Der Jungherrentisch, oder: freitags war die Bedienung zu stark beschäftigt

Der 500. Jungherrenmittagstisch im Kaisersaal des Club Alemán: Guillermo Hansen, Wolfgang Karle, Hubert Hoffmann, Roberto Junge, Georg Jander, Carlos Calderon, Valentin Roth und Torsten Kaiser. An der Wand Kaiser Wilhelm II. und Fürst Otto von Bismarck. Foto: Thomas Magosch
Der 500. Jungherrentisch im Kaisersaal des Club Alemán: Guillermo Hansen, Wolfgang Karle, Hubert Hoffmann, Roberto Junge, Georg Jander, Carlos Calderon, Valentin Roth und Torsten Kaiser. Foto: Thomas Magosch

 

Von Thomas Magosch

«Wir sind eine Gruppe Gleichgesinnter, die im geselligen Beisammensein durch Erfahrungs- und Gedankenaustausch unseres persönlichen und beruflichen Wirkens den Nachwuchs und das Leben des Deutschen Vereins und die deutsche Sprache pflegen und fördern wollen.»

So kurz und schmerzlos in einem einzigen deutschen Satz wurde am 6.Dezember 1974 das Programm des Jungherrentischs festgelegt. An diesem Nikolaustag saß man zu viert am Tisch, in Zukunft wurden es immer ein paar mehr oder weniger, aber zur 500. Ausgabe am 5. Oktober 2016 sitzt mit Guillermo Hansen immerhin noch ein Gründungsmitglied in der Bar.

Dort trifft man sich standesgemäß und seit 42 Jahren auf einen kleinen Aperitif vor dem Essen. Ein zweites Gründungsmitglied wird kurzerhand antelefoniert und schon sitzen wir mittendrin im Jungherrentisch. «Offenheit und Toleranz», meint Hansen, das sei immer wichtig gewesen. Ansonsten traf und trifft man sich zum Austausch, «was Schönes essen und trinken», gemütlich, ohne Scheuklappen, zwanglos.

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Thorsten Kaiser

Dabei gab es vor 42 Jahren durchaus auch einen mehr oder weniger politischen Grund, den «jungen» Stammtisch zu gründen. Man wollte als «junger Wilder» im Deutschen Club mitreden. Die höheren Semester hatten alle ihre alteingesessenen Runden, am Montag oder Freitag. Die Jungen waren noch nicht organisiert, wollten aber auch ein Wörtchen im Direktorium mitzureden haben, auch deshalb kam es zur Gründung.

Zu Beginn fand der Stammtisch immer freitags statt. Da an diesem Tag aber «die Bedienung nicht so besonders war», wie Hansen augenzwinkernd anmerkt, was nicht an der Bedienung, sondern am gut gefüllten Club zum Mittagstisch lag, vertagte man den «JHT» auf einen Mittwoch. Ab und zu musste man auch ins «wirtschaftliche Exil» zu Juanito nach Viña oder nach Limache ins Ferienheim der Deutschen Schule.

Aber die meiste Zeit wurde im Kaisersaal gespeist. Seit 2012 wird der Tisch durch einen echten Kaiser bereichert. Torsten, so der Vorname, bringt seit vier Jahren Filme in die Runde mit, über die anschließend diskutiert wird. Er ist einer der wenigen jüngeren Semester, die am Tisch sitzen. Denn größtenteils blieben die Mitglieder der ersten Jahre, sie wurden nur alle älter. Ein historischer Verein also?

Betrachtet man die Anwesenheitsbücher (seit der ersten Zusammenkunft wird akribisch Buch geführt) hat man schon den Eindruck einer geschichtsträchtigen Schwere der Gruppe. Mal wurde die Anwesenheit aus Mangel an Papier auf Servietten vermerkt und eingeklebt, in den Sommermonaten fiel der Stammtisch auch manchmal aus.

Aber auch beim Jungherrentisch spielt der Nachwuchsgedanke eine große Rolle, schließlich hatte man sich damals gegründet, um die Interessen der Jugend vor den «älteren» Herren zu vertreten. Heute hat man den Eindruck, dass die jungen Herren von damals ihre «Jugend» am Jungherrentisch gerne erhalten sehen. Der 501. Tisch wäre doch ein schöner Anlass, die Institution «Jungherrentisch» wieder um ein paar Jahre zu verjüngen.

Der JHT trifft sich jeden ersten Mittwoch im Monat um 13 Uhr im Club Alemán in Valparaíso.

 

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