Berliner im Schlaf überrascht

Es ist gerade 50 Jahre her, dass das Zerwürfnis der Weltmächte im Kalten Krieg mitten in Berlin auf grässliche Weise sichtbar wurde. Am 13 August 1961 ließ das SED-Regime in einer Nacht- und Nebelaktion und mit Genehmigung der Sowjetführung die ersten Absperranlagen errichten, die wenig später in einem fast unüberwindlichen Wall aus Beton und Stacheldraht gipfeln sollten. Obwohl von der politischen Führung von langer Hand geplant, überraschte der Bau der Berliner Mauer die Bewohner der nunmehr geteilten Stadt wortwörtlich im Schlaf.

Der Berliner Mauerbau 1961: Soldaten der Nationalen Volksarmee und sowjetische Besatzungstruppen sowie Volkspolizisten sicherten die Bauarbeiter, die Stein auf Stein setzten und somit die Teilung der Stadt zementierten.

«Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.» – Die Worte des Staatsratsvorsitzenden der DDR, Walter Ulbricht, auf einer internationalen Pressekonferenz in Ost-Berlin am 15. Juni 1961, müssen den Berlinern und der Weltöffentlichkeit schon wenige Wochen später wie beißender Zynismus in den Ohren geklungen haben.
Der Vorsitzende der politischen Führung der DDR, der Sache wegen ebenso ein enger Vertrauter Moskaus und des sowjetischen Staatschefs Nikita Chruschtschows, hatte die Frage um die endgültige Teilung Berlins als ein vom Westen gesteuertes Gerücht zu zerstreuen versucht. Ohne weiter in die Tiefe zu gehen, belegte er seine Aussagen damit, dass die Bauarbeiter der Hauptstadt mit dem Wohnungsbau beschäftigt und ihre Arbeitskraft voll ausgelastet sei. Tatsächlich überzeugt hatten seine Worte aber wohl kaum jemanden im Saal – wie konnten sie auch?
Zuvor war bereits an die Öffentlichkeit gedrungen, dass das DDR-Regime große Mengen an Baumaterialien wie Stacheldraht und Zaunpfählen anschaffen und in verschiedenen Sektoren der Ostzone lagern ließ. Diese schienen jedoch kaum für den Wohnungsbau geeignet.

Nicht versiegender Flüchtlingsstrom
Faktisch war die Teilung Deutschlands bereits mit der Gründung beider deutscher Staaten im Jahr 1949 vollzogen. Das Passieren der Innerdeutschen Grenze, der Demarkationslinie zwischen Ost- und Westdeutschland, war in den ersten Jahren allerdings noch ohne größere Probleme möglich.
Ein Umstand, den viele Menschen aus den sowjetisch besetzten Gebieten für eine Flucht in den westalliierten Raum nutzten. Schon vor 1949 waren knapp zwei Millionen Menschen in den Westen übergesiedelt. Der Bevölkerungsabgang als Reaktion auf die von Moskau gestützte repressive Politik des SED-Regimes entwickelte sich von Anfang an als kaum kontrollierbares Problem für die innere Stabilität der DDR.
Um einen weiteren Exodus zu verhindern, entschloss sich die ostdeutsche Führung im Mai 1952 die Demarkationslinie als tatsächliche Grenze zwischen beiden deutschen Staaten zu schließen.
Auf einer Länge von 1.378 Kilometern ließ sie eine streng kontrollierte und polizeilich befestigte Sperrzone errichten. Der Grenzstreifen führte querfeldein entlang der bisherigen Demarkationslinie und machte vielerorts selbst vor grenznahen Dörfern nicht Halt. Lagen diese auf Ostgebiet innerhalb der 500 Meter breiten Schutzzone entlang der Grenze, so galten für ihre Bewohner besonders strenge Verhaltens- und Kontrollvorschriften. Zahlreiche als vermeintliche Republikfeinde ausgemachte Dorfbewohner mussten ihre Häuser und Dorfgemeinschaften sogar ganz verlassen und wurden in grenzferne Gebiete umgesiedelt. Die von der Staatsführung als «Aktion Ungeziefer» bezeichnete Maßnahme legte schon dem Namen nach den menschenverachtenden Zwang ihrer Durchführung offen.

Berlin mit Sonderstatus
Die Schließung der Grenzen hatte natürlich auch Auswirkungen auf die Millionenmetropole Berlin. Die Augen der Weltöffentlichkeit waren in diesen spannungsvollen Tagen auf die heutige Bundeshauptstadt gerichtet. Denn nirgends sonst in den von den alliierten Siegermächten besetzten deutschen Gebieten kamen sich die feindlich gesinnten Blöcke des Kalten Krieges so nah wie hier.
Nach dem Kriegsende und den Beschlüssen der Jaltakonferenz wurde die Stadt in vier Besatzungszonen aufgeteilt. Die Alliierten Frankreich, USA, Großbritannien und die Sowjetunion verwalteten je einen dieser Sektoren.
Mit dem Moment der Grenzschließung waren augenblicklich rund 75 Prozent der Verkehrswege zwischen West-Berlin und dem ostdeutschen Umland nicht mehr nutzbar. Insgesamt unterbrachen Schlagbäume und Grenzzäune rund 200 der in die Stadt führenden Straßenverbindungen. Auch im Berliner Umland kam es im Zuge der Grenzsicherung zu massiven Enteignungs- und Umsiedlungsaktionen. Außerdem wurden Strom- und Telefonleitungen zwischen Ost- und Westteil der Stadt gekappt.

