Ein Lehrstück in Sachen Wirtschaftspolitik

Mit freundlichem Sonnenschein empfing die argentinische Hauptstadt Buenos Aires die 18 Insalco-Studenten und deren beiden Lehrkräfte Jürgen Spott und Rudolf Schwinghammer, als sie Anfang August aus Santiago kommend dort eintrafen.

Vor ihnen sollte nun nicht nur eine Woche mit weiterhin angenehmen Temperaturen liegen, sondern auch ein erlebnisreiches Programm, angefüllt mit interessanten Perspektiven und Einblicken in die argentinische Wirtschaft, das Agaton Nachtigall und Tom Mittelstrass vom BBZ Ballester – dem argentinischen Schwester-Institut des Insalcos –zusammengestellt hatten.

Nicht nur die großen Entfernungen in Argentinien beanspruchen viel Zeit für die Wegstrecken. Ein Erlebnis besonderer Art ist die tagtägliche Fahrt mit dem Zug der Linie Suarez/Mitre nach Ballester oder Retiro. Mit gefühlten 20 Kilometern pro Stunde bewegen sich die Gefährte derart sanft über die Gleise, dass während einer Fahrt von Belgrano nach Retiro die komplette Morgenlektüre der Zeitung zu erledigen ist – sofern man einen Sitzplatz ergattert hat oder nicht noch seinen Morgenschlaf weiterträumt.

Erlebnisreich auch die Ausstattung der Züge. Die vielen Graffitis innerhalb und außerhalb der Waggons lassen die Fahrt auch für denjenigen kurzweilig werden, der sich gerade nicht der Zeitungslektüre oder dem Morgentraum widmet.

Erfreulich aus Verbrauchersicht scheint in jedem Fall die Preispolitik: Eine Fahrt kostet 1,10 argentinische Pesos, das sind umgerechnet etwa 100 chilenische Pesos. Und dafür wird man an jedem Bahnhof von einem Boleto-Verkäufer auch noch persönlich bedient. Keine Automaten – also auch keine Arbeitslosigkeit!

Untergebracht sind wir in einem von außen wunderschönen klassizistischen Gebäude im vornehmen Stadtteil Belgrano, das auf den klingenden Namen «Hotel de la Rue» hört und nach der Information auf dem Hotelschild wohl einen Ableger in der französischen Hauptstadt hat. Zu hoffen allerdings ist, dass dieser Ableger etwas besser in Schuss ist als das argentinische Pendant. Denn gesehen hat dieses Etablissement wohl schon bessere Tage. Die chilenischen Studenten lernen allerdings im Laufe der Woche, nicht nur mit bisweilen nicht funktionierenden sanitären Anlagen umzugehen oder sich an ein durchgelegenes Bett anzupassen, sondern auch, wie man – so  vorgeführt von der Hotelcrew – ein klemmendes Türschloss aufbricht. Es soll ja schließlich auch eine Studienreise sein.

 

Dólar blue

Studieren können die Chilenen auch eine weitere aktuelle argentinische Eigenheit, den «dólar blue». Da die argentinische Regierung den offiziellen Kauf von Fremdwährung, insbesondere des begehrten US-Dollars, an die Landsleute verbietet oder zumindest sehr erschwert, hat sich ein Devisen-Schwarzmarkt entwickelt mit entsprechendem Auseinanderdriften des offiziellen Kurses und eines höheren Parallelkurses, des «dólar blue». Denn auf Grund der der immer weiter zunehmenden Inflation (offiziell 10,8 %, inoffiziell rund 28 %) und auch manch böser Erfahrung in der Vergangenheit wollen viele argentinische Bürger ihr Geld durch Umtausch in Dollars retten.

Die Gründe für die augenscheinlichen Merkwürdigkeiten im argentinischen Wirtschaftssystem – etwa «dólar blue», Inflation, Verfall des öffentlichen Nahverkehrs – erläutert den chilenischen Besuchern Federico Thielemann, Vizechef der AHK Buenos Aires. So erfahren die Insalco-Studenten aus Santiago, dass die argentinische Wirtschaftspolitik zum einen durchaus einer inneren Logik folgt, zum anderen auch durch Strukturprobleme, die aus der Vergangenheit herrühren, bedingt ist.

