Das italienischsprachige Tessin und die Schweizergarde

Nicht nur in der Historie seiner großen europäischen Nachbarn Deutschland, Frankreich und Italien hat die Schweiz ihre Fußstapfen hinterlassen. Auch im kleinsten Land der Welt, dem Vatikanstaat im Herzen Italiens, gehören die Eidgenossen zum Inventar der Landesgeschichte. Bis heute garantiert die Schweizergarde die persönliche Sicherheit des Papstes. In diesem Teil der Serie anlässlich des Schweizer Nationalfeiertages am 1. August betrachtet der Cóndor die italienische Schweiz und ihre besondere Beziehung zum katholischen Epizentrum mitten in Rom.

Die Schweizergarde wurde 1506 gegründet und ist für die Sicherheit des Papstes verantwortlich.

 

Statistisch gesehen ist sie italienische Sprachgemeinschaft – neben der rätoromanischen – die kleinste aller in der Confederazione Svizzera (italienisch für Schweizerische Eidgenossenschaft)  beheimateten Linguistikgruppen. Doch der Landesverfassung und ihrem föderalen Staatssystem zufolge soll keine der offiziellen Amtssprachen ihrer Verteilung wegen bevorzugt werden. Alle vier Sprachen sind rechtlich gleichgestellt.

Etwa fünf Prozent der Gesamtbevölkerung, das entspricht rund 350.000 Menschen, leben in der italienischen Schweiz. Das Gebiet umfasst im Wesentlichen das südliche Kanton Tessin und einige lose Gebiete in Graubünden.

Der Grund für die Zersplitterung des Sprachgebiets liegt bereits einige Jahrhunderte zurück. Mit der militärischen Intervention der Franzosen unter dem Feldherrn Napoleon Bonaparte zum Ende des 18. Jahrhunderts verlor die italienische Schweiz einen Großteil ihrer ursprünglichen Gebiete und Bevölkerung. Die Bedeutung des Italienischen für die Landesgeschichte ging daraufhin zurück.

 

Persönliche Hausarmee

In der Geschichte Italiens und dem katholischen Epizentrum innerhalb Roms, dem Vatikanstaat, spielen die Schweizer hingegen bis heute eine gewichtige Rolle. Denn seit dem ausgehenden Mittelalter und der Renaissance ist es die Schweizergarde, die als persönliche Hauspolizei den Papst und sein Gefolge bewacht.

Wie in den vorherigen Kapiteln erwähnt, waren die Schweizer ihrer Geschichte wegen, in der sie sich quasi permanent gegen eine der europäischen Großmächte behaupten mussten, als gestandene Kämpfer und kluge Taktierer auf dem Felde respektiert. Zahlreiche Königshäuser und ausländische Feldherren vertrauten auf die Kampfeskraft der Eidgenossen. «Die Helvetier sind ein Volk von Kriegsleuten, dessen Soldaten für ihre Kriegstüchtigkeit weithin bekannt sind», stellte bereits wenige Jahre nach Christusgeburt der römische Geschichtsschreiber und Senator Tacitus fest.

Auf dem Kalenderblatt stand der 22. Januar 1506, als die ersten 150 Gardisten aus der Schweiz unter Führung von Hauptmann Kaspar von Silenen in Rom eintrafen. Papst Julius II. hatte die Eidgenossen um Hilfe und die Abstellung einer persönlichen Schutzarmee gebeten. Das Datum gilt seither als die Geburtsstunde der Pontificia Cohors Helvetica, der Päpstlichen Schweizergarde.

 

Sicherung der Papstherrschaft

Doch der Beginn der Kooperation mit dem Heiligen Stuhl geht bereits auf das ausgehende 15. Jahrhundert zurück. Im Jahr 1479 ersuchte Sixtus IV. die Hilfe von schweizerischen Truppen. Um seine Machtansprüche zu sichern, schloss er mit ihnen einen offiziellen Vertrag zu Anwerbung schweizerischer Söldner. Sogar Unterkünfte ließ er eigens für die ausländischen Waffenträger errichten. In direkte Kampfhandlungen wurden die Schweizer zu seiner Zeit jedoch noch nicht verwickelt.

 

Erst sein Nachfolger auf dem Heiligen Stuhl, Innozenz VIII., ersuchte ihre Unterstützung im Widerstand gegen den Herzog von Mailand. Von da an standen die kämpfenden Verbündeten des Papstes immer wieder im Mittelpunkt der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem Kirchenstaat und seinen äußeren Feinden.

 

Blütejahre unter Julius II.

Zum Wendepunkt zwischen dem 15. und 16 Jahrhundert stand Oberitalien unter der Fremdherrschaft von Frankreich und der spanischen Krone. Julius II. war jedoch bestrebt, den damals noch legitimen weltlichen Herrschaftsanspruch der Kirche – dieser wurde erst im Zuge der Säkularisierung während des Humanismus und der Aufklärung verworfen – wiederherzustellen und speziell die Geschicke Roms unter die alleinige Autorität des Heiligen Stuhls zu bringen.

