ist hoffentlich der nächste Biergenießer – oder die nächste Biergenießerin – unterwegs», freut er sich. Mit schwäbischer Gelassenheit wird er sich sicherlich auch dieser neuen Herausforderung stellen.

 

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2 Comments

  1. Mauricio

    Ein großer Artikel, sehr gut geschrieben, macht man ein Bier trinken will Kunstmann

  2. Kompliment an die Brauerei Kunstmann und persönlich an Herrn Lutz Herdtle. Wenn ich wieder in Puerto Montt sein werde, dann genieße ich auch wieder das leckere Bier der Kunstmann-Brauerei.
    PS: Die Schwaben können nicht nur Spätzle, sondern auch vorzügliches Bier!
    Gruß aus Gummersbach

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