Als Eckpfeiler dieser Politik gelten einerseits Vermeidung eines Handelsbilanz- und Zahlungsbilanzdefizits – daher Devisenkontrolle und Kompensationsgebot bei Importgeschäften. Andererseits aber weiterhin hohe Subventionierung unter anderem des Energiesektors und des öffentlichen Transportwesens.

Im Gegensatz zu Chile ist auch die Bildung weitgehend kostenfrei und damit staatlich subventioniert. Um diese Subventionen zu finanzieren benötige, so Thielemann, der Staat ständig Exportüberschüsse. Dies erkläre die restriktive Außenhandelspolitik, die derzeit unter der Federführung des Wirtschafts-Staatssekretärs Guillermo Moreno verantwortet werde. Eine langfristig Lösung, so ist die Übereinstimmung in der Diskussion mit den chilenischen Studenten, werde aber nur möglich sein, wenn es dem Staat gelinge, die Effizienz und Rentabilität des derzeit hochdefizitären Energiesektors signifikant zu steigern.

Einen weiteren Seitenblick in die chilenische Wirtschaft gestattet ein Besuch in der Wertpapierbörse von Buenos Aires. Nachdem die strengen Sicherheitskontrollen passiert sind, stehen die Studenten in dem wunderschön klassizistischen, aber fast menschenleeren Börsensaal. Vor den riesigen Anzeigetafeln an der Wand sitzen an diesem Montagnachmittag nur wenige Makler vor den überall verteilten Bildschirmen, lesen Zeitung, unterhalten sich leise oder schauen Fußball – ja, zwischen den Anzeigetafeln wird auf einem Monitor gerade ein Fußballspiel übertragen.

 

Abschluss

Nach einem Besuch des Logistikbereichs im internationalen Flughafen Ezeiza steht ein weiterer Besuch auf dem Programm: diesmal bei der Firma Orbis, deren Erzeugnisse auch den chilenischen Studenten wohl bekannt sind, seien es nun Durchlauferhitzer der Marke Junkers oder Gasöfen der Marke Trotter.

Orbis agiert in einem durch die Außenhandelspolitik weitgehend abgeschotteten Markt, mit allen Vor- und Nachteilen. So schützt die rigide Importpolitik einerseits vor Konkurrenz, andererseits wird Modernisierung oder sogar die Einfuhr von notwendigen Ersatzteilen erschwert.

Eine innovative Geschäftsidee entwickeln und ein Konzept zu deren Umsetzung vorstellen – dies ist die Aufgabe, der sich zehn Teilnehmergruppen, gemischt zusammengestellt aus der chilenischen Besuchergruppe und argentinischen BBZ-Studenten, widmen. Nach intensiver Konzeptarbeit vormittags präsentieren die einzelnen Gruppen jeweils unter viel Beifall und dem Erstaunen der Juroren (Lehrkräfte des BBZ Ballester und des Insalcos) ihre Ideen. Die Wahl fällt schwer, doch Sieger wird schließlich das Modell eines Regenschirms mit herunterklappbarem Plastikumhang.

Zum Abschied dieser schönen Woche zeigten sich alle Besucher aus Chile begeistert von der argentinischen Hauptstadt, und vor allem und ganz besonders von der erlebten Gastfreundschaft und dem Miteinander mit den argentinischen Studenten des BBZ Ballester. Alle Insalquinos freuen sich schon auf den Gegenbesuch aus Argentinien im kommenden Jahr.

Ein herzlicher Dank gilt den Lehrkräften des BBZ Ballester, Agaton Nachtigall und Tom Mittelstrass sowie Patricia Laub für die Organisation dieses erlebnisreichen Aufenthalts.

 

Von Rudolf Schwinghammer, Insalco-Leiter Santiago

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