Julius II. war ein ambitioniertes, visionäres Kirchenoberhaupt, der nicht nur den Kirchenstaat, sondern gar ganz Italien von der Fremdherrschaft befreien wollte. In Rom selbst und in den Reihen der katholischen Kirche sorgte er mit harter Hand und autoritärer Rechtssprechung für Ordnung und unterdrückte eisern jedes Aufbegehren gegen die päpstliche Machausübung. In Landwirtschaft, Gesundheitswesen und dem Seehandel sorgte er mit seiner geschickten Administration für neue Blütejahre.

Sein weltlicher Reformeifer und sein pragmatischer Konservatismus in Kirchenfragen bescherten dem Papst seinerzeit nicht nur Freunde und Günstlinge. Julius II. musste jederzeit ernsthaft um seine persönliche Unversehrtheit bangen. Seinen Schutz und die Sicherheitslage in seinem Sitz in Rom vertraute er wie zuvor benannt den schweizerischen Gardisten an.

 

Die Plünderung Roms

Unter den Nachfolgern Julius’ II. war die kurze Blütezeit Roms unter päpstlicher Führung schnell Vergangenheit. Als zu Beginn des Jahres 1525 ein beträchtliches Heer deutscher Landsknechte und spanischer Söldner auf Geheiß von Karl V. nach Pavia marschierten, konnte Papst Klemens VII. ihren Marsch auf Rom zunächst nur unter Aufwendung einer enormen Zahlung verhindern.

Zweifelsohne währte der Aufschub einer Invasion nur kurze Zeit. Denn was ab dem frühen Morgen des 6. Mai 1527 geschah, hat sich bis heute in die nachfolgenden Generationen der schweizerisch päpstlichen Gardisten eingebrannt.

In großer Überzahl setzten an jenem Tag die Waffengänger Karls V. zum Sturm auf die Heilige Stadt an. Vollkommen übermannt leisteten die rund 200 Schweizergardisten und einige wenige römische Soldaten verzweifelten Widerstand gegen die Eindringlinge. Klemens VII. und einigen wenigen seiner privaten Bewacher gelang über einen bis heute bestehenden geheimen Fluchttunnel, dem Passetto, der Rückzug in die nur schwer einnehmbare Engelsburg hoch über Rom.

Unter ihren Augen wüteten die Söldner und Landsknechte des deutschen Kaisers und Königs von Spanien auf barbarische Weise in den Gassen und Straßen sowie den Heiligtümern Roms. Die ewige Stadt galt seinerzeit als eine der reichsten der Renaissance. Während der Plünderungen wurde jedoch nicht nur der Großteil ihrer Kulturschätze und Reichtümer geraubt. Auch die Bevölkerung zahlte erheblichen Blutzoll. Auf mehr als 30.000 Tote werden die Opferzahlen heute geschätzt.

Die Schweizergarde hatte ihren Schwur erfüllt und den Papst erfolgreich in Sicherheit gebracht. Der Sacco di Roma, die Plünderung Roms, bei der mehr als drei Viertel der Gardisten ihr Leben verlor, gilt bis heute als Gedenktag der Truppe. An ihm werden regelmäßig neue Rekruten für den Dienst im Vatikan vereidigt.

Klemens VII. musste sich nach rund einem Monat der Belagerung seinen Feinden ergeben. Den überlebenden Gardisten wurde freies Geleit oder der Eintritt in die nun zunächst aus deutschen Söldnern bestehende Schutzgarde des Papstes geboten. Jedoch lediglich zwölf von ihnen akzeptierten den Dienst unter dem Befehl der verhassten Besatzer.

 

Kontinuität bis in heutige Zeit

Die Plünderung Roms war das vorläufige Aus für die Schweizergarde am Heiligen Stuhl. Erst Jahre später, unter Papst Paul III., wurde sie erneut in den Dienst berufen. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts durchlebte sie äußerst wechselvolle Jahre ihres Bestehens, währenddessen die Truppe immer wieder auch aufgelöst und neuberufen wurde. Erst seit Pius VII. leistete sie unaufhörlich ihren Dienst bis in heutige Zeit.

Oberster Herr über die Truppe ist auch heute noch der Papst. Das aktuelle Dienstreglement wurde anlässlich des 500. Jahrestages ihrer Gründung am 22. Januar 2006 erlassen. Ihre Hauptaufgabe ist es als Hauspolizei ständig über die Sicherheit des obersten heiligen Würdenträgers der katholischen Kirche und seiner Residenz zu wachen. Das schließt auch den persönlichen Schutz bei Auslandsreisen sowie repräsentative Funktionen mit ein.

Um diesem Anspruch gerecht werden zu können, müssen die Rekruten strengste Aufnahmekriterien unter Armeebedingungen erfüllen und natürlich auch selbst von katholischem Glauben sein.

Haben die Gardisten mindestens 25 Monate Dienst getan, dann können sie aus der Papstgarde austreten, wobei ihnen die rein funktionsbezogene vatikanische Staatsangehörigkeit wieder aberkannt wird. Die stolze Schweizergarde hat sich in den Jahrhunderten seit ihrer Gründung von einer privaten Armee- hin zu einer modernen Polizeitruppe entwickelt. Für den Heiligen Vater in den Krieg zu ziehen, zählt heute also mit Sicherheit nicht mehr zu den Berufsrisiken der aktuell 110 Schweizergardisten.

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