180 Jahre Deutscher Verein Valparaíso

Billard, Bibliothek, Blasmusik und ein «erheiternder geselliger Umgang» für Deutschsprechende

 

In seiner 180-jährigen Geschichte erlebte der Deutsche Verein die Blütezeit Valparaísos genauso mit wie mehrere Erdbeben und Probleme während der beiden Weltkriege.

 

Im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts, wenige Jahre nach der erzielten Unabhängigkeit von Spanien, entwickelte sich Valparaíso neben San Francisco zur wichtigsten Hafenstadt an der Westküste des amerikanischen Kontinents und zum wirtschaftlichen Zentrum Chiles. Am Aufstieg der Stadt hatten Einwanderer aus Europa einen nicht unerheblichen Anteil. Von den 30.000 Einwohnern im Jahr 1838 waren mehrere Tausende Ausländer.

Deutsche Kaufleute und Handelsreisende kamen in Scharen und ließen sich auf den Hügeln Concepción und Alegre gemeinsam mit den Engländern nieder. Im Jahr 1822 gründete die Firma Schütter, Post & Co. das erste deutsche Handelshaus in Valparaíso, auf das viele weitere wie das Geschäftshaus Huth & Grüning folgten. 1825 errichteten Deutsche und Engländer den Dissidentenfriedhof, den ersten nicht-katholischen Friedhof in Chile auf dem Cerro Pantéon.

So sehr Handel und Wirtschaft zu dieser Zeit florierten, so spärlich war das kulturelle Angebot. Hin und wieder gab es Theateraufführungen, am Wochenende einen Hahnenkampf, und in den Chinganas, den Tanz- und Trinklokalen von damals, standen eher Saufgelage und Messerstechereien als anspruchsvolle Darbietungen auf dem Programm, wie Zeitzeugen schreiben.

 

Der Kultur verschrieben

So kam es, dass sich an einem sommerlichen Dezembertag im Jahr 1837 drei Deutsche, Friedrich Muchall, Alfred Poppe und Franz C. Kindermann im Wirtshaus Polanco in der Calle Simpson nahe der heutigen Avenida Argentina trafen und bei einem Half-and-Half-Bier (eine Mischung aus Pale Ale und Schwarzbier) die Gründung eines Deutschen Vereins besprachen. Man wollte einen Ort der Zusammenkunft für die vielzähligen Deutschen aufbauen, an dem kulturelle Veranstaltungen von und für die Gemeinschaft abgehalten werden sollten.

Die Idee fand großen Anklang und wenige Monate später wurde am 9. Mai 1938 das Gründungsprotokoll von 27 Mitgliedern gezeichnet. Darin hieß es wörtlich: «Die Vorgezeichneten haben sich vereinigt, zur Bildung einer Deutschen Gesellschaft zu Valparaíso, in der Absicht, den sich hier aufhaltenden Deutschen und Deutschsprechenden ein Mittel erheiternden geselligen Umgangs zu verschaffen.»

Damit stand der Verein seit Beginn ebenfalls Angehörigen anderer Nationen offen, und zu den Gründern gehörten Skandinavier und Engländer. Durch den für damalige Verhältnisse nicht unerheblichen Mitgliedsbeitrag richtete man sich hauptsächlich an Vertreter des Großhandels, doch auch Akademikern wurde der Zutritt gewährt.

Als erstes Vereinslokal wurde ein einfaches Haus an der Plazuela La Matriz gewählt. Bald gab es hier regelmäßig Theaterstücke und musikalische Darbietungen zu sehen. Ein gewisser Hasselbrink machte als Schauspieler auf sich aufmerksam, Mitgründer Friedrich Muchall gab Konzerte. Franz Kindermann, der seine Eindrücke von damals niederschrieb, erklärte: «Er war ein musikalisches Talent, hatte Kontrabass studiert, beherrschte verschiedene Instrumente und verfügte über eine wunderbare Stimme […]. Bald zog sein Talent alle Musiker und Sänger von Valparaíso an.» Von den 27 Gründern waren laut Kindermann mindestens zwölf hervorragende Musiker, die verschiedene Instrumente spielten und ausgezeichnete Stimmen besaßen.