Schlupfloch in den Westen
Dass West-Berlin nicht völlig isoliert blieb, lag einzig daran, dass der Transit zwischen den einzelnen Sektoren auch weiterhin möglich war. Es war das Schlupfloch in den Westen, das den Flüchtlingen aus dem sozialistischen In- und Ausland geblieben war.
Mit Schließung der innerdeutschen Grenzen hatten die Spannungen des Kalten Krieges weiter an Fahrt aufgenommen. Weltweit stand die politische Lage zunehmend unter dem Eindruck des bipolaren Blockdenkens.
Berlin lag als Schmelztiegel der Propaganda im Zentrum der Interessen der damaligen Weltmächte. Im Jahr des Mauerbaus bekräftigten sowohl Chruschtschow als auch der amerikanische Präsident John F. Kennedy ihre Unnachgiebigkeit und die strategische Bedeutung der Stadt. Die Sicherung der Freiheit West-Berlins und der freie Zugang wurden in den USA zur Staatsräson erhoben.
Währenddessen riss der Flüchtlingsstrom in den Westen kaum mehr ab. Zwischen 1945 und August 1961 waren mehr als 3,5 Millionen Menschen aus der sowjetischen Besatzungszone und der späteren DDR entkommen.
In Ostdeutschland selbst geriet die Planwirtschaft nach sowjetischem Vorbild zunehmend in Misskredit. Die wirtschaftliche Stagnation konnte nur durch immense Kredite aus Moskau ausgeglichen werden. Die sich verschärfende Kritik der Sowjetführung konterten die SED-Oberen Anfang August auf einer Versammlung des Warschauer Paktes in Moskau erstmals mit der Forderung nach einer Schließung der innerstädtischen Grenzen zwischen West- und Ost-Berlin, sowie einer Unterbrechung der Luftkorridore. Dem Drängen wurde stattgegeben, der Beschluss zur Teilung der Stadt war gefasst.

Lückenloser Plan
Die SED-Führung ließ keine Zeit verstreichen, intern hatte man den Ernstfall längst durchgespielt, die Abläufe waren detailgenau vorausgeplant. Die Leitung der Operation unterstand dem Sekretär des Zentralkomitees Erich Honecker.
Es ist unter heutigen Bedingungen nur noch schwer nachvollziehbar, welch enorme Ressourcen – sowohl materielle als auch humane – im unmittelbaren Vorfeld des Mauerbaus in Bewegung gesetzt wurden. Tausende Soldaten der Nationalen Volksarmee und der sowjetischen Besatzungstruppen, Volkspolizisten, Agenten und anderweitige Mitarbeiter der Staatssicherheit waren in Alarmbereitschaft versetzt. Die Überwachung unter dem Decknamen «Aktion Rose» und «Aktion Ring» war absolut.
Die Schließung der Grenze überrumpelte die Berliner im Schlaf. Am Sonntag, dem 13. August, um ein Uhr nachts, positionierten sich bewaffnete Einheiten entlang der 160 Kilometer langen innerstädtischen Grenze um West-Berlin. In nur 30 Minuten waren mehr als 80 Straßenwege blockiert, Bahnhöfe besetzt und der Nahverkehr zwischen beiden Seiten zum Erliegen gebracht. Reisende in diesen Stunden wurden vollkommen überrascht – Westberlin war abgeriegelt.
Im Plan blieb keine Zeit zum Atmen. Umgehend begannen die militärischen Sicherungen der Straßen, das Pflaster wurde aufgerissen, Bahngleise gespalten und allerorts zogen sich garstige Stacheldrahtrollen entlang der Grenze. Um sechs Uhr, als die Berliner im sommerlichen Morgenlicht erwachten, war die Stadt geteilt. Nur an einigen wenigen Punkten und nur für kurze Zeit war der kontrollierte Transit zwischen Ost und West noch möglich.
Vier Tage später, am 17. August, wurde mit dem befestigten Ausbau der Grenzanlage begonnen. Als Bautrupps Stacheldrahtsperren durch Betonplatten und Hohlziegel ersetzten und West-Berlin einzumauern begannen, erlebte die Stadt einige der dramatischsten Stunden und Tage ihrer Geschichte.
Die emsig zur Arbeit herangezogenen Ost-Berliner Bauarbeiter entlarvten Staatssekretär Walter Ulbricht endgültig als Heuchler vor den Augen und Ohren der Geschichte und einer fassungslos auf Berlin blickenden Weltöffentlichkeit.

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