Deutsche Bodenständigkeit für chilenische Regierungen

Von Arne Dettmann

Die chilenische Regierung hat es derzeit nicht leicht. Erst vor Kurzem die Niederlage bei den Kommunalwahlen. Und nun knirscht und kracht es auch noch im Gebälk der Koalition. Droht der Nueva Mayoría den Boden unter den Füßen zu verlieren?

Trittfester Halt ist in diesen Zeiten gefragt, und den besorgen derzeit Thorsten Tibow (45) und Raoul Rehnert (43). Mit Schleifmaschine, Hobel und Spachtel bewaffnet rücken die beiden Deutschen seit zwei Wochen jeden Morgen in den Regierungspalast La Moneda ein, lassen ihren Handwerkskasten von der wachhabenden Garde kontrollieren und machen sich dann im zweiten Stock, von der Alameda-Allee aus gesehen im linken Gebäudetrakt ans Werk: In vier Zimmern haben sie schon einen neuen Parkettfußboden verlegt, bis Ende des Monats sollen es zwölf Räume sein. Das macht genau 450 Quadratmeter.

Raoul Rehnert und Thorsten Tibow
Im Auftrag Chiles: Raoul Rehnert und Thorsten Tibow

Die beiden Handwerksmeister sind seit zwei Jahren in Chile aktiv. Die Firma International Flooring Southamerica spa (Camchal-Mitglied) führt von Privataufträgen bis hin zu Groß- und Industrieprojekten alle Arten von Bodenbelagen aus, darunter beispielsweise ein Nora Kautschuk-Fußboden (ebenfalls Camchal-Mitglied) beim Unternehmen Grunenthal. Aber diese Arbeit ist natürlich etwas ganz Besonderes. Denn welcher deutsche Handwerker hobelt, klebt und schleift schon in der Machtzentrale Chiles?

Bisher lief´s allerdings relativ unspektakulär. Die Präsidentin Michelle Bachelet habe er noch nicht gesehen, berichtet Thorsten Tibow. Sonst hätte er sie schon längst auf Deutsch angesprochen. «Das müsste sie doch noch ein wenig können aus ihrer Deutschlandzeit, oder?»

Zimmermann Raoul Rehnert hat früher einmal Sozialgeschichte, Politik und Internationales Recht studiert, doch von den derzeitigen chilenischen Ministern kennt er praktisch keinen und würde sie deshalb auch nicht bemerken, wenn sie ihm übers Parkett liefen.

Dabei ist es nicht irgendein beliebiger Boden, den die beiden dort installieren. Mit dem bekannten Slogan «Made in Germany» wirbt ein Produktkatalog der Firma Uzin Utz, ein internationaler Anbieter von Bodenverlegsystemen mit Sitz in Ulm, dessen Chile-Vertreter Thorsten Tibow ist. Und wofür steht «Made in Germany»?

Das harte Eukalyptus-Holz (Eucaliptus Viminalis) stamme von der Firma Maderera Eucasec Ltda des deutsch-chilenischen Unternehmers Wilfred Riegel. Dessen Forstbetrieb Forestal Eucahue SA bei Santa Barbara in der VIII. Region setzt auf eine ökologische Forstwirtschaft mit dem Ziel, nachhaltigen Mischwald zu etablieren. Ein Ausschuss der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zusammen mit der chilenischen Forstbehörde Conaf bestätigte dieses Jahr Siegels Betrieb als ein «Vorzeigebeispiel nachhaltiger Forstwirtschaft in Lateinamerika und der Karibik».

So werden im Fundo Eucahue auch für die Fußbodenherstellung nur ausgereifte Bäume dem Wald entnommen, Kahlschläge vermieden, Naturverjüngung im Wald gefördert, die Stämme mit Ochsen aus dem Wald herausgezogen, um den Jungwuchs zu schonen und Bodenverdichtung durch den Einsatz schwerer Maschinen zu vermeiden. Es werden zudem keine Düngemittel und Pestizide eingesetzt.

Auch die Uzin Utz Gruppe selbst bürge für emissionsfreie Produkte ohne gesundheitsschädliche Lösungsmittel. Chiles Politiker dürfen aufatmen.

«Made in Germany» bedeute aber auch deutsche Wertarbeit. Dafür bürgen Thorsten Tibow – er stammt aus dem baden-württembergischen Weinheim – und Raoul Rehnert aus Karlsruhe. Mit ihrem Team robben sie auf Knien durch die La Moneda, tragen den Klebstoff auf, verlegen die Dielen und verriegeln die einzelnen Stücke per Schlagholz. Anschließend werden die Flächen mit deutschen Produkten von Uzin und Pallmann versiegelt. Das Ganze nach DIN 18365. Noch Fragen?

In der Moneda wenden die beiden Experten das Verlegmuster Fischgrät an, eine diagonale Anordnung, eingerahmt an den Wänden durch ein schmales Band parallel verlaufender Bretter. Rehnert: «Wir machen alles selbst und bieten eine Kombination aus Erfahrung und handwerklichem Geschick an. Wenn etwas nicht gut verarbeitet ist, dann sind wir schuld daran und stehen dafür ein.»

Wer so selbstsicher an seine eigene Zuverlässigkeit glaubt, fürchtet keine Beschwerden. Ganze zweieinhalb Jahre Garantie geben die beiden für ihre Bodenverlegarbeiten. Diese Zusage gilt also noch, wenn möglicherweise nach der Präsidentschaftswahl 2017 schon ganz andere Minister und Regierungsvertreter über den deutsch-chilenischen Parkettboden stolzieren. Bei guter Pflege sollte der neue Boden sogar 10 bis 15 Jahre halten. – So weit in die Zukunft denkt nun wirklich kein Politiker mehr.

Warum die La-Moneda-Räume übrigens derzeit renoviert werden, darüber können die Deutschen nur Vermutungen anstellen. Denn als sie mit ihrer Arbeit anfingen, hatte man die alten Böden bereits herausgerissen. «Das alte Holz war bestimmt abgenutzt und kaputt», glaubt Raoul Lehnert.

Nicht unwahrscheinlich. Denn das haben Holzbaugewerbe und Politik gemein: Wo gehobelt wird, da fallen Späne.

Kontakt: thorsten.tibow@gmail.com
Handy: 993 20 65 98

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