Aus Platzgründen wechselte man dennoch schnell in ein größeres Haus eines gewissen Señor Riobó, welches sich an der damaligen Plaza Mayor und heutigen Plaza Echaurren befand. Hier hatten die Mitglieder nun erstmals Zugang zu einer Bibliothek und einer Auswahl an ausländischen Zeitungen. Friedrich Muchalls Chor wurde inzwischen mit einer von Dr. Aquinas Ried komponierten und geleiteten Festmesse in der Kirche La Matriz stadtbekannt.

Nachdem die Mitgliederzahl auf über 100 Mitglieder anwuchs, zog der Verein 1853 dann zum zweiten Mal um. Das Lokal in der Calle Cabo, der heutigen Calle Esmeralda, bot seinen Besuchern einen Musiksaal und mehrere Spielzimmer, in denen man unter anderem am Billard-Spiel erfreute.

Die Deutsche Gemeinschaft in Valparaíso wuchs, es bildeten sich weitere Vereinigungen wie der Turn-, und Ruderverein, der Sing- und Zitherverein, die Deutsche Feuerwehrkompanie, die Deutsche Schule, die Evangelische Kirche, von denen einige ihre Versammlungen im Deutschen Verein weiter durchführten. Leider wurde das Vereinshaus zweimal vom Feuerteufel heimgesucht, im Jahre 1858 und 1886. Beim zweiten Mal war das Gebäude derart zerstört, dass ein erneuter Standortwechsel, diesmal in ein Haus in der Calle Blanco, unumgänglich war. 

 

Erdbeben, Panama-Kanal und zwei Weltkriege

Anfang des 20. Jahrhunderts sank der Stern Valparaísos. Zunächst erschütterte 1906 ein heftiges Erdbeben die Stadt und brachte viele wichtige Gebäude zum Einsturz. Acht Jahre später wurde der Panamakanal für den Schiffsverkehr geöffnet und die Küstenstadt verlor schnell an wirtschaftlicher Bedeutung.

Die erfolgsverwöhnten deutschen Kaufmänner und Unternehmer bekamen zudem andere Probleme, da kurz nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs die ersten sogenannten schwarzen Listen aufkamen. Diese von den Engländern veröffentlichten Zusammenstellungen richteten ein Verbot an alle Alliierte und neutrale Länder, mit den aufgeführten deutschen Handelshäusern Kommerz zu treiben. Als Gegenmaßnahme wurde am 29. Juli 1916 die Deutsch-Chilenische Handelskammer in Valparaíso gegründet, um die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Chile und Deutschland zu festigen.

Für den Deutschen Verein hatten all diese Entwicklungen aber erstmal keine Folgen. Vielmehr entschloss man sich im Jahr 1926, den Palacio Ross in der Calle Salvador Donoso Ecke Bellavista zu erwerben, um es als neues Vereinslokal zu nutzen. Das Gebäude mit drei Stockwerken und über 30 Räumen ist bis heute das Zentrum aller kulturellen und gesellschaftlichen Aktivitäten der deutsch-chilenischen Gemeinschaft der V. Region. Für das 100-jährige Jubiläum 1938 gab es eine dreitägige Feier, unter anderem mit Ball und offiziellem Frühstück, zu dem sich auch wichtige Persönlichkeiten einfanden.

Mit dem Zweiten Weltkrieg begann erneut eine schwierige Zeit für die Gemeinschaft. Abermals gingen die schwarzen Listen um, und im Jahr 1943 brach Chile die diplomatischen Beziehungen mit Deutschland ab. Die vererblichen Listen beinhalteten fast alle in Valparaíso ansässigen Kaufmänner und Großhändler deutscher Nationalität oder Abstammung. Viele Banken und Geschäftshäuser mussten schließen. Dieses Mal waren Mitglieder des Deutschen Vereins direkt betroffen. Einige mussten sogar die Stadt vorübergehend verlassen, manche entschlossen sich in der Zeit, dem Land ganz Lebewohl zu sagen.

