B wie «Be the change»

Firmengründerin Claudia Sánchez vor ihrem Geschäft EnBitrina für Kunsthandwerk im Barrio Italia.
Claudia Sánchez vor ihrem Geschäft EnBitrina für Kunsthandwerk im Barrio Italia.

Das Fachgeschäft für Kunsthandwerk, das die Deutsch-Chileninnen Claudia und Verónica Sánchez vor zwei Monaten im Barrio Italia eröffnet haben, soll kein gewöhnliches sein, sondern privatwirtschaftlichen Nutzen und Gemeinwohl vereinen. Deshalb heißt es «EnBitrina». Das B steht für die «Bewegung B» oder «Benefit Corporation».

Von Petra Wilken

Don Atilo auf Chiloé konnte es nicht glauben, als ihm Claudia Sánchez sagte, sie bezahle keine 3.500 Pesos für seine Schafswolle, den Preis, zu dem er sie normalerweise verkauft. «Wieviel wollen Sie denn bezahlen?», fragte er verzagt. «Ich bezahle Ihnen 5.500 Pesos und verkaufe sie für 8.500 Pesos in Santiago. Damit habe ich einen Gewinn von 35 Prozent. Das ist gut». Die Deutsch-Chilenin Claudia Sánchez erläutert anhand dieser Anekdote, worum es ihr und ihrer Schwester geht. Sie unterstützen chilenische Kunsthandwerker-Initiativen, indem sie ihnen einen fairen Preis zahlen und sie für die Kunden auch als Hersteller der Produkte mit ihrer Marke sichtbar machen.

EnBitrina verkauft Produkte von rund einem Dutzend chilenischer  Kunsthandwerker-Initiativen, darunter Stiftungen, Kooperativen, Nichtregierungsorganisationen und kleine Firmen. «Wir fördern die Initiativen und damit lokales Design», erklärt Firmengründerin Claudia Sánchez. Dabei achten sie schon darauf, dass die Produkte – Dekoration, Accesoires und Textilwaren – Stil haben und gut verarbeitet sind. Zur Philosophie der B-Bewegung gehört auch, dass sie fast keine Waren in Konsignation nehmen, sondern die Produzenten gleich bei Lieferung bezahlen.

«Manos de Santo Domingo» zum Beispiel ist eine Stiftung, in der sich Ehefrauen von Arbeitern aus der V. Region zusammengeschlossen haben. Sie stellen aus Stoffresten alle möglichen Gebrauchsartikel für den Haushalt her. Auch andere Kunsthandwerker-Gruppen machen aus Alt wieder Neu und liegen damit ganz im Trend des «Upcycling» (englisch up «hoch» und recycling «Wiederverwertung»). Gemeint sind Abfallprodukte, die in neuwertige Produkte verwandelt und damit aufgewertet werden. 

So arbeitet die Initiative Minka mit der chilenischen Marke Lounge zusammen und verwertet die Materialien beschädigter Artikel, die sonst im Müll landen würden – Ketten, Schals oder andere Accesoirs. Die Kunsthandwerkerinnen von Minka sind unter anderen Insassinnen des Frauengefängnisses San Joaquín. Die «emprendedores» von Greenglass hingegen stellen aus alten Flaschen schmucke Trinkgläser mit allen möglichen flotten Aufschriften her. Vor allem ausländische Touristen nehmen gerne Mitbringsel aus «EnBritina» mit, wie zum Beispiel kleine Mapuche-Figuren aus Stoff oder aus Filz von der Organisation «Hebras del Alma» aus Villarrica.  

«EnBitrina ist ein soziales Projekt. Wir bieten nicht nur den Verkaufsraum an, sondern wir beraten unsere Lieferanten auch, informieren sie über Förderprogramme zur Gründung von Kleinunternehmen oder klären über andere Themen auf, die für Produktion und Verkauf relevant sind», so Claudia Sánchez.

Die Kenntnisse über sozial ausgerichtetes Wirtschaften bringt ihre Schwester Verónica ein. Die Betriebswirtschaftsingenieurin hat bei einer Nichtregierungsorganisation und in einem staatlichen Förderprogramm für «emprendedores» gearbeitet. Im Moment lebt sie in London, wo sie einen Master in Öffentlicher Verwaltung macht, doch sie steht in engem Kontakt mit ihrer Schwester vor Ort und managt von England aus die digitalen Netzwerke.

Das Ziel der Schwestern ist es, sich später einmal von der World Fair Trade Organization (WFTO) zertifizieren zu lassen. Dazu werden sie nachweisen müssen, dass sie die zehn Prinzipien der privaten Organisation befolgen – unter anderem, dass sie wirtschaftlich benachteiligten Produzenten Chancen geben, ihnen faire Preise gezahlt werden, dass sie gute Arbeitsbedingungen haben, es keine Kinderarbeit gibt und dass die Produktion nicht umweltschädigend ist.

Die Prinzipien des fairen Handels, die es als Soziallabel bereits seit den 1970er Jahren gibt, sind Vorbild für die neue Bewegung B, wobei das B für Benefit, also  für positives Wirken steht. Die Bewegung ist als private Initiative entstanden und in mehreren Netzwerken organisiert, die neuen Firmen unter anderem Online-Instrumente zur Steigerung der sozialen Wirkung anbieten.  

Neben den privaten Initiativen ist die Benefit Corporation (kurz B-corps) 2010 zur offiziellen Unternehmensform in vielen Bundesstaaten der USA geworden. Seit Ende 2015 ist Italien das erste europäische Land, in dem die Benefit Corporation anerkannt wurde. Sie ist der deutschen gemeinnützigen GmbH ähnlich, darf aber Gewinne an ihre Gesellschafter ausschütten. Damit wird den Gewinnabsichten der B-corps nachgekommen. Sie müssen sich aber höheren Auflagen bei der Transparenz ihrer Bilanzen unterziehen und regelmäßig ihre Gemeinnützigkeit prüfen lassen. Ziel ist es, Gemeinwohl und privatwirtschaftlichen Nutzen vereinbar zu machen.

Auch ohne spezielle rechtliche Unternehmensform hat die B-Bewegung in Deutschland Einzug gehalten. Mehrere Dutzende B Corps sind von privaten Initiativen zertifiziert worden. Hot Spot der Unternehmensgründungen ist Berlin. Dort gibt es am meisten Unternehmen, die den Leitsprüchen «Be good» oder «Be the change» folgen.

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