Trotz der abnehmenden Mitgliederzahl überlebte der Deutsche Verein diese Phase. Somit konnte man nicht nur im Mai 1963 das 125-jährige Jubiläum feiern, sondern seinen Mitgliedern und Freunden auch Jahr für Jahr Empfänge, Winterbälle, Silvesterfeiern, Burschenschafts-Festkommers, Modenschauen und vieles mehr bieten.

Einzig die Naturgewalten brachten das Vereinstreiben vorübergehend zum Stillstand, und dies gleich mehrere Male. Insbesondere die Erdbeben von 1965, 1971 und 1985 fügten dem Vereinslokal große Schäden zu, welche nur dank Spenden der Mitglieder repariert werden konnten. Beim letzten Erdbeben von 2010 kam das Gebäude vergleichsweise glimpflich davon und nahm nur kleinere Schäden, die im Inneren wieder vollständig behoben wurden.

 

Öffnung nach außen

1983 bekam der Deutsche Verein ein neues Aufgabenfeld. Man wollte sich von nun an selbst um das Restaurant kümmern, anstatt die Führung wie bisher an einen Wirt abzutreten. Dies mussten die Vorstandsmitglieder zunächst mühsam erlernen, doch sie konnten die Herausforderung meistern. Während in der Zeit von Ende der 90er Jahre bis 2010 nochmals Konzessionäre den Betrieb übernahmen, steht heute alles unter der Kontrolle des Vereins.

Im Erdgeschoss befindet sich ein Restaurant. Es gibt dort nicht nur Bier, Würstchen und Sauerkraut. Im Gegenteil: Es ist bekannt für seine gute und vielseitige deutsche, chilenische und internationale Küche, so dass mittags die meisten Tische besetzt sind – mit Mitgliedern des Vereins, aber auch mit Geschäftsleuten, die in der Nähe arbeiten und Touristen aller Nationen, die sich das Tagesmenü schmecken lassen. Neben den Speisesälen befindet sich eine traditionsreiche, liebevoll dekorierte Bar, die ebenfalls gut besucht wird.

Wer keinen Hunger oder Durst (mehr) hat, kann in einem Nebenzimmer Billard, Dart, Karten, Domino oder Schach spielen. Für größere Veranstaltungen wie zum Beispiel Hochzeiten gibt es ebenfalls genug Platz und es stellt kein Problem dar, 200 bis 300 Menschen in den Säalen Salvador Donosoi oder Bellavista zu bewirten. Auch werden verschiedene traditionsreiche Feste gefeiert: der 9. Mai als Gründungstag, ebenso der Tag der Deutschen Einheit am 3.Oktober und der Winterball im August.

Im vergangenen Jahrhundert wurde das Vereinslokal fast ausschließlich von seinen deutsch-chilenischen Mitgliedern besucht; der Verein hatte den Ruf, eine in sich geschlossene Gesellschaft zu sein. Heute stehen die Säle und Räume des Palacio Ross auch externen Gruppen wie Universitäten, Stadtverwaltung und Betrieben für deren Feiern und Treffen offen. Durch diese Strategie konnte der Verein nicht nur eine engere Verzahnung mit wichtigen Institutionen der Stadt erreichen, sondern auch seine finanzielle Lage verbessern.

Dies wiederum macht es möglich, dass der Verein seit einigen Jahren wieder das ganze Jahr über eigene kulturelle Aktivitäten verschiedener Art anbieten und so der im Gründungsprotokoll verankerten Aufgabe nachkommen kann, den «erheiternden geselligen Umgang bestens zu befördern».

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